Wie dieser Crash-Test-Dummy fühlte sich Anna S. Bild: fotolia
Anna S. hat die Faxen dicke. In ihrem Kopf dreht sich alles. Was wird aus dem Arbeitsplatz ihres Mannes? Schafft ihre Älteste das Abitur? Und dann diese Super-Ratschläge: Sichern Sie Ihr Geld in Zeiten von Wirtschafts- und Finanzkrise! Legen Sie es an in Gold, in Immobilien, in Aktien und etwas sollte noch in bar da sein. Was denn bitte schön für Geld? Das bisschen, was sie auf der hohen Kante liegen hat? Außerdem fühlt sie sich nicht wohl. Schon seit Monaten ist sie schlapp und müde, zwickt es hier und zwackt es da… Und was sie von ihren alten Eltern hört, ist auch nicht gerade ermutigend. Es ist einfach eine Katastrophe. Das ganze Leben scheint aus dem Ruder zu gehen, die Gegenwart ist geprägt von Ängsten und Unsicherheiten und die Zukunft liegt im undurchdringlichen Nebel. Anna S. ist zutiefst verunsichert, deprimiert und hat an nichts mehr Freude...
Dann passiert es: Samstag, so gegen 14 Uhr. Anna S. fährt auf regennasser Straße Richtung München. Wie immer in den letzten Wochen, drehen sich ihre Gedanken im Kreis. Die Straße ist ziemlich frei. Anna S. beschleunigt. Plötzlich bricht der Wagen aus. Er schleudert. Anna S. tritt auf die Bremse, versucht gegen zu lenken. Ihr Kopf wird leer, sie schwitzt. Keine Chance. Der Wagen zieht auf die rechte Spur, er dreht sich. An Anna S. ziehen Fahrbahn, die Leitplanken, Bäume und ein Auto vorbei. "Ich schaffe es nicht mehr...", der Gedanke ist auf einmal da. Gleich ist alles vorbei. Ihre Kinder, ihr Mann, ihre Familie, sie wird sie nie mehr wieder sehen. Das war's also...
Wie kleine Blitze zieht ihr Leben an ihr vorbei. Die junge Anna S. im Brautkleid, die Geburt der Kinder, der Kurzurlaub im letzten Jahr, die Tiere, der runde Geburtstag des Vaters... Die Zeit bleibt einfach stehen, sie scheint unendlich... Die Leitplanken kommen immer näher. Der Aufprall. Das Geräusch ist fürchterlich. Das Auto rutscht weiter. Wie auf einer Rampe, Meter um Meter. Anna S. umklammert das Lenkrad. Sie ergibt sich ihrem Schicksal. Sie wird ganz ruhig. Nach Sekunden, die wie Stunden sind, steht das Auto. Qualm steigt aus der Motorhaube, der Seitenairbag hat sich geöffnet. "Raus hier", ist ihr erster Gedanke. Die Fahrertür klemmt leicht. Beim zweiten Versuch schafft sie es und kann aussteigen. Von zwei Seiten kommen Menschen, um ihr zu helfen. "Ist Ihnen etwas passiert? Sollen wir die Polizei rufen, den Krankenwagen?" Anna S. steht da im Regen - wie betäubt und kann ihr Glück nicht fassen. Nein, ihr ist nichts passiert. Nichts tut weh. Natürlich muss die Polizei kommen. Ein freundlicher Helfer holt das Warndreieck aus ihrem Kofferraum und stellt es auf, ein weiterer ruft die Polizei, dann fahren sie wieder weg. Anna S. steht allein da - immer noch fassungslos. Ihr Auto ist aufgespießt auf einem Stahlträger, über einhundert Meter Leitplanken sind total verbogen. Doch wenige Meter weiter stehen nur noch Bäume. Nicht auszudenken, wenn sie frontal dagegen gefahren wäre. Anna friert, ein feiner Nieselregen durchdringt ihre Jacke. Langsam zieht sie ihr Handy aus der Tasche. Es ist nicht aufgeladen. Alles kein Problem. Anna S. ist nur noch froh. Kein anderer ist durch ihre Schuld zu Schaden gekommen, das ist das wichtigste. Und sie lebt, ist unverletzt. Was hat sie für ein Glück gehabt. Nur ein paar Sekunden früher, wäre sie wie ein Geschoss über eine Brücke geflogen. Klar, das schöne Auto ist hinüber, das sieht man auf den ersten Blick - na und!
