Wenn Kinder der Sucht verfallen

- Elternkreis für Jugendliche mit Drogensucht -
- Gisela Sickbert leitet die Selbsthilfegruppe -

Gisela Sickbert, die Leiterin des Elternkreises, weiß genau wovon sie spricht. Ihr Sohn war drogenabhängig und hat den Ausstieg geschafft.
Bild: B. Dickmann

Drei Neue sind da. Zwei Mütter und ein Vater - so Mitte vierzig, gut gekleidet. Ihr sozialer Status: Guter Job, wahrscheinlich ein eigenes Haus, gepflegte Umgangssprache. Sie sehen nett aus, man hätte sie gerne als Nachbarn, ja vielleicht sogar als Freunde. Im Kreis sitzen weitere elf Mütter und vier Väter auf dem gleichen Level. Ein Kreis zum Wohlfühlen und doch wird mir Angst und Bange. Denn diese Eltern haben alle ein Problem, deren Ausmaß mir kaum bewusst war. Es geht um Drogen. Um ihre Kinder, die oft seit Jahren an der Nadel hängen. Heute ist ihr Abend - genauer gesagt: DER ABEND, auf den sie sich freuen. An dem sie Kraft schöpfen, sich austauschen und manchmal sogar lachen können.
Gisela Sickbert (Tel. 07423-3166) Leiterin des Elternkreises drogengefährdeter und drogenabhängiger Jugendlicher der Landkreise Villingen-Schwenningen, Tuttlingen, Rottweil, erklärt den "Neuen" die Grundregeln: "Alles, was hier im Raum gesprochen wird, ist streng vertraulich. Wir alle sitzen im gleichen Boot. Wir alle haben drogenabhängige Kinder. Es dauert eine Weile, ehe sie auftauen, doch dann sprudelt es nur so heraus... Mit 14 Alkohol , mit 16 Cannabis, mit 18 an der Nadel. Aus dem netten Jungen, dem guten Realschüler wird ein unberechenbarer Fremder. Er geht nicht mehr zur Schule, schlägt alles kurz und klein, greift die Mutter an und prügelt sich mit dem Vater. Die Eltern versuchen alles. Sie schalten die Polizei ein, das Familiengericht, eine psychiatrische Klinik. Erfolg: gleich Null. Ein Entzug geht nur auf freiwilliger Basis, doch ihr Sohn will das nicht. Es sei doch O.K. so, meint er. Und die Polizei kann nur etwas unternehmen, wenn eine Anzeige vorliegt. Das schaffen sie nicht. "Er ist doch mein Sohn", sagt der Vater und der Mutter stehen die Schuldgefühle förmlich ins Gesicht geschrieben. Wieso ausgerechnet mein Kind. Und war er nicht immer schon anders, als die Geschwister? Was hat sie

