Wir holen Pulli und Pizza raus

- Liebe Angela Merkel: Ein offener Bericht von der Front -

Wo kommt all die Kohle her und was steht da in den Sternen, liebe Angela Merkel? Bild: SK

Eigentlich ist dies ja eine Frauenseite, die ganz bewusst auf Themen eingehen will, die uns ganz direkt beschäftigen, die unser Leben, unsere Kinder, unsere Männer, unsere Lieben, unsere persönliche Entwicklung betreffen. Die "große" Politik haben wir bewusst beiseite geschoben. Und wenn doch davon die Rede war, dann war es immer die Frau, die dahinter steckte, das persönliche, das private, na eben das, was das Leben schlechthin ausmacht. Doch wenn das Wort "Krise" Hochkonjunktur und das Wort "Finanz-krise" gute Chancen hat, zum Unwort des Jahres 2008 ernannt zu werden, dann schleicht sich auch in "typisch frau" ein Thema der besonderen Art ein und das dringende Bedürfnis, ein paar Worte an die Frau zu richten, die an der Spitze steht und garantiert keine Zeit und keine Lust für ein Interview mit einer Journalistin hat, die weder Betriebswirtschaftslehre oder Politik studiert hat und erst recht nicht zum Dunstkreis eines mächtigen Banken-managers gehört, der vielleicht gerade überlegt, ob er jetzt schon die verzockten Milliarden beichten soll oder lieber nicht.
Also, liebe Angela Merkel, hier will ich Ihnen einfach mal sagen, was einer ganz normalen Frau, die an der Front arbeitet und tiefe Einblicke in die unterschiedlichsten Familien und deren Schicksale hat, in diesen Tagen so alles durch den Kopf geht:
Fangen wir mit dem Jammern an. Nein, nein, nicht mit unserem! Denn dass wir uns an dicke Pullover und Wolldecken im nur leicht beheizten Wohnzimmer mit Eis-

blumen an den Fenstern gewöhnen müssen, dass Auto fahren zum Luxus wird und wir unsere schöne Landschaft zu Fuß genießen dürfen ist schon Schnee von gestern. Wir Frauen sind ja flexibel. Gott sei Dank gibt es Fahrgemeinschaften und Oma kann noch stricken. Auch auf die teuren Lebensmittel haben wir reagiert. Es gibt wieder Eintopf, die Pizza ist hausgemacht und nicht aus der Tiefkühltruhe und es müssen auch keine frischen Feigen sein, solange es noch Äpfel gibt.
Was ich meine, ist Ihre Jammerei. Ich weiß nicht, wie Ihre Halbwertzeit ist, doch mir klingeln noch die Ohren: Die Regierung hat kein Geld. Die Staatsverschuldung und so weiter. Wir müssen sparen, sparen, sparen, damit unsere armen Enkel nicht völlig ausbluten. Allein schon die Erhöhung des Kindergeldes um lumpige zehn Euro sei einfach nicht bezahlbar... Ist das wirklich erst ein paar Wochen her...? Und jetzt? Zuerst die freudige Nachricht. Es gibt die Kindergelderhöhung. Doch mal ehrlich, wen interessiert das noch? Das sind doch Peanuts, denn jetzt sind wir ganz andere Zahlen gewöhnt. Wir geben Bürgschaften über schlappe 40 Milliarden für "notleidende" Banken aus. (Stand 9. Oktober, vielleicht sind es ja jetzt schon mehr). Das sind ganz schön viele Nullen vor dem Komma, nämlich (4)0.000.000.000 Euro.
Wie Sie natürlich wissen, liebe Frau Merkel, denn mittlerweile kennen Sie auch den Unterschied zwischen Brutto- und Netto- Verdienst (der uns Monat für Monat an den Rand des Wahnsinns treibt) ist eine Bürgschaft eine ziemlich heftige Angelegenheit. Ich habe mal nachgefragt. Eine Bürgschaft wird von einer Bank wie ein Kredit behandelt. Die schlappen 40.000.000.000 Euro mindern also den Kreditrahmen, was jetzt für uns, unsere Kinder und Enkelkinder bedeutet, dass wir schon mal 4.500 Euro an die Seite packen müssen (9 Personen, pro Bundesbürger ca. 500 Euro), falls diese Bürgschaft in Anspruch genommen wird. Außerdem kostet der ganze Spaß 0,25 % Zinsen pro

Jahr (das sind noch einmal 100 Millionen pro Jahr = 100.000.000), doch das können wir ja von den 10 Euro Kindergeld im Monat stemmen, die ja jetzt auf einmal ganz schnell bewilligt wurden. Übrigens, vielen Dank noch für die Bürgschaft aller privaten Sparguthaben, deren genaue Zahl ich einfach nicht rauskriege. Mal sind es 1000.000.000.000, mal fast das Doppelte. Ich bin sicher, liebe Frau Merkel, Ihnen liegen genaue Zahlen vor. Das macht noch einmal 12.500 Euro pro Bundesbürger, also für unsere Familie 112.500 Euro. Es können auch leicht 225.000 Euro sein. Ehrlich gesagt, so viele Leute kenne ich nicht, die davon profitieren würden. Und noch was? Was ist eigentlich mit den Geschäftskonten? Mit deren laufenden Verbindlichkeiten. Mit dem Eigenkapital der Firmen, das auf den Bankkonten schlummert? Ist das dann futsch oder sollte ich vorsichtshalber noch einen ähnlichen Betrag für die nächste Bürgschaft einkalkulieren? Liebe Frau Merkel, jetzt höre ich auf, denn die Zahlen bereiten mir schlaflose Nächte, wahrscheinlich genauso wie Ihnen.
Es ist jetzt 4 Uhr morgens und ich muss genau überlegen. Denn die LKW Maut wird ja ab 2009 um fast 20 Prozent erhöht. Schön für Sie, da Sie ja dringend Geld brauchen, weil ja die Erhöhung des Kindergeldes so unendlich teuer ist... Doch die Transportunternehmen müssen jetzt die Preise erhöhen, es wird also alles wieder teurer. Da ich keinen kenne, dem ich diese Mehrkosten einfach aufs Auge drücken kann, muss ich also überlegen, wo die ganze Kohle herkommen soll. Vielleicht kann ich zusätzlich noch den SÜDKURIER morgens austragen, wo ich eh nicht mehr schlafen kann. Oder haben Sie noch einen Nebenjob für mich, wo ich jetzt in den vielen Nullen vor dem Komma so geübt bin und weiß, was eine Bürgschaft ist?
Rufen Sie doch mal an - meine Telefon-Nummer finden Sie oben auf der Seite. Viele Grüße von der Front von

Barbara Dickmann