Es reißt nicht ab - Borderline, eine Persönlichkeitsstörung ist das Thema seit nunmehr drei Wochen.
Schon nach Erscheinen der ersten Reportage fragten fünf Leserinnen nach dem zweiten Teil. Zwei weitere erkannten sich selbst, ihre Verhaltensweisen, ihre Ausbrüche, ihre Liebe, die sofort in Hass umschlagen kann. Nach Erscheinen des zweiten Teils, der sich mit den Partnern von Borderline- Betroffenen beschäftigte, stand das Telefon nicht still. Bereits am Montag gingen 15 Anrufe ein und bis jetzt sind es 27. Es waren lange Gespräche. Sie alle griffen spontan zum Hörer und manchmal flossen Tränen. Hier einige Beispiele: Ein Vater meldet sich, dessen Schwiegertochter unter der Borderline- Störung leidet. ,,Es ist, als hätten sie über unsere Familie geschrieben", sagt er und ist verzweifelt. ,,Alles bricht auseinander, unsere Familie ist zerstört, die Enkelkinder verstört und auch mein Sohn hat viel Ähnlichkeit mit ihrer Schilderung. Er schafft es einfach nicht, lässt seine Frau gewähren und ist ihr Spielball. Doch dadurch wird es immer schlimmer. Selbst die Freunde haben sich mittlerweile zurückgezogen".
Die Mutter einer vierzehnjährigen Tochter mit Borderline- Erkrankung kennt kein Kino, kein Besuch bei Freunden. Sie schaut ihrer Tochter nach den Augen, leidet und will ihr helfen. ,,Sie hat mit 10 Jahren einen sexuellen Missbrauch erlebt. Wir haben das zur Anzeige gebracht und sie ist psychologisch lange betreut worden", berichtet sie. Doch wie lange soll sie auf Privatleben, auf Fröhlichkeit und eine gute Beziehung verzichten? Die Tochter drohe mit Suizid, verletzte sich selbst. ,,Jeder, der uns sieht, merkt es sofort: Mit dieser Familie stimmt etwas nicht. Ihr Artikel hat mir die Augen geöffnet, ich muss etwas verändern," sagt sie. Einige Frauen bekennen ganz ehrlich: ,,Ich habe Borderline, ich weiß, was ich meiner Familie antue". Eine Betroffene erklärt: ,,Durch zweierlei Medikamente und guter Psychotherapie schaffe ich es, über die Runden zu kommen. Stationäre Behandlung alle zwei Jahre ist für mich ganz wichtig. Oder: ,,Manchmal bricht es aus mir heraus und ich kann es nicht kontrollieren." Eine Anruferin aus dem Raum Konstanz berichtet: ,,Wir haben auch so einen Borderliner in der Familie - meine Schwiegertochter. Der hat mich fast mein Leben gekostet. Wir haben die Enkel seit anderthalb Jahren nicht mehr gesehen.
Wir sind ihr bis zur absoluten Erschöpfung beigestanden. Niemand versteht, warum mein Sohn bei ihr bleibt. Einmal bekamen wir von ihr den Oscar für die besten Schwiegereltern auf der Welt und am anderen Tag waren wir die schlimmsten Feinde. Ich finde es toll, dass Ihr das Thema so aufgegriffen habt. Mein Sohn kommt mir vor, wie ein Co-Alkoholiker, er bleibt bei ihr, auch wenn er daran kaputt geht. Es ist unfassbar, was diese Frau alles schon gemacht hat und wie es Kreise zieht. Ich konnte nicht mehr schlafen und bin zum Neurologen gegangen. Und ein guter Arbeitskollege meines Sohnes meinte, er verliert seine Arbeit, wenn er nicht aufpasst. In den acht Jahren, seit er mit dieser Frau zusammen ist, haben wir keine ruhige Minute mehr gehabt. Die Kinder sind verhaltensgestört, der Kleine in einem Sonderkindergarten und der Große hat auch Riesenprobleme. Das Jugendamt hat bis jetzt nicht geholfen." Mit sechs Jahren erlebt sie es zum ersten Mal bewusst, sobald es geht, zieht sie aus. Nach dem Studium versucht sie zu helfen - ohne Erfolg. ,,Meine Mutter hält sich für völlig gesund und lehnt jegliche Art von Therapie ab. Mein Vater fühlt sich verantwortlich. Ich habe jetzt den Kontakt abgebrochen", erklärt eine 46jährige Leserin.
