Sie frühstücken, ganz gemütlich und sind gut drauf. Zur gleichen Zeit läuft ein junger Mann in seine ehemalige Schule und schießt... schießt auf Ihre Tochter! Der Horror schlechthin! Für die Familien, die Schule, die Stadt, für das ganze Land.
Seit dem Amoklauf von Winnenden ist Prävention ein umso größeres Thema. Prof. Adolf Gallwitz, Polizeipsychologe, Prodekan der Polizeihochschule Villingen-Schwenningen, zeigt auf, was wir alle tun können: Keine Frage, hier sind natürlich in erster Linie die Eltern gefordert. Doch was ist los in unseren Familien?
Die Unterbringung von Kindern in Pflegefamilien hat dramatisch zugenommen. Eine ganze Reihe von Studien belegt, dass der Prozentsatz von Kindern, die physisch aber auch psychisch in einem schlechten Zustand sind, stetig steigt. Doch das hat nichts mit Ego-Shooter, Horror- und Actionspiele zu tun. "Nicht das Wie viel ist wichtig, sondern das Warum und warum so viele Stunden? "sagt Adolf Gallwitz. Kriminalisierung und Verbote nutzen gar nichts. Ganz im Gegenteil, das ist die beste Werbung für ein Spiel, wenn es erst ab 18 empfohlen wird. Die Familie scheint ein Auslaufmodell zu sein. Die Scheidungsrate beträgt um die 53 Prozent, außer den Eltern, die sich nicht scheiden lassen und trotzdem kein Hort der Geborgenheit sind. Die nach außen eine Vorzeige-Familie darstellen, aber im innern den Kontakt verloren haben. Adolf Gallwitz erinnert sich an folgende Aussage: Ich lebe schon seit dreißig Jahren in einer Familie, wo nicht gesprochen wird und jeder eine derartige Wut hat...
Wo lernen wir Erziehung? Fragt Adolf Gallwitz. Was können Sie Eltern raten? Fragen wir den Psychologen und Vater zweier schulpflichtiger Töchter. Hier seine Antwort: Eltern sollten immer wieder hinterfragen, wie ihr Kind sich in der Schule verhält und so viel wie möglich über die Schule und über die Freunde reden. Sich nicht einfach nur Sorgen über die modernen Medien machen, sondern hinterfragen warum ihr Kind stundenlang davor sitzt. Angebote machen, Familienaktivitäten durchziehen und nicht kapitulieren. Eltern sollten sich selbst fragen, was sie den Kindern bieten, was sie eigentlich selbst machen, ob sie genug ihre Mama- und Papa-Funktion ausüben und sich nicht immer über neue Erziehungsstile Gedanken machen. Habe ich ein Kind, das ich loben kann? Kinder brauchen Bereiche wo sie sich darstellen können und es sollte nicht nur der Schützenverein sein. Mit Kindern diskutieren und nicht nur verbieten, selbst am Computer ergründen, was denn hinter diesen Spielen steckt. In der Pubertät sind Kinder einfach schwierig und stachelig. Doch dann brauchen sie ihre Eltern ganz besonders. Sie brauchen verzeihende,
verständnisvolle Eltern, die was einstecken können und Ausraster nicht persönlich nehmen. Und wenn die gleichaltrige Gruppe zunehmend wichtiger wird, hilft nur noch beten. Doch ein Kind, das zuvor genug Wertvorstellungen mitbekommen hat, wird die raue See überstehen. Eine andere Riesenbaustelle ist für ihn die frühe Förderung, das frühe Erkennen einer Traumatisierung von Kindern, die emotional und seelisch vernachlässigt werden.
Die nächste Baustelle: Jedes 10. Kind, das wegen eines Unfalls ins Krankenhaus eingeliefert wird, ist Opfer von häuslicher Gewalt. "Hier sind alle Ärzte gefordert, insbesondere die niedergelassenen" , sagt Adolf Gallwitz. Denn die Anzeigen kommen in der Regel nur von den Krankenhausärzten. "Bei häuslicher Gewalt gibt es keine Schweigepflicht, es muss einfach selbstverständlich für jeden werden, den Opfern zu helfen. Jeder Facharzt erkennt sofort, ob es sich um einen körperlichen Übergriff oder einen tatsächlichen Unfall handelt." Doch eine Berufsgruppe will der Psychologe ganz besonders aufrütteln. Unsere Lehrer - denen wir unser Liebstes für viele, viele Jahre anvertrauen müssen. Es ist oft nur noch die Schule, die als einzig verlässliche Insel bleibt. Ihr ist der Jugendliche ausgeliefert. Ist er der Loser oder ist er am anderen Ende wird zur immer entscheidenderen Frage.
