Trotz ernstem Thema haben Dr. Dieter und seine Frau Susanne Goth Anlass zur Freude - denn mit ihrem High-Tech-Vortrag kombiniert mit Lesung aus "Der Wüstenblume" kämpfen sie erfolgreich gegen die weibliche Genitalbeschneidung in Afrika.
Sie wird in der somalischen Wüste geboren. Ihre Familie gehört zum Stamm der Darod, zieht mit Kamelen und Ziegen von Wasserstelle zu Wasserstelle. Wie alle kleinen Mädchen des Stammes ist sie neidisch und eifersüchtig, als ihre ältere Schwester in die Welt der Erwachsenen aufgenommen wird. Im Alter von fünf Jahren ist es dann soweit - das Ritual beginnt! Als kleines, vertrauensvolles Mädchen mit großen, leuchtenden, erwartungsvollen Augen geht sie auf eine alte Frau zu - verstümmelt an Körper und Seele kommt sie heraus. Das kleine Normadenmädchen ist beschnitten worden. Ihre erogenen Zonen gibt es nicht mehr. Beschnitten mit einer zerbrochenen Rasierklinge und anschließend zugenäht wie eine Weihnachtsgans soll sie nun heranwachsen für den Mann, der sie zur Frau nimmt.
Szenenwechsel: Eine hochschwangere Afrikanerin wird zur Entbindung in eine Londoner Klinik eingeliefert. Als die Hebamme den Unterleib der jungen Frau freimacht, ist sie fassungslos. Dort, wo die Härchen des Babys bereits aus dem Leib hervorschauen, ist nur ein winziges kleines Loch zu sehen. Was die Hebamme nicht weiß: Sie steht vor einer pharaonisch beschnittenen Frau, die "gewaltsam" geöffnet werden muss, um ihr Kind gebären zu können. Es geht noch einmal gut. Die herbei geeilten Ärzte operieren die Frau und ein gesunder Junge kommt zur Welt (Quelle: Deutsches Ärzteblatt).
Deutschland: Als die 25jährige Somalierin Kadija zum ersten Mal in Berlin zu einer Frauenärztin geht, ist diese entsetzt. "Wer hat Ihnen denn so etwas Grausames angetan?" fragt die Gynäkologin. Kadija weiß nicht, was sie sagen soll. Seit ihrem sechsten Lebensjahr ist sie beschnitten und zugenäht. Sie kennt es nicht anders. Kadija ist mit dieser Situation überfordert, die Ärztin auch. Die junge Frau fühlt sich nicht als Opfer und ist erschrocken, wie heftig ihre Gynäkologin reagiert. (Quelle Deutsches Ärzteblatt).
Es gibt reichlich Parkplätze vor dem "Gasthaus Jägerhaus" in Villingen. Im Nebenraum gähnende Leere. Ganze 11 Plätze sind besetzt. 11 Menschen sind gekommen, um in ein Thema einzusteigen,
dass uns die Nackenhaare sträuben lässt und fast körperliche Schmerzen bereitet. Titel des Vortrags: Schrei der Wüstenblume - über weibliche Genital-beschneidung. Die Referenten: Susanne Goth und Chefarzt Dr. Dieter Goth. Das Ungewöhnliche: Drei der Zuhörer sind junge, 18jährige Frauen, eine ist Afrikanerin und vier sind Männer. Selten hatten wir einen "typisch frau-" Vortrag mit dieser Männerquote.
Susanne Goth liest aus der "Wüstenblume". Der Mediziner wird deutlich. Mit Power-Point und Video erklärt und berichtet er. Die Beschneidung wird gezeigt. Wie dieses ,,Ritual" vorbereitet wird, wie kleine Mädchen mit riesengroßen Augen warten. Warten auf etwas, was sie nicht richtig einschätzen können. Der Reihe nach werden sie weggeführt, begleitet von der Mutter und hin zur Beschneiderin. Was jetzt kommt, ist Beschneidung life. Die Kamera hält drauf. Das muss ich nicht sehen und wenn Sie scharf auf Einzelheiten sind - beschrieben wurde es schon in der vergangenen "typisch frau".
