Leser-Reaktionen

- Klage gegen den deutschen Staat -

Dass wir in ein Wespennest hinein stechen war uns klar. Denn die ,,Klage gegen den deutschen Staat", so war der Brief einer allein erziehenden Mutter von drei Kindern tituliert, die wir in der letzten typisch frau in Auszügen veröffentlicht haben, spiegelt wieder, was wir an jeder Ecke hören. Zu wenig Geld, zu wenig Zeit, alles zu teuer, Lebensmittel vom Discounter, keinen Urlaub, ein klappriges Auto und Unterstützung vom Staat nur, wenn man einen Antrag nach dem anderen stellt und gezahlt wird erst nach Wochen. Wer Kinder hat ist der Dumme und Alleinerziehende die Armen der Nation. Die anschließenden Fragen, die wir an Sie, liebe Leserinnen und Leser stellten, waren mit Absicht provokativ und kamen auf den Punkt gebracht nur auf eins heraus: Ist der Staat wirklich dafür verantwortlich, dass wir alle nicht nur eine Grundversorgung haben, sondern auch noch Biokost, Urlaub, Auto, Haushaltshilfe und eine Eigentumswohnung? Ihre Reaktion war überwältigend. Unsere Telefone standen nicht still und hier die Zusammenfassung der unterschiedlichsten Ansichten und Meinungen.
Ein geschiedener Vater berichtet: ,,Als ich den Bericht gelesen haben, habe ich gemeint typisch frau schreibt über mich. Auch ich habe drei Kinder und zahle jeden Monat 865 Euro Unterhalt für die Kinder an meine Frau und manchmal auch nicht pünktlich. Denn meine Frau ist nach Berlin gezogen und die Flüge kosten 600 Euro. Dann passiert es auch bei mir, dass ich mal am 15. oder erst am 20. das Geld überweisen kann. Doch ich will den Kontakt unbedingt halten und dann höre ich immer wieder einen Satz von ihr: Wenn Du nicht pünktlich zahlst, sieht Du die Kinder nicht mehr. Sie hat sich scheiden lassen, um sich selbst zu verwirklichen und wollte 2000 Euro jeden Monat von mir. Ich habe ihr gleich gesagt, dass das unmöglich ist, von irgendetwas muss ich auch noch leben. Doch das interessierte sie von Anfang an nicht. Entweder ist Vater Staat verantwortlich oder ich und bis heute ist immer jemand anders schuld - nur sie nicht. Das ist eine furchtbare Unruhe in meinem Leben, wobei der Verlust der Kinder an meinem Wohnort schon schlimm genug ist. Meine Exfrau arbeitet nicht und will das auch gar nicht. Dafür kann ich doch nicht den Staat verantwortlich machen. Das einzige, was ich ihm ankreide ist, dass ich noch nicht einmal die Flüge meiner Kinder steuerlich absetzen kann. Doch grundsätzlich meine ich, wenn man auf einmal zwei Haushalte unterhalten muss, geht das nur mit Abstrichen für beide. Jetzt habe ich eine Frau kennen gelernt, die völlig selbständig ist und ihr Leben unabhängig von mir meistert. Das genieße ich sehr, endlich jemanden zu haben, der Probleme angeht und sie löst anstatt sich immer andere zu suchen, die dafür verantwortlich sind."
"Meine Kinder habe ich für mich bekommen und nicht für den Staat oder als

Rentenzahler. Ich bin heute 73 Jahre alt und wenn ich meine Kinder nicht hätte, wäre ich heute allein auf der Welt. Und meine Kinder kümmern sich um mich. Was macht es, dass ich früher immer die letzte war, die neue Klamotten kriegte. Elfriede Baumgartner aus Brigachtal hat genau gerechnet. Die Alleinerziehende hat insgesamt Euro 1.716,-- jeden Monat zur Verfügung und das ist nicht wenig Geld, findet sie. Ein Auto sei zwar schön - auch für die Kinder, doch es ginge auch ohne. Und aus der Vergangenheit kann man auch als junge Frau lernen, denn die Gegenwart komme daraus. "Es gibt Menschen, die viel weniger Geld haben und außerdem sind drei Kinder wirklich genug", sagt sie. "Die jungen Frauen von heute wollen alles haben, doch würden sie einmal zurückblicken und sich bewusst machen, wie ihre Großeltern gelebt haben, wären sie vielleicht zufriedener." Denn Elfriede Baumgartner kennt die Schrecken des Krieges noch und weiß, wie zerstörte Städte aussehen und wie es sich darin lebt.