Zuerst kommt die Polizei, dann der Abschleppwagen. Zwei Stunden nach dem Unfall sitzt sie in einem großen Autohaus, durchnässt bis auf die Haut. Der Kaffe wärmt ein wenig. Erst jetzt ruft sie zu Hause an, hört die Stimme ihres Mannes und die der Kinder im Hintergrund. Sie schafft das Gespräch, doch dann verliert sie die Fassung. Anna S. weint! Was hätte sie alles verloren. Ihre wunderbare Familie, das schöne Zuhause. Was hat sie für ein erfülltes Leben. Anna S. ist unendlich dankbar. Zwei Stunden später kommen alle, um sie abzuholen. Anna S. kann sich nicht satt sehen an diesen Gesichtern, die
sie so liebt. Mittlerweile schmerzt der Rücken, doch das ist nicht weiter schlimm. In diesen zwei einsamen Stunden hat sie viel nachgedacht. Wie schnell doch alles anders sein kann. Sie hätte tot oder für immer behindert sein können. Nie mehr den Frühling erleben, mit dem Hund spazieren gehen, das Lachen der Kinder hören... und erst ihr Mann?
Anna S. will etwas lernen aus diesem Schuss, den sie vor den Bug bekommen hat, das ist ihr fester Wille. Sie will einfach mehr leben und sich weniger sorgen. Wie wichtig ist ein Abitur? Und was soll dieses Jammern auf hohem Niveau? Auf dem Rückweg kommen sie an fünf hölzernen Kreuzen vorbei, die am Wegrand stehen. Alle sind mit Blumen geschmückt und erzählen eine traurige Geschichte. Den Bruchteil einer Sekunde war sie von so einem Kreuz entfernt. Anna S. will nur noch eins - sie will nach Hause, ganz langsam durch alle Räume gehen und einfach nur genießen. Warum nur, braucht man ein einschneidendes Erlebnis um etwas zu begreifen, was doch eigentlich das leichteste auf der Welt ist? (Name und Ort geändert).
Die Kunst der Freude
Diese Geschichte ist wahr und schildert etwas, was viele Menschen empfinden, die durch eine lebensbedrohliche Situation auf einmal merken, was wichtig im Leben ist und was unwichtig. Diese Selbsterkenntnis hält nur leider nicht allzu lange an. Der Alltagstrott und die kleinen Ärgernisse lassen die besten Vorsätze schnell vergessen. Und dann ist sie wieder da - die Unzufriedenheit, das Jammern, das Gefühl, nicht genug vom Leben zu haben. Doch die Kunst, die kleinen Freuden im Leben zu genießen und nicht den großen hinterher zu hecheln; realistisch, doch positiv sämtliche Probleme anzugehen, kann man lernen. Dazu braucht man nicht immer einen Psychologen. Manchmal reichen auch Papier und Bleistift, um einfach einmal aufzuschreiben, was es denn alles Schönes, Wertvolles und Liebenswertes gibt im eigenen Leben. Da kommt oft eine Menge zusammen. Wenn Sie sich daran erfreut haben, könnten Sie dann auch noch eine Negativ-Liste erstellen, doch immer mit dem Hintergrund, sie Punkt für Punkt abzuarbeiten. Sie als Aufgabe, als Herausforderung zu sehen und nicht als etwas, was uns niederdrückt.
Barbara Dickmann
