Raus aus gesellschaftlichem Abseits

Demenz betrifft immer mehr Menschen Aktionstage als wichtige Hilfe für die Angehörigen

Der harte Kern des Arbeitskreises Demenz: Werner Leuthner, Peter Graf zu Dohna, Olaf Heinrich (von links) davor Regina Büntjen und Margot Bader.

Anna G. ist eine sehr agile Frau und der Mittelpunkt der Familie. Doch in letzter Zeit ist sie ziemlich vergesslich. Anna G. weiß sich zu helfen. Überall in der Wohnung findet man ihre Zettel – Gedächtnisstützen für einen reibungslosen Tagesablauf. Auffällig ist, dass sie sich neuerdings vor schwierigen Entscheidungen drückt und lieber gar nichts dazu sagt. Anna G. ist sich dessen voll bewusst, doch dass dieser Zustand, den man „leichte kognitive Störung“ nennt, einer Demenz vorausgehen kann, ahnt sie nicht. Anna G. lässt immer mehr nach. Sie vergisst Verabredungen völlig, sucht ständig nach Schlüssel, Brille, kann die Zeitung nicht mehr lesen, weil sie sich den Inhalt nicht merken kann, hat ständig kleine Autounfälle und schafft es nicht, das Mehl für ein neues Kochrezept abzuwiegen. Anna G. wird immer hilfloser, versucht es zu kaschieren. Sie verschleiert, sie leugnet, sie redet sich heraus. Anna G. fühlt sich verunsichert, ist deprimiert und schämt sich. Sie befindet sich im Stadium einer leichtgradigen Demenz, was bedeutet, dass sie den Alltag noch schafft, sich anziehen, waschen und versorgen kann. Doch die Führung eines Bankkontos, das Lösen einer Fahrkarte, das Bezahlen an der Kasse des Supermarktes, das Bedienen der Kaffeemaschine sind schon viel zu komplizierte Angelegenheiten. Anna G., die Frau, die einst jeden Morgen um 6 Uhr loslegte und bei der Party die letzte war, ist jetzt völlig antriebslos und neigt zu Depressionen.

Die Familie ist ernsthaft besorgt und Anna G. geht endlich zum Arzt. Nach umfangreichen Untersuchungen steht die Diagnose: Anna G. hat Alzheimer, eine Krankheit, die den allmählichen Untergang von Nervenzellen und Nervenzellkontakten zur Folge hat. Annas Familie ist erst mal erleichtert. Endlich gibt es eine Erklärung. Doch wie geht es weiter? Alzheimer ist nicht heilbar und irgendwann wird Anna G. in das Stadium der mittelschweren Demenz kommen. Sie wird sich nicht mehr waschen, anziehen, versorgen können. Nicht mehr kochen oder einkaufen, Tageszeit und Datum durcheinander bringen, keine vollständigen Sätze mehr sprechen, inkontinent sein, nicht mehr wissen wie ihre Kinder heißen, wen sie geheiratet hat, vielleicht sogar vor ihrem eigenen Spiegelbild erschrecken... Montag, 13. September, 14 Uhr im Sitzungssaal des Gesundheitsamts in Villingen-Schwenningen. Fünf engagierte Menschen – der harte Kern des `Arbeitskreises Demenz` ist zusammen gekommen . Jeder von ihnen ist vertraut mit Alzheimer, doch jeder von einer anderen Warte. Margot Bader, von der Demenz- und Pflegeberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt (Tel. 07721-98660 m.bader@awo-vs.de), kümmert sich unter anderem auch um die Kostenseite, Regina Büntjen, Dipl.-Sozialarbeiterin (Tel. 07721-9137193, r.buentjen@quellenlandkreis.de) ist Ansprechpartnerin im Gesundheitsamt, Dr. Peter Graf zu Dohna ist Sprecher des Arbeitskreises und langjähriger früherer Chefarzt der Schwenninger Klinik, Olaf Heinrich von der Diakonie Villingen-Schwenningen , leitet eine Tagesbetreuungsgruppe und Werner Leuthner spricht stellvertretend für alle betreuenden Angehörigen. Seine Frau erkrankte vor 18 Jahren im Alter von 52 Jahren, wurde viele Jahre zu Hause betreut und lebt heute in einer speziellen Einrichtung. Was sie berichten, ergibt ein umfassendes Bild einer Krankheit, die gesellschaftlich nicht anerkannt ist und große Abwehr erzeugt.

Die jeden von uns treffen kann. Im Kreisgebiet gibt es zwischen 3.000 bis 4.000 Alters demente Menschen davon sind 70 Prozent an Alzheimer erkrankt. Je älter wir werden, desto größer ist die Chance , dass es auch uns erwischt. Schon heute hat jede dritte Familie in ihrem nahen oder weiteren Umfeld einen an Alzheimer erkrankten Menschen. Rund 80 Prozent aller Betroffenen werden von ihren Angehörigen versorgt. Und das ist das große Thema dieser Runde. Das Bewusstsein zu schaffen, dass man es eine gewisse Zeit wirklich leisten kann und dass es viele Hilfen gibt. Hilfsmittel für den Alltag, ambulante Pflegedienste, Betreuungsgruppen, Helferinnenkreise, Tagespflegeeinrichtungen, betreuter Urlaub für Kranke und Angehörige, Tageskliniken, Pflegeheime, Wohngemeinschaften und Schulungsreihen für Angehörige, und und und...“Nehmen Sie sie in Anspruch. Und ziehen Sie sich nicht zurück, gehen Sie raus aus der Isolation, beziehen Sie den Freundes- und Bekanntenkreis mit ein, bitten Sie konkret um Hilfe,“ das sind die wichtigsten Aussagen an diesem Nachmittag. Ab der kommenden Woche bis Anfang November finden etliche Informations- und Beratungsveranstaltungen statt, die die ganze Bandbreite dieser Erkrankung behandeln. Flyer gibt es kostenlos beim Gesundheitsamt (siehe oben). Weitere Beratungsstellen: Demenzberatungsstelle des Caritasverbandes Schwarzwald-Baar-Kreis e.V. Tel. 07721/ 8407-32, demenzberatung@caritas-sbk.de, Pflegestützpunkt Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis, Tel. 07721/ 913-7456, Pflegestuetzpunkt@Lrasbk.de .