Totaloperation - beide Brüste weg

- wenn die Beziehung stimmt, werden Männer damit fertig -

Silvia B. (Name geändert) sieht ihre Brust zum letzten Mal. Soll sie sie noch einmal umfassen, sie vielleicht fotografieren oder einfach akzeptieren, dass ihr Körper morgen anders sein wird. In Silvias rechter Brust wächst ein Mammakarzinom und in Silvias linker Brust auch. Sie kennt die Aufnahmen sehr genau, weiß, dass der Knoten rechts ungefähr acht Millimeter groß ist und links 25 Millimeter. Diese Bilder verdrängen alles. Ihre Brüste sind nicht mehr ein Zeichen ihrer Weiblichkeit, oder ein Blickfang für Männer. Sie sind ein Fremdkörper geworden, Zeichen einer Bedrohung, die sie das Leben kosten kann. Diagnose: Brustkrebs - Albtraum jeder Frau und nicht nur ein theoretisches Risiko. Statistisch betrachtet erkranken 1 bis 2 Frauen von 1.000 in Deutschland jedes Jahr, insgesamt wird bei jeder zehnten Frau im Laufe ihres Lebens ein Mammakarzinom diagnostiziert. In absoluten Zahlen sind das jährlich ca. 50.000 Frauen, über 20.000 sterben. Am häufigsten erkranken Frauen zwischen dem 60. und 65. Lebensjahr (Quelle Arbeitsgemeinschaft Bevölkerungsbezogener Krebsregister in Deutschland).
EigSilvia B. ist viel jünger, ist attraktiv und trotzdem hat sie eine Entscheidung getroffen, die nur wenige Frauen nachvollziehen können. Silvia B. lässt nicht Brust erhaltend operieren, sie hat sich für eine Totaloperation entschieden. Nur noch ein paar Stunden, dann ist es vorbei...... Entgegen den Rat des Chefarztes folgt sie lieber den Empfehlungen einer Frauenärztin aus der Schweiz, die das Risiko einer Brust erhaltenden Operation für zu groß empfindet. Und Silvia sieht das genauso. Ihre Gründe klingen sehr vernünftig: Keine Nachuntersuchungen mehr und nie wieder Mammografie. Sie will keine Chemotherapie und keine Bestrahlung, denn wo nichts ist, kann nichts wachsen. Sie will die größtmögliche Sicherheit, dass sie überleben wird. Und es soll ein Leben ohne große Einschränkungen werden, denn Silvia B. hat noch viel vor......
Zehn Jahre später sitzt sie mir gegenüber. Attraktiv und schlank, selbstbewusst und mitten im Leben stehend. In einem T-Shirt, das nicht eng und nicht weit ist - ohne BH, ohne Prothese, aber auch ohne Chemotherapie, ohne Bestrahlung ohne Kontrolluntersuchungen! Silvia B. macht kein Theater, es ist einfach so wie es ist und jeder kann es sehen. Silvia hat keine Brüste mehr. Ganz am Anfang trug sie noch Prothesen, doch das war ihr bald lästig. Egal ob Schwimmbad oder sommerlich luftig leicht - sie geht einfach oben ohne. Ihre Brust ist sehr ästhetisch, ihr Operateur hat gute Arbeit geleistet. Silvia hat weder Wülste noch schlimme Narben. Am Anfang hat schon etwas gefehlt und Silvia hat oft bei anderen Frauen geschaut, doch jetzt ist es ihr wichtiger, dass sie gut lebt, als mit einem schönen Dekolleté auch herumzulaufen.

,,Für eine Frau ändert sich überhaupt nichts, wenn der Mann mitspielt ", sagt sie. Nach der Operation hat Silvia sofort homöopathische Stärkungsmittel genommen. Silvias Mann ist ebenfalls da und nickt. Ob sich sein Leben verändert hat? Natürlich hat es das! Da einige Lymphknoten entfernt werden mussten, schwellen Silvias Arme oft an. Ihr Mann übernimmt dann sämtliche Schreibarbeiten und alles, was nicht mehr so gut klappt. ,, Unsere Beziehung hat sich vertieft, wir führen seither eine andere Ehe", sagt er und Silvia lächelt dazu. Ihr Mann hat sie angenommen, so wie sie ist, er liebt sie so wie sie ist, geht viel mehr auf sie ein und ihre Sexualität ist eher freier geworden. ,,Ich weiß, dass viele Männer Schwierigkeiten damit haben, dass sie an einem bestimmten Frauenbild hängen und nicht annehmen können, was ist. Wenn die Beziehung gut ist, dann hält sie so etwas aus, dann reduziert sich alles auf das wesentliche, auf die gemeinsame Vergangenheit und auf die gemeinsame Zukunft." sagt ihr Mann.
Todesangst hat sie nie gehabt. Silvia hat genau gespürt, dass es weitergehen wird. Noch in der Klinik entdeckt sie ihre Liebe zum Malen und beginnt Gedichte zu schreiben. Eine Gesprächstherapie bringt heraus, was sie schon vorher ahnte. Probleme mit dem Sohn, Versagungsängste nicht ,,nein" sagen können und das jahrelange Gefühl, das irgendetwas nicht in Ordnung ist. ,,Krebs ist eine Chance neue Dinge zu entdecken und Beziehungen zu überprüfen. Krebs ist ein Wegweiser, der mahnt, dass es so nicht weitergehen kann, davon ist Silvia total überzeugt. Gegen Krebs kann man nicht kämpfen, Krebs ist was eigenes und kommt nicht von außen und den Kampf gegen sich selbst kann man nur verlieren! Diese Krankheit könne man nur mit dem Geist aufarbeiten, meint Silvia. Erfahrene Ärzte haben festgestellt, dass eine rechtshändige Frau mit Mammakarzinom in der rechten Brust, oft Männer- Probleme hat, was sich nicht nur auf den eigenen Mann, sondern zum Beispiel auch auf den Vater beziehen kann. Ist der Knoten in der linken Brust, dann sind es oft Nest-Probleme - zum Beispiel mit der Mutter oder mit den Kindern. Silvia glaubt daran und hat ihre Chance genutzt. Wenn heute jemand erschrickt, der sie oben ohne sieht, dann sagt sie nur: ,,Es ist kein Todesurteil, sondern nur ein Zeichen dafür, dass man weiterleben kann".