Eine Anwältin für Familienrecht und ausgebildet in Meditation, meint dazu: ,,Ich kenne das Leid der Familien mit einer Borderline- Erkrankten aus meiner langjährigen Berufspraxis. Und ganz besonders betroffen davon, sind die Kinder. Großes Lob für Ihren Mut, das Thema insbesondere aus der Sicht der Angehörigen aufzugreifen. Nur dadurch kann sich etwas verändern - für die Angehörigen wie für die Betroffenen!" Meditation ist ein freiwilliges Verfahren, in dem die Konfliktpartner mit Hilfe einer neutralen Person im direkten Gespräch miteinander eigene Entscheidungen entwickeln und verbindlich beschließen. Meditation kann aber auch einem Borderline- Angehörigen helfen in einem Einzelgespräch seine spezielle Situation zu klären. Eine Meditatorin hilft, über Gefühle und Interessen klar zu werden, sie achtet darauf, dass keine unrealisierbaren, nutzlosen Vereinbarungen getroffen werden, doch lässt eventuelle Lösungen von den Betroffenen erarbeiten. Die Anwältin und Meditatorin ist bereit, in einer Selbsthilfe für Angehörige im Raum Konstanz mitzuarbeiten.
Selbsthilfegruppen:
Schon bestehende Selbsthilfegruppen für Borderline- Angehörige haben sich auf unseren Aufruf nicht gemeldet. Jedoch sind zwei Leserinnen im Raum Markdorf und Konstanz an der Gründung einer entsprechenden Gruppe interessiert. Möchten Sie mitmachen? Bitte anrufen - wir vermitteln gerne (Telefonnummern siehe Kontakt). ck
Der Kommentar:
Ein Aufschrei der Empörung bei einigen Psychologen und Verhaltenstherapeutinnen und wüste Kritik, die teilweise unter die Gürtellinie ging. Doch die zweite Seite der Medaille sieht ganz anders aus: Viele Leserinnen sind dankbar und ermutigen uns, auch dann weiterzumachen, wenn der Wind von vorne weht. Fazit aller Reaktionen: Die Betroffenen leiden und die Angehörigen auch. Der Unterschied: Psychologen und Verhaltenstherapeuten kennen nur Betroffene, die bereit sind zur Therapie, doch was in den Familien mit Borderline- Angehörigen so alles abläuft, die eine Therapie verweigern, wissen sie nicht. Hier wäre ein großes Betätigungsfeld, wie die Anrufe unserer Leser/innen zeigen, zumal die Dunkelziffer wohl von ihnen total unterschätzt wird. Vielleicht wären Beratungsstunden für Borderline- Angehörige in den einzelnen Einrichtungen oder Gesundheitsämtern und eine breit gestreute Aufklärung ein Schritt in die richtige Richtung. Generell gilt: Während die Betroffenen bei den Ärzten ein offenes Ohr finden, müssen die Angehörigen in der Regel zusehen, wie sie mit dieser Situation klar kommen. Und das ist kein Einzelfall. In den zahlreichen Gesprächen, die wir mit Angehörigen von Depressiven oder Alkoholkranken in den vergangenen acht Jahren geführt haben (denn solange erscheint ,typisch frau` schon im Schwarzwald-Baar-Kreis), kam immer wieder ein Satz vor: ,,Jeder kümmert sich um den Betroffenen, doch um uns kümmert sich keiner, wir stehen ganz alleine da". Auch die Jugendämter scheinen nicht helfen zu wollen oder zu können, denn entgegen der Meinung von Diplom-Psychologin Eileen Gallagher (siehe Leserbrief in der vergangenen ,typisch frau`, gibt es wohl doch Borderline- Betroffene mit Kindern. Und noch etwas: Bis heute hat sich kein Angehöriger über die letzte Reportage beklagt, die ja auch nicht gerade sanft mit ihnen umgegangen ist.
Barbara Dickmann