Gabriela Chudoba aus Triberg, 44 Jahre jung, war erst ziemlich geschockt als sie die von uns gestellten Fragen las. "Bei Ihnen findet man doch sonst immer so viele Tipps, wie man an staatliche Hilfe kommen kann", war ihr Kommentar. Und jetzt so etwas! Sie empfindet es schon als Kampf, heute vier Kinder großzuziehen, auch wenn die Ehe intakt ist. Trotz verdienendem Mann arbeitet sie Teilzeit um über die Runden zu kommen. Und genauso meint sie es auch. Sie braucht keine großen Sprünge, hat jedoch ein kleines Häuschen, das sogar weniger kostet als eine vergleichbare Miete. Und das sei erst der Anfang, wenn die Kinder einmal studieren, wer weiß, was das dann alles kostet, ist ihre Zukunftsüberlegung. Sie fühlt sich oft überlastet durch Beruf und Haushalt, hat keine Familie in der Nähe und ist auf Nachbarschaftshilfe angewiesen. "Das hat auch schon funktioniert und darüber bin ich sehr dankbar", sagt sie. Doch auch sie steht zu ihrer Selbstverantwortung gegenüber den Kindern und erwartet nicht, dass der Staat die Kosten für Essen, Trinken, Kleidung, Wohnung übernimmt. Was sie vom Staat will wäre folgendes: "Schulen mit einem Betreuungsangebot bis 15 Uhr, die Chance auf kostenlosen Musik- und Kunstunterricht, damit nicht nur Kinder, deren Eltern das Geld dazu haben, ihre Talente entdecken können". Denn wenn eine Mutter weiß, dass sie bis 15 Uhr arbeiten kann, sieht die Welt schon anders aus, meint Gabriela Chudoba. Hedwig Fleig aus Villingen setzt auf selber machen, um Kosten zu sparen. "Mit etwas Phantasie kann ich viel erreichen. Zum Beispiel nähen oder selbst kochen und keine Fertigprodukte kaufen, ist ihr Tipp, der auch noch Spaß macht.
Selbstverwirklichung ist ein Wort, was nicht nur der geschiedene Leser, sondern auch aus den verschiedensten Telefongesprächen sehr oft herausklang.

Gerade die ältere Generation der Frauen kann es nicht verstehen, dass die jungen sich heute - ohne wirklich gravierenden Grund - trennen und lieber mit ihren Kindern allein leben, als zu versuchen, gemeinsam etwas durchzustehen. "Das kann nur auf Kosten der Kinder gehen, die dann oft psychiatrische Behandlung brauchen und hin- und her gerissen werden", sagten alleine drei Frauen übereinstimmend. Auch ist der Anspruch auf Urlaub gerade bei der älteren Generation völlig unverständlich. "Wir sind nie in Urlaub gefahren, wir haben es uns zu Hause gemütlich gemacht", haben wir oft gehört.
Eine junge Frau, die selbst als Tagesmutter arbeitet wunderte sich, denn unter bestimmten Voraussetzungen zahlt sogar das Jugendamt - zumindest anteilig - die Kosten einer Tagesmutter und das wäre doch vielleicht eine weitere Alternative um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. "In Italien gab es früher ein geflügeltes Wort: Die Deutschen haben den Staat und wir Italiener haben die Familie", berichtet eine Leserin. Heute stimme das auch nicht mehr so und doch kann man gerade bei den ausländischen Mitbürgern beobachten, dass sie sich gegenseitig helfen. Eine Bankangestellte sagt es ganz deutlich: "Diese Familien halten zusammen, sie brauchen keine Arbeitsunfähigkeits- oder Lebensversicherung, wenn einem etwas passiert, dann tritt der Rest der Familie wie selbstverständlich für die Schulden ein."
Eine verwaiste Mutter kann die Problematik überhaupt nicht begreifen. "Da hat diese Frau gesunde Kinder und jammert", sagt sie, "ich würde sofort alles Geld hergeben, wenn meine Tochter wiederkäme". Erika Engesser aus Fürstenberg hat immer die Bilder von den Trümmerfrauen vor Augen, die das Nachkriegs-Deutschland geprägt haben und findet die Forderungen vieler Alleinerziehender, die immer nach dem Staat schreien, einfach anmaßend.
Und drei Dinge wurden ganz deutlich immer wieder betont: Keine Frau muss heute bei ihrem gewalttätigen Mann bleiben - egal ob Kinder oder nicht, ihr muss einfach geholfen werden. Und eine Grundversorgung für alle Bedürftigen muss ein Sozialstaat einfach leisten, doch wirklich nur Essen, Trinken, Kleidung und Bett. Und als letztes, doch genauso wichtiges wird ein gutes Betreuungsangebot und keine Kinderverwahranstalt bis in den Nachmittag hinein gefordert, denn was die Mehrzahl der Staaten schon heute selbstverständlich leistet, sollten wir auch können. Wir danken allen Leserinnen und Lesern für ihre spontanen Anrufe, ihre Offenheit und Ehrlichkeit. Wir bleiben am Thema dran, und werden noch Auszüge aus Emails und Briefen veröffentlichen.

Barbara Dickmann