Schule kann ein Ort der chronischen Ausgrenzung sein, der ständig Öl ins Feuer gießt. Und hier fällt das Stichwort Mobbing! Auch in der Schule gehört Mobbing zum Alltag. "Alle Amokläufer waren sozial ausgegrenzt und das oft über viele Jahre hinweg", berichtet Adolf Gallwitz. Doch was der eine verträgt, kann der andere nicht ertragen. Heute weiß man, dass soziale Ausgrenzung die gleichen Hirnareale bewegt, wie körperliche Schmerzen. Das ist ein Teil unseres Airbags. In unserer Vorzeit war Ausgrenzung gleichbedeutend mit dem Tod, wir konnten nur in der Gruppe überleben. Wichtig: Mobbing ist für jeden einfach schrecklich. Es gibt keine Systematik in der Auswahl der Mobbing-Opfer, es kann genauso gut Ihr Kind treffen. Man versucht lediglich im Nachhinein den Grund dafür zu erkennen.
"Wir müssen offensiv den Kampf gegen Mobbing aufnehmen", sagt der Psychologe, das sei für ihn Amok-Prävention vom feinsten. Sein ideales Schulprojekt würde zum Beispiel heißen: Kein Kind ohne Freund, kein Mensch ohne Freund und nie mehr der Spruch: Mit dem Idioten wollen wir nichts zu tun haben. Und warum alle Amokläufer in die Schule gehen, zeigt eigentlich deutlich welche Verantwortung unsere Lehrer tragen. Schule vergisst man nicht - nie, im positiven wie im negativen."Lehrer müssen aufmerksam sein und auf die Zeichen achten!" Denn wenn ein junger Mann sich zunehmend verabschiedet, einen schwarzen Mantel trägt, kann das mit der Pubertät zusammenhängen oder mit einer Band, die er super findet. Er kann auch total verliebt sein oder seine Eltern trennen sich... Es kann aber auch sein, dass sich in ihm eine derartige Wut aufbaut, dass er tatsächlich irgendwann Amok läuft.
"Das müssen Lehrer einfach klären", sagt Adolf Gallwitz, " und dafür muss man im Gespräch bleiben, muss Kontakt haben. Dazu braucht man keinen Abschluss in Psychologie, denn die Methode ist einfach: bewusstes Hinschauen und bewusstes Umgehen mit Auffälligkeiten." Lehrer haben die Macht einzugreifen: bei Auffälligkeiten und/oder Drogen können sie die Kinder- und Jugendpsychiatrie einschalten und über das Schulamt feststellen lassen, ob der Jugendliche schulfähig ist. "Wenn einer ständig Sprengstoff in der Tasche hat, gibt es den strafrechtlichen Weg über die Polizei. Die schauen dann genauer hin."
Und das ist das eigentliche Schlüsselwort: genauer hinschauen, denn Amoklauf-Prävention ist etwas, was uns alle angeht. Aufmerksam das eigene und andere Kinder zu beobachten, auf die Verantwortung von Lehrern und Ärzten zu pochen, kann überlebensnotwendig sein. Der Amokläufer muss nicht der eigene Sohn sein, doch was ist, wenn er in die gleiche Klasse oder in die gleiche Schule geht? Oder wenn wir zufällig in der Nähe sind, wenn er durchdreht?
Barbara Dickmann
Kontakt halten:
In Amerika zum Beispiel hängen in den Schulen riesige Pinnwände mit den Namen der Schüler und Lehrer. Darauf wird genau aufgezeichnet, mit welchem Lehrer jeder einzelne Schüler Kontakt hält. Hat ein Schüler keinen Kontakt, wird das sofort hinterfragt. "Da sind sie einfach ein Stück weiter als wir, sagt Adolf Gallwitz.
Zahlen
Nach der KiGGS-Studie (Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland) sind 20 % aller Kinder auffällig, 10 % besonders auffällig und zwar so, dass es einfach Gründe haben muss. Oder auf deutsch gesagt: Jedes 5. Kind hat eine Macke - zumindest eine kleine und jedes 10. Kind eine große.
9 % Zunahme im Koma-Saufen, was bedeutet, dass in 2008 4.014 Jugendliche im Alter von 11 - 19 Jahren mit schweren Alkoholvergiftungen behandelt wurden, in ganz Deutschland ca. 25.000. 20 % der Teenager sind mindestens einmal im Monat schwer betrunken. Und die 11- und 12jährigen holen gewaltig auf.
Adolf Gallwitz
Adolf Gallwitz studierte Erziehungswissenschaften, Medizin und Psychologie und arbeitet seit 1992 als Professor für Psychologie und Soziologie an der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen als Prodekan der Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Er ist außerdem Gutachter und Berater bei Polizeieinsätzen. Er ist Initiator bundesweiter Präventionskampagnen zur sexuellen Gewalt gegen Kinder und arbeitete mehrere Jahre in den Vereinigten Staaten für US-Bundesbehörden. Neben vielen Aufsätzen hat er gemeinsam mit Manfred Paulus mehrere Bücher über Kindesmissbrauch, Pädophilenszene und Kinderprostitution in Deutschland herausgebracht.

