Drei Frauen gründen Bürgerinitiative




Karin Nowozin-Efinger, Birke Rauh -
und Edith Gut (von links)
Birke Rauh ist Italienerin und Eis ist ihre Leidenschaft. Schuld daran ist ihr Opa. 1938 geht er nach Deutschland nimmt die Rezepte für italienisches Eis gleich mit und eröffnet eine Eisdiele. Heute steht Birke Rauh hinter der Theke des Eiscafés „Cortina“ in Bad Dürrheim, ist 54 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. „Bad Dürrheim ist meine Wahl-Heimat und ich liebe sie“, sagt Birke Rauh.
Karin Nowozin-Efinger ist zwei Jahre älter, verheiratet und von Beruf Erzieherin und Naturpädagogin. „Hier ist es wunderschön, die Landschaft ist einmalig und schützenswert“, sagt Karin Nowozin-Efinger.
Edith Gut ist OP-Fachschwester, 53 Jahre alt, ledig und lebte viele Jahre im Ausland. Jetzt ist sie zurückgekommen in ihre Heimat, kümmert sich um ihre Mutter und hat im Juli eine Eigentumswohnung gekauft. „Ich bin zu meinen Wurzeln zurückgekehrt und fühle mich sehr wohl. Ich bin angekommen“, sagt Edith Gut.
Drei Frauen! Drei unterschiedliche Leben und doch mit viel Gemeinsamkeiten. Sie sind bereit für Bad Dürrheim, dem Ort, in dem sie leben, zu kämpfen. Denn sie sehen ihn in Gefahr. Warum, wieso, weshalb und was sie dagegen tun werden, hat uns interessiert. Das „Warum“ stinkt förmlich zum Himmel und ist eine schweinische Angelegenheit, die die Bürger der Region seit einigen Monaten beschäftigt. Einen Kilometer außerhalb des Bad Dürrheimer Ortsteils Oberbaldingen will der Landwirt Urban Messner die größte Schweinezuchtanlage Baden-Württembergs bauen. In zwei Ställen sollen 1280 Muttersäue rund 30.000 Ferkel pro Jahr werfen. Bei Bedarf kann die „Produktion“ später verdoppelt oder verdreifacht werden. Drei Frauen schütteln angeekelt den Kopf. Schon die Ausdrucksweise macht sie ganz wild. Es sind keine Lebewesen, es sind „Produkte“, es ist keine Landwirtschaft, es ist eine Fabrik, die mit artgerechter Tierhaltung nun wirklich nichts zu tun habe.

Sie besuchen den Infoabend der Bürgerinitiative am 15. September, hören die Meinung der Experten, lassen sich über Fakten der Massentierhaltung aufklären und sind satt. „Wenn ich die Bilder von Muttersauen mit ihren kleinen Ferkeln sehe, in Gittern eingeklemmt, vollgepumpt mit Hormonen und Antibiotika, bricht mir das Herz“, sagt Edith Gut. „Wir haben nicht das Recht, den Tieren so etwas anzutun“, ergänzt Birke Rauh und Karin Nowozin-Efinger kann überhaupt nicht begreifen, dass Menschen Fleisch aus Masttierhaltung überhaupt essen. „Das kann ja nur krank machen“, ist die einhellige Meinung. Zwei von ihnen essen schon sehr lange kein Schweinefleisch mehr, eine nur noch ab und zu Wildschein. Doch darum geht es nicht. „Wir wollen unsere Lebensweise nicht anderen Menschen aufdrängen, doch einfach zu bewussterem Essen und Einkaufsverhalten aufrufen. Wenn keiner dieses Fleisch kaufen würde, hätten wir keine Massentierhaltung“, drei Frauen sind sich völlig einig. Und das Argument, dass Familien mit geringem Einkommen sich nicht anderes leisten können, sticht bei ihnen nicht. „Man muss nicht jeden Tag Fleisch essen“, sagen sie und dann reicht es wieder.
Massentierhaltung ganz in ihrer Nähe und täglich vor Augen ist das Hauptargument der drei engagierten Frauen. Das wollen sie nicht einfach so hinnehmen. Dazu kommen persönliche Ängste, die viele Bürger von Bad Dürrheim teilen. Karin Nowozin-Efinger wohnt ca. 6 ½ Kilometer von der geplanten Anlage, Birke Rauh zwei Kilometer und Edith Guts kürzlich gekaufte Eigentumswohnung ist nur 1 ½ Kilometer Luftlinie entfernt. „Natürlich wird es stinken, wird der Wert der Eigentumswohnung erheblich sinken und was an krank machenden Keimen durch die Luft fliegt, kann keiner so richtig einschätzen!“ Drei Frauen fürchten um Lebensqualität, um ihre Gesundheit und um ihre Existenz. Was wird aus der Eisdiele, wenn die Touristen wegbleiben? Was, wenn die Eigentumswohnung, die ja Altersvorsorge ist, unvermietbar und unverkäuflich wird? Birke Rauh ist allein bei dem Gedanken schon fix und fertig. Sie schläft schlecht und kann nicht begreifen, dass die wirtschaftlichen Interessen einer einzigen Familie den Einwohnern einer ganzen Gemeinde schaden können. „Ich bin nicht schwach, „ sagt sie, „ich habe für meine Existenz hart gearbeitet, wo bleibt da die Gerechtigkeit, wenn ich in Altersarmut falle?“

