Franziska Kleiner strampelt sich für einen ab - hier in ihrem Büro auf dem Fahrradtrainer. Sie ist selbstständige Berufsbetreuerin für Notleidende
Bild: B. Dickmann
Sie lacht viel. Das ist das erste, was auffällt. Dann scheint sie ziemlich gelassen zu sein. Wahrscheinlich kann sie nichts mehr erschüttern, nichts aus der Ruhe bringen. Und wenn sie eins im Leben gelernt hat, dann ist es folgendes: Es gibt nichts, was es nicht gibt und es gibt immer eine Lösung, die menschlich und würdevoll ist.
Keine Frage, Franziska Kleiner, 53 Jahre, Sozialarbeiterin in Freiburg mit etlichen Zusatzausbildungen könnte ein Buch schreiben. Vielleicht über ihre Arbeit in einem Heim für Schwerstbehinderte und psychisch Kranke, das wäre dann Band eins. Doch Band zwei würde umso dicker, denn das könnte von ihrer Arbeit handeln, die sie seit 1994 leistet. Franziska Kleiner ist selbständige Berufsbetreuerin und mittlerweile die dienstälteste in ihrem Bezirk. Im Augenblick sind es 29 Menschen, die sie betreut, doch der Durchschnitt liegt bei vierzig. Gerade mal drei sind ziemlich reich, die anderen ziemlich arm. Sie ordnet das Vermögen, was in der Regel das Ausfüllen diverser Anträge und das Abklappern etlicher Ämter bedeutet. Sie bestimmt den Aufenthalt (bis auf zwei Klienten), der häufig auch die Psychiatrie sein muss und achtet auf die Gesundheit ihrer zu Betreuenden. "Das sind oft schwerstkranke Leute, die man vor ihren eigenen Wahnvorstellungen schützen muss und schon mehr als 10 Klinikaufenthalte hinter sich haben", berichtet die Sozialarbeiterin.
Ein paar junge Frauen zwischen zwanzig und dreißig sind dabei, die zum Beispiel unter Magersucht oder Bulimie leiden. Ein paar ältere Damen, die ein bisschen verrückt und ein bisschen verwahrlost sind, doch der Hauptteil sind Frauen zwischen fünfzig und sechzig. Wie bitte? Hätten Sie das gedacht? Ist das nicht ein Alter, in dem noch alles möglich ist? Beginnt da nicht das zweite Leben nach Jahren der Kindererziehung, der Balance zwischen Beruf und Familie? Franziska Kleiner schüttelt mit dem Kopf. "Gerade in dieser Altersgruppe gibt es ganz viel Elend", sagt sie. Frauen verlieren ihren Partner durch Tod oder Trennung, sind oft seit Jahren mit den Kindern verstritten, oder trinken , sind arbeitslos, haben keine Freunde... Irgendwann sacken sie dann völlig ab und drehen durch. Es ist die Psyche, es sind Depressionen, Wahnvorstellungen, gepaart mit Süchten - eben die ganze Palette.
"Ich weiß noch genau, wer meine erste Klientin war", Franziska Kleiner lächelt. Es ist eine ältere Dame, die einfach alles bestellt. Sie ist hoch verschuldet. Ein Zimmer ist schon nicht mehr bewohnbar. Voll mit Paketen und allem möglichen Plunder von Boden bis zur Decke. Denn ihr Highlight des Tages ist der Besuch des Postboten. Und der kommt oft. Mal bringt er Küchengeräte, Fernseher, Zeitschriften, Handtaschen, Nachthemden und natürlich immer die neuesten Kataloge. "Du kannst jetzt deine Zeit damit zubringen, alles wieder abzubestellen, du kannst aber auch überlegen, was denn diese Frau braucht", rät ihr ein Kollege. Es geht nicht um die Pakete, es geht um die persönliche Ansprache, um Gesellschaft, um Kontakt, das wird Franziska Kleiner ziemlich schnell klar. Sie lässt die Post direkt an ihre Adresse schicken. Doch das reicht nicht. Im Endeffekt beantragt sie den Einwilligungsvorbehalt, was der früheren Entmündigung sehr, sehr nahe kommt. "Das war der einzigste Schutz für meine Klientin", berichtet die Betreuerin. Die Unterschrift ist nicht mehr rechtsgültig und Franziska Kleiner kann alles wieder zurückschicken. Das Happy-End beginnt mit einer Krankheit. Ihre Klientin muss in die Klinik, danach in eine Tagesstätte und ist glücklich. Endlich Gesellschaft! Zwei Dinge sind hier außergewöhnlich: Es war der Sohn, der die Betreuung betragt hat, was auch nicht immer der Fall ist und ein Einwilligungsvorbehalt wird von den Richtern sehr gründlich geprüft und nicht leichtfertig ausgesprochen. "Das ist immer ein zweischneidiges Schwert und für die Menschen sehr schlimm", sagt die Sozialarbeiterin, " doch um diese ganzen Werbefirmen, die so rigeros versuchen abzuzocken, tut es mir nicht Leid!".