nur verkehrt gemacht? Diese Frage raubt ihr den Schlaf.
"Grübele nicht über das Warum und Wieso, bleibe nicht in dieser Schleife. Gar nichts hast du verkehrt gemacht! Du hast keine Schuld und dieser Mensch, der randaliert, der dich angreift ist nicht dein Sohn, es ist die Sucht! Du musst das trennen. Seine Liebesbeziehung ist die Droge. Er ist einsam. Er liebt die Familie, aber er hasst sie trotzdem." Das sind die Kernsätze dieses Abends, die die Mütter und Väter immer wieder sagen. Und sie wirken wie Balsam auf die Seelen von diesen drei Menschen, die nur Ablehnung erfahren haben, die mittlerweile völlig isoliert leben und ganz andere Sprüche gewöhnt sind. Zum Beispiel solche "Wenn das mein Sohn wäre, den würde ich aber... Du kannst Dir doch nicht einfach auf der Nase rumtanzen lassen, ja wo gibt es denn so etwas?" Auch das kennen alle, die hier im Raum versammelt sind. Denn kein Außenstehender kann sich vorstellen, was die Droge aus einem Menschen macht und wie machtlos engagierte Eltern sein können. "Bei uns gibt es schon lange keine Tür mehr, die ganz ist, " sagt eine Mutter. "Ich schlafe mit der Geldbörse unter dem Kopfkissen, weil er sonst alles klaut", so ein Vater. "Ich habe gelernt, ihm kein Geld zu geben, weil ich ja eigentlich damit die Droge finanziere", sagt die nächste. Und: "Man muss tatsächlich das eigene Kind anzeigen, wenn es gefährlich wird. Er muss dann raus aus der Familie. Es geht nicht anders!"
Erst Alkohol, dann Cannabis und später Heroin. So sieht eine Suchtkarriere in der Regel aus. Schule oder Ausbildung werden abgebrochen, nachts dröhnt man sich zu, bleibt dann lange im Bett, klaut oder dealt für das nötige Kleingeld, wird aggressiv und gewalttätig, die Psyche verändert sich - im schlimmsten Fall bis hin zur Psychose. Ein Weg, der viele Jahre dauert, ein Teufelskreis, eine Belastungsprobe, die etliche Ehen nicht aushalten. Irgendwann werden ihre Kinder erwischt und landen im Gefängnis. Doch das ist wohl nicht das schlechteste. "Der Knast war die Rettung", berichtet eine Mutter, deren Tochter acht Jahre an der Nadel hing. Denn "Therapie statt Strafe" nach § 35, brachte sie nach der U-Haft in den Entzug. Seitdem ist sie clean, hat eine kleine Tochter und einen tollen Job. Eine Erfolgsgeschichte vom feinsten. Einige Jugendliche sind seit neuestem im Methadon-Programm - was für die Eltern schon ein großer Erfolg ist. Und wenn sie dann noch den Führerschein bestehen, wird die Hoffnung immer größer. "Meinem Sohn fehlen acht Jahre", berichtet

eine Mutter. Denn nimmt man Drogen, findet keine Entwicklung statt. Ihr 28jähriger sei auf dem Stand des 20jährigen geblieben, dem Zeitpunkt, als die Sucht begann.
Es scheint ein langer Weg hinaus aus der Sucht. Unvorstellbare, tränenreiche Jahre sind zu bewältigen. Im Kampf gegen die Droge, gegen das soziale Umfeld, gegen die Isolation. Hier helfen keine schlauen Sprüche, sondern Menschen, die verstehen, weil sie es selbst erlebt haben. Eine Mutter bringt es auf den Punkt: "Du musst dir helfen, damit du deinem Kind helfen kannst. Du musst wieder Ansprechpartner haben und wieder lachen können. Du musst wieder leben lernen. Die Gruppe versteht dich, sie gibt dir Halt in jeder Situation. Sie bietet ausführliche Information, Weiterbildung, Freizeitaktivitäten. Ich weiß nicht, wie ich ohne diese Menschen hier die letzten Jahre überstanden hätte."
Drei "Neue" waren da. Sie sind etwas getröstet, etwas erleichtert. Sie werden wiederkommen - Gott sei Dank!
Bildu.: Gisela Sickbert, die Leiterin des Elternkreises , weiß genau wovon sie spricht. Ihr Sohn war drogenabhängig und hat es geschafft.

Barbara Dickmann

Der Elternkreis
drogengefährdeter und drogenabhängiger Jugendlicher der Landkreise Villingen-Schwenningen, Tuttlingen, Rottweil, trifft sich alle 14 Tage dienstags von 19.30 bis 21.30 Uhr in der Fachstelle Sucht, Außenstelle Villinger Str. 35, 78054 VS-Schwenningen. Termine unter Tel. 07423-3166.
"Betroffen vom Drogenproblem ist heute jeder - Sie auch - ", so steht es im Flyer der Fachstelle Sucht. Und weiter heißt es: "Drogenabhängige Kinder und Jugendliche kommen aus allen sozialen Schichten. Darum schließen Sie nicht die Augen und sagen Sie nie: In unserer Familie gibt es "so etwas" nicht! Sie betreiben eine wirksame Vorbeugung oder erhöhen die Chancen Ihres abhängigen Kindes, wenn Sie sich mit dem Drogenproblem auseinandersetzen und es offen mit Ihrem Kind diskutieren. Sie brauchen einen Informationsvorsprung, um den Argumenten Ihres Kindes glaubwürdig begegnen zu können. Mit Misstrauen, Verboten und Verzweiflung erreichen Sie überhaupt nichts - Sie vergrößern damit eher die Kluft zwischen sich und Ihren Kindern." Der Elterkreis bietet auch spezielle Seminare an.