Sucht beherrscht nicht alles

- Ein Treffpunkt für Angehörige von Süchtigen -
- Wichtig: Das Entdecken des eigenen Ichs -

Simone Schmidtke, Sozialpädagogin, begleitet mit Worten und Texten schon siet 1989 Angehörigen-Gruppen und ist seit 2005 bei der Fachstelle Sucht dabei
Bild: B. Dickmann

Ihr Gesicht ist gerötet und sie muss einmal tief durchatmen. Dieses Gespräch fällt ihr sehr schwer, doch sie hat ein starkes Motiv. "Ich weiß, dass es viele Frauen gibt, die das gleiche erleben wie ich und völlig am Ende sind. Sie sollen erfahren, wie gut es tut, sich hier Hilfe zu holen". Damit meint sie die Angehörigen-Gruppe der Fachstelle Sucht im Allgemeinen und Simone Schmidtke, Sozialpädagogin, im Speziellen. Denn sie begleitet die Angehörigen-Gruppe, ist bei den 14-tägigen Treffen dabei und schafft es immer, diese Frauen aus dem Loch zu holen, wenn die Tage wieder unerträglich waren.
Regine M. (Name geändert) ist die Frau eines Alkoholikers. Schon seit vielen Jahren, doch Regine M. wahrt den Schein. Sie schämt sich und keiner soll es erfahren. Sie sorgt dafür, dass ihr Mann pünktlich zu Arbeit geht, wichtige Termine macht sie alleine, arbeitet, um finanziell über die Runden zu kommen und vermeidet Familienfeiern. Regine M. hat alles versucht. Sie hat ihn kontrolliert, die Schnapsflaschen versteckt, hat getobt, gedroht und war besonders aufmerksam und liebevoll, wenn er aufhören wollte. "Ich trinke nie mehr, wirklich nicht, nie mehr, ich schaff das jetzt!" Regine M. weiß nicht mehr, wie oft sie diesen Satz von ihrem Mann gehört hat und wie oft er schon am nächsten Tag wieder an der Flasche hing. Im Sommer 2009 ist sie völlig am Ende. Physisch wie psychisch. Regine schläft nicht mehr,

heult nur noch, hat Kopfschmerzen, ist depressiv und will und kann nicht mehr. Sie vertraut sich ihrem Arzt an und der drückt ihr eine Broschüre in die Hand. Sie handelt von der Sucht und wie man einem Süchtigen helfen kann. Doch dann erfährt Regine M. zum ersten Mal, dass sich in ihrer Region Angehörige von Suchtkranken regelmäßig treffen und dabei von einer Fachkraft begleitet und beraten werden. Regine M. hat schon lange keinen Menschen mehr, dem sie sich anvertrauen kann, kein Freundeskreis steht ihr zur Seite, lediglich eine einzige Freundin ist ihr geblieben. Regine geht. Mit letzter Kraft und verdrängt die Horrorszenarien die passieren können, wenn sie nicht zu Hause ist.
"Das war der erste wichtige Schritt", erklärt Simone Schmidtke und Regine M. nickt bestätigend, denn diesen ersten Abend wird sie nie vergessen. Zum ersten Mal geht es um sie, um ihre Bedürfnisse, um ihre Ängste und Sorgen. Sie kann erzählen, frei von der Leber weg und um sie herum sitzen Menschen, die verständnisvoll nicken und nur zu genau wissen, wovon sie spricht. Und zum ersten Mal erkennt sie ihre eigene Co-Abhängigkeit, was bedeutet, dass ihr Leben ganz durch die Sucht beherrscht wird. Für eigene Interessen, Hobbys oder die Pflege von Freundschaften bleibt kein Raum, denn unablässig kreisen ihre Gedanken um die Alkoholsucht ihres Mannes.
Seitdem geht Regine regelmäßig in die Gruppe. "Es geht nicht um den Betroffenen, um seine Sucht und die Hilfe, die er braucht, hier geht es allein um die Angehörigen, um ihre Bedürfnisse und um ihr Leben", diese Aussage ist Simone Schmidtke ganz arg wichtig. Regine M. ist jetzt schon bald zwei Jahre mit dabei und ihr Leben hat sich grundlegend verändert. Heute sieht sie den Tatsachen ins Auge. Die Sucht ist da und wird nicht wieder von alleine verschwinden. Doch dafür ist sie nicht verantwortlich und es steht auch nicht in ihrer Macht, das zu ändern. Bis heute schafft es Regine nicht immer, ihre

Schuldgefühle zu überwinden und manchmal hält sie die Angst gefangen und sie rutscht in ihre alte Rolle und will helfen, damit nicht noch alles schlimmer wird. Dann geht Regine einfach aus dem Haus und fährt mit dem Auto stundenlang durch die Gegend. "Ich habe gelernt, konsequent zu sein und nach mir selbst zu schauen", sagt sie. Was sie heute ankündigt, führt sie auch durch. Was immer bleiben wird, sind tiefste Verletzungen. "Immer dieses angelogen werden...,"Regine weiß nicht, ob sie das je verzeihen wird. Ihr größter Erfolg: Regine M., die Frau, die sich nicht für eine Stunde aus dem Haus getraut hat, ist für acht Tage in Urlaub gefahren - mit einer Freundin und ohne Mann. "Die Gruppe hat mich gerettet", sagt sie und dann sind wir wieder beim Anfang. Egal ob Sie Ehefrau, Ehemann, Mutter oder Vater eines Angehörigen sind, der Alkohol-, Medikamenten-, Spielsüchtig ist, diese Gruppe ist für alle offen. Wichtige Anmerkung von Simone Schmidtke: "Wenn sich Angehörige verändern, hat der Süchtige größere Chancen auch selbst Veränderungen herbeizuführen. Oder umgekehrt: Entschließt sich der Süchtige zum Entzug, passiert bei ihm sehr viel und dann muss bei dem Angehörigen auch etwas passieren".

Die Gruppe Ist unverbindlich, kostenfrei und wird geleitet von einer Mitarbeiterin der Fachstelle Sucht, Großherzog-Karl-Str. 6, Villingen-Schwenningen, Tel. 07721-878646-0, Email: fs-sbk@bw-lv.de, www.suchthilfe-vs.de, Ansprechpartnerin: Simone Schmidtke,
Die Gruppe ist sinnvoll für alle Menschen, die einen Angehörigen/Partner haben, der ein Suchtproblem hat,
die unter dem Suchtmittelkonsum ihres Angehörigen/Partners leiden,
die spüren, dass die Sucht des anderen auch zu ihrem Lebensinhalt wird,
die oft ihren eigenen Wahrnehmungen und Gefühlen nicht mehr trauen,
und die diesen Teufelskreis durchbrechen wollen.

Barbara Dickmann