Erfolgserlebnisse sind selten in diesem Job. "Doch es gibt einfach tolle Sachen", und jetzt lacht sie wieder. Frau, Anfang 50, Alkoholikerin seit über 10 Jahren. Irgendwann halten es die Kinder nicht mehr aus und flüchten. Franziska Kleiner wird amtliche Betreuerin und kümmert sich. Die Frau trinkt weiter, doch Franziska merkt, dass sie was kann und besorgt ihr einen Job in einem Geschäft, in dem Menschen einkaufen können, die wenig Geld haben. "Die haben jemanden für das Büro gesucht und der die Leute einweist". Schon zwei Jahre arbeitet ihre Klientin dort, schmeißt den ganzen Laden, trinkt nicht mehr, ist stabil und hat sich mit ihren Kindern ausgesöhnt. "Da kommen die ganzen Ressourcen raus", sagt sie und hier ist ein seltener Fall, in dem die Betreuung beendet werden kann.
Und dann ist da noch ihre "Ungarische Gräfin". Eine ältere Frau, ehemals reich, jetzt ziemlich arm. Die Tochter lebt im Ausland und der Sohn schon zum 50. Mal in der Psychiatrie. Eine ihrer Marotten ist schon ziemlich seltsam. Neulich erst im Computer-Laden: `Wir verkaufen Computer, Zubehör und mehr... `steht es in großen Buchstaben über der Theke. Die
"Ungarische Gräfin, presst ihre Brüste zusammen, wackelt mit den Hüften und fragt: "Und was bedeutet und mehr??" Die zwei jungen Männer hinter der Theke schauen entgeistert, ergreifen die Flucht und Franziska Kleiner überlegt, ob sie demnächst doch lieber alleine einkaufen gehen soll. Wie schon gesagt, das erste, was auffällt ist ihr Lachen, ihr freundliches, frohes Wesen. Und mal ehrlich, wie sollte man diesen Job auch sonst meistern können. "Ich mag einfach Menschen, " sagt sie, "und ich habe ein Händchen dafür".
Berufsbetreuer - der Beruf:
Franziska Kleiner hat ein eigenes Betreuungs-Büro in Freiburg und ist selbständig. Sie arbeitet ungefähr 35 Stunden in der Woche. Ihre Ausbildung als Sozialarbeiterin ist natürlich ideal. Doch wichtig ist die Einstellung zu Menschen, deren Andersartigkeit zu akzeptieren und zu respektieren. Eine staatlich anerkannte Ausbildung zum Berufsbetreuer ist nicht vorgeschrieben.
Warum Professionelle:
Kinder oder enge Verwandte sind oft emotional zu sehr eingebunden. Professionelle Betreuer sind neutraler und versuchen mit der Familie zusammen zu arbeiten. Das Ziel ist immer, die Berufsbetreuung irgendwann einzustellen oder an Ehrenamtliche weiter zu geben.
Verdienstmöglichkeiten:
Ein professioneller Betreuer wird über Pauschalen bezahlt, die zwischen reichen und armen zu Betreuenden und zwischen wohnen in der eigenen Wohnung und im Heim unterscheiden. Generell werden die Pauschalen von Jahr zu Jahr geringer, da man davon ausgeht, dass die Betreuung nur im ersten Jahr sehr intensiv ist. Die Praxis sieht oft anders aus. Trotzdem ist Franziska Kleiner mit der Pauschalierung zufrieden, da sie nicht mehr jede Stunde dokumentieren muss.
Stark sein:
Eine Betreuung endet oft erst mit dem Tod. Das muss man aushalten können. Franziska Kleiner konnte in letzter Minute einen Suizid verhindern. Das Haus meidet sie heute noch und die Frau in ihrer Blutlache ist in ihrem Kopf eingeprägt.
Das Vorurteil:
Reiche zu Betreuende sind die Ausnahme und doch gibt es sie. Berufsbetreuer müssen dann damit rechnen, äußerst misstrauisch von der Familie (und den zukünftigen Erben) kontrolliert zu werden und jede Geldausgabe für die Betreuende muss ausführlich begründet werden. Natürlich gibt es Betrugsfälle, doch die sind sehr selten.
Barbara Dickmann