Die Schreie des kleinen Mädchens, ihr Wimmern und Jammern reichen mir völlig. Ich bin die einzige die wegschaut. "Man sollte lieber hinschauen", sagt dazu Dieter Goth. Die Gesichter der männlichen Zuschauer sind unbeweglich, die der Frauen schmerz verzerrt. In ihren Augen schimmern Tränen. Was da auf der Leinwand flimmert ist die Verstümmelung schlechthin - ohne Betäubung und ohne Sinn. Hygiene gleich Null! Gelebter Wahnsinn in einer Kultur die uns so fremd ist wie der Mars! Waris, das kleine Normadenmädchen hat Schmerzen, die man nicht in Worte fassen kann. Und doch hat sie großes Glück, denn es hätte viel schlimmer kommen können. Bei ihren Wanderungen durch Somalia stoßen sie auf viele Familien und spielen mit deren Töchtern. Aber als sie sie wiedertreffen, sind die Mädchen oft fort. Niemand sagt, was mit ihnen geschehen ist, manchmal spricht man einfach nicht mehr von ihnen. Sie waren an der willkürlichen Verstümmelung gestorben - gestorben am Schock, an Infektion, an Wundstarrkrampf oder sie waren verblutet. Wenn man betrachtet, unter welchen Bedingungen der Eingriff durchgeführt wird, wundert dies nicht weiter. Es wundert vielmehr, dass einige überhaupt überlebt haben (Quelle: Waris Dirie: Wüstenblume).
Weltweit sind 130 Millionen Frauen nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation beschnitten. Und alle 15 Sekunden erleidet ein kleines Mädchen das gleiche Schicksal = ungefähr 2 Millionen im Jahr. Mädchenbeschneidung wird in 28 Ländern Afrikas, sowie in einigen arabischen und asiatischen Ländern praktiziert. Das Problem "Genitalverstümmelung" hat aber nicht vor den Grenzen der westlichen Welt halt gemacht. Vermehrt kommen Menschen aus traditionellen Beschnei-dungsländern, vertrieben von Diktaturen, Krieg und Armut, in die reichen Industrie-
länder. Ungefähr 35.000 beschnittene Migranten-Frauen leben in Deutschland und ca. 6.000 Mädchen sind davon bedroht. Die europäischen Staaten haben spezielle Gesetze erlassen, die den Tatbestand der schweren Körper-verletzung oder Kindesmisshandlung erfüllen. Bereits 1999 kam es in Frankreich zu einem Aufsehen erregenden Prozess. Eltern, die in einem Vorort von Paris ihr Mädchen beschneiden ließen, wurden zu einer Haftstrafe verurteilt. Im Januar 2005 wurde in einem Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs festgelegt, dass Müttern aus afrikanischen Ländern das Sorgerecht für ihre Töchter eingeschränkt werden kann, falls den Mädchen bei einem Urlaub im früheren Heimatland eine dort übliche Verstümmelung der Genitalien drohe. Das Urteil erging im Fall einer Mutter aus Gambia, wo je nach Region bis zu 90 Prozent aller Mädchen beschnitten werden.
Trotz aller Bemühungen scheint das Problem selbst in Europa nur schwer lösbar. Beschnitten wird weiter - nur im geheimen. Oft sparen die Familien und lassen eine Beschneiderin einfliegen - oder probieren es selbst. Der gesetzliche Schutz ist ein wichtiger Schritt, doch die vielleicht wirksamere Lösung liegt in der Änderung der Werte, Einstellungen und sozialen Normen der hier lebenden Afrikaner. Mehr Sensibilität, weniger Mitleid gegenüber Betroffenen. Beschnittene Migranten-Frauen wollen nicht als "verstümmelt" bezeichnet werden, da sie sich nicht so fühlen. In ihrer Kultur ist dieses Ritual positiv besetzt. Afrikanische Aktivistinnen brachten es in einer Konferenz in Berlin auf den Punkt: "Wenn tiefe Empörung auf uralte Traditionen trifft, ist ein Dialog meistens unmöglich".
Acht Jahre später, als ihr Vater seine Tochter Waris für fünf Kamele einem alten Mann zur Frau geben will, findet sie bei einer Schwester in Mogadischu Zuflucht. Verständnis findet sie nicht. Ein Onkel nimmt sie mit nach London. Nach vier Jahren kehren die Verwandten zurück. Waris Dirie will unbedingt bleiben. Eine Scheinehe rettet sie vor der Ausweisung. Mit 18 wird sie von einem Modefotografen angesprochen und ihre steile Karriere als Topmodel beginnt. Erst 1997, nachdem sie fast zwanzig Jahre aus ihrem Kulturkreis ist, spricht sie zum ersten Mal mit der Journalistin Laura Ziv über ihre eigene Genitalverstümmelung.
Dr. Dieter Goth ruft auf zum Kampf gegen Genitalverstümmelung und sieht sich als verlängerter Arm von (I)NTACT - Internationale Aktion gegen die Beschneidung von Mädchen und Frauen e.V. (Spendenkonto: 712000 Sparkasse Saarbrücken BLZ 59050101). Sie finanziert seit 1996 Aufklärungs-Maßnahmen in Afrika und leistet Aufklärungsarbeit in Deutschland (wir berichteten bereits).
Barbara Dickmann
