Eine kleine, heile Welt

- Heidi Schauer und ihr Bastlerparadies -

Im Musikzimmer prasselt das Feuer im Marmorkamin. Der Herr des Hauses sitzt im hohen Ledersessel davor. Vor ihm steht auf einem Biedermeier-Tischchen ein Glas Wein und mit geschlossenen Augen lauscht er seiner Frau, die im weißen Abendkleid am Mahagoni-Flügel sitzt und für ihren Gatten spielt. Kerzen verbreiten ein sanftes Licht, im Glas des Vitrinenschrankes spiegelt sich das Rosengeschirr und Beethoven`s Porzellanbüste steht daneben - allerdings ist sie gerade mal 4 cm hoch, der Salon-Flügel 12 x 16 x 8,5 cm und die Größe des Speiseservice im Vitrinenschrank (Maße 19,5 x 12 x 5 cm) kann man nur noch in Millimetern ausdrücken. Schöne, heile, kleine Welt. Alles das, was man sich vielleicht in Wirklichkeit erträumt, kann man sich in Miniaturgröße selbst zusammenbauen und tagtäglich betrachten. Häuser im Maßstab 1 : 12, nach den Vorbildern vergangener Stilepochen mit ebenso detailgetreuen Möbeln, mit Tapeten und Holzböden, Teppichen, Kochtöpfen, Obstschalen, bis hin zum Holzscheit im Kamin, lassen das Herz eines jeden Modellbauers oder Sammlers höher schlagen.
Doch der Salonflügel ist ein Bausatz aus über 70 Bauteilen, mit 12seitiger Bauanleitung und 30 Detailzeichnungen - aber dafür voll funktionsfähig. Er muss aufwändig lackiert werden und stellt an den Bastler ziemlich hohe Anforderungen. Ein Albtraum für mich - ein Traum für Heidi Schauer, denn sie hat sich mit "Heidis Miniwelt", einem kleinen Laden in Villingen, Goldenbühlstr. 12, in echt erfüllt, was man bei ihr jetzt in Miniatur kaufen

kann. "Die Idee hatte ich schon vor 20 Jahren", erzählt Heidi, 48 Jahre jung, doch damals hat sie einen Job, der ihr liegt und viel Spaß macht. Heidi leitet eine Kantine, ist für Einkauf und Lagerhaltung verantwortlich und hilft beim Essen austeilen. Kein Gemüse schnippeln, kein kochen, sondern Organisation vom feinsten. "Da wäre ich freiwillig nie weggegangen", sagt Heidi, doch am 30. Juni 2003, nachdem Heidi 21 Jahre dort arbeitet, wird die Kantine geschlossen und etliche Mitarbeiter entlassen. Heidi ist geschockt, sie meldet sich arbeitslos und die Suche nach einer neuen Stelle beginnt. Etwas gleichwertiges wird sie nicht mehr finden, dass merkt sie sehr schnell. Heidi versucht es in der Fabrik und als Küchenhilfe. Nur ein einziger, befristeter Job, wird ihr angeboten. Im September besucht sie einen Buchungsführungskurs und denkt über ihre frühere Idee nach, die ihren Ursprung aus dem An- und Verkauf von gebrauchtem Spielzeug hat.
Heidi überlegt eine Ich-AG zu gründen und eigentlich geht es bei ihr total leicht - doch Heidi macht es sich nicht leicht. Sie sucht die Beratung der IHK, holt sich Infos vom Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit und fragt beim Finanzamt nach. Dann fällt die Entscheidung. Am 1.Oktober macht sie sich selbständig. Heidi schaltet Anzeigen und verteilt Handzettel. In den ersten drei Wochen kommen ein paar Neugierige und von Verkauf kaum die Rede. Doch jetzt wird es immer besser und einige Kunden kann man schon Stammkunden nennen, denn ein vergleichbares Geschäft in dem Hobby-

Modellbauer einkaufen können,gibt es auch in der weiteren Umgebung nicht. Eine kleine Ecke ihres Geschäftes ist immer noch dem An- und Verkauf von Spielzeug vorbehalten und mit Wonne näht und strickt sie Kleider, Hosen und Pullis für Baby-Born in allen nur erdenklichen Preisklassen. Doch ihr Hauptgeschäft ist der Traum vom Miniaturhaus mit allen nur erdenklichen Bausätzen und originellem Zubehör. Auch ihre Bastelecke möchte sie noch ausbauen und vielleicht einmal Kurse für Modellbaufans geben, die noch Hilfe brauchen.
Heidi`s Ziel ist es durchzuhalten und mit Freude einen Laden zu gestalten, der ein wahres Paradies für Menschen mit Liebe zum Detail sein soll und die genauso viel Freude an klitzekleinen Weihnachtsbrötchen, winzigen Stricknadeln und Kronleuchtern in Millimetergröße haben, wie sie es hat. Doch Heidi will flexibel bleiben und auf die Wünsche ihrer Kunden eingehen. "Vielleicht sieht mein Laden in einem Jahr ganz anders aus", sagt sie. Heidi`s Miniwelt ist von Montag bis Freitag von 11 bis 18 Uhr geöffnet, doch der Anrufbeantworter läuft immer unter Tel. 07721-9983832.

Barbara Dickmann