Heilung
Krise sich öffnet, Krankheit dich stoppt, Todesfurcht will dich umgarnen. Weg führt zum Abgrund, Gang ist vermauert, kannst keinen Schritt mehr gehen. Suche die Planke, ertaste die Lücke, darfst nun nicht bleiben stehen. Brett ist so schmal, Durchgang so eng, trau dich nur, ohne zu schwanken. Drüben ist`s klarer, draußen ist`s weit, leben wird neu dich umranken.
Silvia B.

Der Kommentar
Silvias Mann (Name geändert) meldete sich bei ,typisch frau`. Ihm gefiel unsere Reportage über ,,große Brüste - kleine Brüste" sehr gut und wir freuten uns darüber. Doch dann sagte er etwas, was unter die Haut ging. Er berichtete von Silvia, seiner Frau, die prächtige Brüste hatte - bis sie vor 10 Jahren operiert werden musste - Brustkrebs! In beiden Brüsten! Totaloperation, nicht Brust erhaltend. Seitdem ist Silvias Mann Experte. Er kniete sich in die Fachliteratur. In einer Zeit, in der Silvia nicht weiß, wo ihr der Kopf steht, wo ihr ein Berater fehlt, den es in der täglichen Routine eines Krankenhauses einfach nicht geben kann. Ein verlässlicher Partner war Silvias Mann schon immer, doch jetzt wird er ihr bester Berater, ihr Stärkungsmittel, ihr Halt in einer Zeit, als sie am Boden ist. Und er bleibt ihr zärtlicher Liebhaber - auch nach dem Tag X. Und Silvia bleibt eine Frau, die begehrenswert ist - auch ohne Brüste!
Dieses Glück hat nicht jede Frau in Silvias Situation, denn nicht jeder Mann wird damit fertig. Oft zerbricht die Ehe und macht das Unglück doppelt groß. Was heute Silvia mit ihrem Mann verbindet, ist viel, viel mehr als Liebe, Sexualität, Kinder, gemeinsame Vergangenheit. Es ist Urvertrauen in den Partner, es sind unsichtbare Bänder, die sie aneinanderschweißen, es ist fast etwas spirituelles, was jeder ahnt, der sie zusammen sieht. Es ist das Glück, dass man einander hat und die Freude über jeden Tag. Zu kleine Brüste, zu hängende Brüste, zu spitze Brüste? Ein Problem, dass man mit viel Geld und Silicon beseitigen sollte? Doch ist das wirklich ein Problem? Und danach? Kommt dann das Glück ins Haus?

Tipp
Gymnastiklehrerin und Buchautorin Heike Höfler bietet eine besondere Atem- und Meditationsstunde am Dienstag, 29. November von 18.30 bis 19.30 Uhr im Diakoniewerk, Trossingen, Wagnerstr. 5, an. Ziel ist die Entspannung verkrampfter Muskeln, Wohlfühlen und zur Ruhe kommen. Sie lernen den tiefen Atem kennen und wie man über den ruhigen Atem zur Entspannung und zur tiefen Ruhe kommt. Kosten: € 8,-- , Anmeldung bei Heike Höfler, Tel. 07425-27947 oder HeikeHoefler@web.de. Jeden ersten Mittwoch im Monat bietet Angelika Ertle von 19 bis 20 Uhr eine kraftvolle Heilmeditation (von der russischen Volksheilkunde) im Vitalon im Hotel Ochsen (neben Donauhalle in Donaueschingen) an. Kosten: € 10,--, persönliche Heilgespräche sind im Anschluss möglich (zusätzlich € 5,--). Mehr unter Tel. 076547-8307 oder www.heil-seminar.de. ck.

Barbara Dickmann