Carmen B. (Name geändert) ist verzweifelt und unendlich traurig. Eine Fehlgeburt beendet ihre zweite Schwangerschaft abrupt und der Traum vom zweiten Kind ist erst einmal vorbei. Zwei Wochen später stirbt eine gute Freundin. Sie hinterlässt eine kleine Tochter - und doch geht die Freundin nicht alleine. Carmen B. gibt ihr in Gedanken ihr totes Baby mit auf den Weg. ,,Behüte es für mich", denkt sie. Und so schlimm der Tod der Freundin sie trifft - trotzdem fühlt sie sich nachher doch etwas getröstet und irgendwie beruhigt sie der Gedanke, dass ihr Baby nicht allein ist.
Seitdem hat Carmen B. noch zwei weitere Fehlgeburten erlitten und jedes Mal in Gedanken das gleiche Ritual vollzogen. Doch das reicht nicht aus. ,,Bei der ersten Fehlgeburt denkst Du: Das kann jeder Frau passieren! Bei der zweiten kommt die Angst und bei der dritten fühlst Du Dich wie ein Versager", berichtet sie. Nach außen geht der Alltag normal weiter, denn das Erstgeborene fordert einfach. Doch innen drin ist die Welt nicht mehr in Ordnung, Carmen kämpft mit einer Depression und so manch harmloser Satz trifft sie ins Mark. ,,Was, so ein großes Haus für drei Personen!", sagt eine Bekannte. Eigentlich wären es jetzt schon sechs! ,,Sei froh, Du hast doch ein gesundes Kind," meint die Familie. Doch ein Kind kann ein anderes nicht ersetzen! Mitleid hilft auch nicht. Und das Ausklammern von Kinder-Themen erst recht nicht. ,,Ich will kein Mitleid, sondern die Normalität", sagt Carmen. Was ihr geholfen hat: Natürlich ihr Kind, weil sie
einfach weitermachen musste. Gespräche mit einer Psychologin und der Gedanke, dass es anderen noch schlechter geht, dass sie wirklich dankbar sein muss, ein Kind zu haben. ,,Heute versuche ich die Vorteile zu sehen, die auch einfach da sind, wenn man nur ein Kind hat. Mein Wunsch nach einer großen Familie mit Kindern ist nach wie vor da, doch ich versuche locker daran zu gehen und werde nichts erzwingen. Ein Adoptivkind kommt für uns nicht in Frage, doch vielleicht später ein Pflegekind".
Monika K. (Name geändert) weint am Telefon. Ihre Freundin hat gerade erlebt, was sie vor drei Jahren durchstehen musste - eine Fehlgeburt. ,,Es kommt alles wieder hoch", sagt sie. Doch die Reaktion ihrer Freundin bedrückt sie am meisten. Sie kapselt sich ab, will keinen Kontakt und nicht mit ihr sprechen und sie erst recht nicht besuchen. ,,Was soll ich nur machen und wie reagiere ich auf so viel Abweisung?" Ist ihre Frage. Ihr schlimmstes Erlebnis nach der Fehlgeburt war das ,,Allein gelassen werden". Keine traute sich mit ihr darüber zu reden, keiner wollte die ,,arme Frau", die umgeben war von jungen Müttern, besuchen. ,,Ich habe im Internet die ,,Initiative Regenbogen Glücklos Schwangerschaft"
(www.initiative-regenbogen.de) gefunden", berichtet eine betroffene Leserin. Die Initiative Regenbogen wurde 1983 als Elterninitiative aus eigener Not heraus gegründet, hat sich damals erstmals mit dem frühen Tod eines Kindes in Deutschland beschäftigt und ist heute ein eingetragener Verein. Regenbogen-Gesprächskreise gibt es mittlerweile in
ganz Deutschland. Die Organisation veranstaltet Vorträge, hat eigene Bücher und Arbeitsblätter herausgegeben und erreicht, dass Kinder bereits ab 500 Gramm als ,,Personen" gelten. Kontaktadressenvermittlung über das Internet oder Aufnahmeformular bei Sandy Sollan, Hauptstr. 95, 15320 Neutrebbin, Tel. 033474-38763, anfordern. ck
Das ,,Moseskörbchen"
Hebammen und Schwestern fällt es oft schwer, ein totes Neugeborenes den Müttern und Vätern zu überreichen und andererseits überträgt sich diese Unsicherheit auf die Eltern, die meist völlig unvorbereitet mit ihrem toten Kind konfrontiert werden. Viele Betroffene lehnen es deshalb ab, ihr Kind anzuschauen. Doch oft taucht schon nach wenigen Tagen die Frage auf: ,,Wie sah denn mein Kind aus?" Dann ist es zu spät! Ein ,,Moseskörbchen" (das sind Bast- oder Weidenkörbchen mit einem Kissen ausgebettet), lässt den Eltern die Möglichkeit, sich langsam an ihr totes Baby heranzutasten. Die Kinder sind in ein Moltontuch gehüllt, die Körbchen stehen entweder auf einem Stuhl neben dem Bett, auf der Bettdecke am Fußende, liegen neben der Mutter oder werden den Eltern direkt in den Arm gegeben. Sie haben nun so viel Zeit, wie sie möchten und wonach ihnen zumute ist. Eine Idee der Initiative Regenbogen" (siehe oben). Moses-körbchen sind nicht immer vorrätig, doch eine Anleitung finden Sie im Internet. ck.
Barbara Dickmann