Wenn drei Frauen abends heimfahren schauen sie mit Wehmut auf die schöne Landschaft, die in Zukunft mit einer Massentierhaltungsfabrik in der Größe von ca. 9000 qm bebaut werden soll, verziert mit 18 Meter hohen Abluftkaminen, zuzüglich zwei je 6000 Liter fassende Güllelager und deren umliegende Felder Unmengen von Gülle ertragen sollen. Was ist mit der Vogelwelt, was mit dem Grundwasser? Auch das bricht ihnen das Herz, macht Angst und lässt sie zu Kämpferinnen werden. Sie sammeln Unterschriften, sprechen mit ihren Nachbarn, mit den Touristen und wirbeln jede Menge Staub auf. Sprüche wie: da kann man doch nichts machen, lassen sie nicht gelten und argumentieren. Drei Frauen, die eigentlich nur in Ruhe und Frieden leben, arbeiten und alt werden wollen, sind zu allem bereit. „Wir werden alles tun, um unsere Heimat, unsere Kinder und zukünftigen Enkelkinder und das wofür wir hart gearbeitet haben, mit friedlichen Mitteln zu schützen. Das ist unsere Pflicht“, sagen sie mit leicht wässrigen Augen. Es sind Tränen der Trauer, gepaart mit ein bisschen Wut, die in ihnen schimmern.

Gegen Schweinezucht
Sich für Bürgerrechte, Freiheiten und Menschenrechte, Umwelt- und Naturschutz einzusetzen und sich Vereinigungen, Organisationen oder Bürgerinitiativen anzuschließen ist ein wichtiger Bestandteil der Demokratie.
Im SÜDKURIER (www.suedkurier.de/region/schwarzwald-baar-heuberg/bad-duerrheim) finden Sie etliche Artikel und detaillierte Informationen zu der geplanten Schweinezuchtfabrik und der „Bürgerinitiative gegen Massentierhaltung auf der Baar und Schweinezuchtfabriken in Bad Dürrheim“. „Was halten Sie von der geplanten, riesigen Ferkelzucht auf der Ostbaar?“ so lautet eine SÜDKURIER-Umfrage im Internet. Das Ergebnis: 49,42 % meinen, dass Landwirtschaft bei uns auf dem Land wichtig sei. Derartige Vorhaben sollten auch von der Stadt unterstützt werden. 48,09 befürchten, dass die Anlage zu starken Geruchsbelästigungen führen und Touristen abschrecken wird und 2,49 Prozent haben keine Meinung. (Stand: 5.Oktober). Bis 30.9. haben sich bereits 2200 Menschen auf diversen Unterschriftenlisten der Bürgerinitiative eingetragen. Birke Rauh hat ihre Liste vor dem Eiscafé ausliegen, Karin Nowozin-Efinger und Edith Gut sammeln Unterschriften an ihrem Arbeitsplatz, bei Bekannten und Freunden.