
Christa Lörcher mit ihrem Mann Gustav Adolf - ein Paar, das seit über 40 Jahren gemeinsam durchs Leben geht. Bild: privat
Zugegeben, wenn Sie an den Europa-Park denken, dann sehen Sie Silver Star und Euro-Mir, schwindelnde Höhen und rasante Abfahrten, Loopings, reißende Bäche und kreisende Gondeln vor ihrem inneren Auge. Dazu Nervenkitzel, Spannung, Erlebnis pur - und ein wohliger Schauer läuft über ihren Rücken. Dann fallen ihnen atemberaubende Artistik, glamouröses Varieté, Eis-Show und urkomische Clownerie vom Feinsten ein, denn auf zwanzig Bühnen bietet Deutschlands größter Freizeitpark Live vom Showprogramm bis zum Vier-Gänge-Galamenü einfach alles, was das Herz begehrt.
Doch sollten Sie einen Besuch in den winterlich/weihnachtlich geschmückten Europa-Park planen, wäre der 30. November der ideale Tag. Denn außer unzähligen Weihnachtsbäumen und romantischer Winterworld wird Christa
Lörcher, eine Frau so lebensbejahend wie der Europa-Park, dort sein, um im Hotel Colosseo, um 19.30 Uhr, über ein Thema zu referieren, das gerade in der Vorweihnachtszeit eine besondere Bedeutung hat, Titel: Lebenskrisen - wie gehe ich damit um?
Wer könnte besser darüber reden als Christa Lörcher, denn was Lebenskrisen sind, weiß sie ganz genau.
Nur wenige Tage vor ihrer Geburt 1941 als neuntes Kind einer Pfarrersfamilie in Mewe in Polen, wird ihr Vater als Soldat in den Russlandfeldzug eingezogen. Er überlebt, doch der älteste Bruder fällt. Das Leben der Familie wird auch nach Kriegsende von Flucht und Vertreibung überschattet. Christa ist 8 Jahre alt, als die Familie nach Deutschland umsiedelt. Christa studiert in Tübingen Mathematik und Physik, schließt sich diversen Protestbewegungen an und lernt ihren zukünftigen Mann Gustav Adolf Lörcher kennen. 1963 wird ihre Tochter Karin geboren - 1965 stirbt sie, gerade zweieinhalb Jahre alt, an Mukoviszidose, einer erblichen Stoffwechselkrankheit. Christa Lörcher wird Lehrerin und tritt in die SPD ein. 1972 wird ihr Sohn Thomas geboren. Auch Thomas leidet an Mukoviszidose und muss intensiv gepflegt werden. Die Familie zieht wegen des günstigeren Klimas nach Villingen-Schwenningen. Mit sechs beginnt Thomas Tagebuch zu schreiben, es endet fünf Tage vor seinem Tod - Thomas stirbt mit neun
Jahren in den Sommerferien in Griechenland. 1989 kommt sie in den Kreistag und im September 1993 zieht sie in den Bundestag ein.
Auch als Politikerin ist Christa Lörcher keine Frau, die sich in den Vordergrund drängt, doch aus ihrer pazifistischen Haltung macht sie nie ein Hehl. Ihre Karriere als Bundestagsabgeordnete ist mit ihrem ,,Nein" zum Militäreinsatz deutscher Bundeswehrsoldaten im November 2001 zu Ende und sie verliert ihre politische Heimat. Und was macht diese Frau nach dem Tod ihrer Kinder? Nach dem politischen Aus? Sie macht einfach weiter. Setzt sich für den Frieden ein, für Behinderte und Bedürftige und für alle Kinder dieser Welt - für Kinder, die sie nie großziehen durfte und die ihr so am Herzen liegen. Am 30.6.2002 erhält sie von der IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.) die Clara-Immerwahr-Auszeichnung . Christa ist keine romantische Weltverbesserin, sie hat ein Gewissen, ist glaubwürdig und realistisch, hat Rückrat, war Politikerin und ist gleichzeitig Frau geblieben - umgeben von einem Hauch von Melancholie. Sie ist eine starke Frau, mit einem starken Mann an ihrer Seite. Christa Lörcher im Europa-Park? Ja, das passt, denn Nervenkitzel, Erlebnis, Spannung pur, wie dort erleben Sie nicht tagtäglich. Und Christa Lörcher? Nichts an ihr ist alltäglich!
Barbara Dickmann
