Das Team des Hospiz Via Luce in Schwenningen: von links stehend: Margarete Helbig, Brigitte Halder, Maria Noce, sitzend: Mechtild Wohnhaas-Ziegler (Pflegedienstleitung). Bild: B. Dickmann
Anna B. ist 35 Jahre alt. Sie ist alleinerziehende Mutter einer fünfjährigen Tochter und hat Krebs. Anna B. ist austherapiert. Es besteht keine Hoffnung mehr. Anna B. wird immer schwächer. Ihr Vater und ihre Geschwister übernehmen die Betreuung ihrer Tochter .Doch was wird aus Anna B.? Im Krankenhaus kann sie nicht bleiben und zu Hause schafft sie es nicht mehr. Sie kommt ins Pflegeheim, soll aber zum Sterben in ein Hospiz. Die junge Frau ist verzweifelt. "Schwester Maria", sagt sie weinend, " ich bin bestraft genug, dass ich jetzt sterben muss und mein Kind nicht mehr aufwachsen sehe. Doch jetzt muss ich zum Sterben auch noch irgendwo hingehen und werde jetzt schon von meinem Kind getrennt." Das nächste Hospiz ist in Oberharmersbach, Freiburg oder Stuttgart und die Familie verspricht, sie jeden Freitag mit der kleinen Tochter zu besuchen. Anna B. tröstet das nicht. "Was ist, wenn ich am Donnerstag sterbe?" sagt sie.
Maria Noce, gebürtige Italienerin, examinierte Altenpflegerin und Pflegedienstleiterin, hat etliche Gespräche dieser Art geführt und immer bleibt etwas hängen, was sie zutiefst berührt. 2001 macht sie sich mit dem "Christlichen ambulanten Pflegedienst V.S." in Schwenningen selbständig. Die Firma wächst von Jahr zu Jahr und genauso wächst eine Vision in ihrem Kopf. Sie möchte ein stationäres Hospiz auf die Beine stellen, damit die kranken Patienten nicht so weit weg von ihren Familien müssen. Immer wieder redet sie mit ihrem
Mann und ihren Mitarbeitern darüber. Das Problem: Ein Hospiz arbeitet nicht mit Gewinn, es ist noch nicht einmal Kosten deckend. 90 % übernimmt der Kostenträger und 10 % müssen über Spenden oder Sponsoren aufgebracht werden. Maria Noce arbeitet hart und baut ihren Pflegedienst immer weiter aus.
2004 kauft sie ein Grundstück, nimmt einen Kredit auf und steckt eigenes Geld hinein. Es wird ihr Firmensitz, doch eine Etage soll als Hospiz ausgebaut werden. Eine Förderung gibt es dafür nicht - trotz intensiver Bemühungen findet sie immer nur geschlossene Türen vor. Am 5. Juni 2008 geht es los - der erste Spatenstich. Der Architekt verlangt kein Honorar für den Hospiz-Bereich und die Baufirma kommt ihr entgegen. Am 1. Juli 2009 wird das Hospiz Via Luce offiziell eröffnet. Träger der Einrichtung ist der Hospiz-Förderverein Villingen-Schwenningen e.V., mit Gabriele Reichle als Vorsitzende.
Was Maria sehr wichtig ist: Sie hat keinerlei Funktion, ist aber Hauptsponsorin und arbeitet ehrenamtlich mit. Die Räume stellt sie dem Hospiz kostenlos zur Verfügung. "Das Hospiz ist ganz arg auf die Arbeit von Ehrenamtlichen und auf Spenden angewiesen", sagt sie, denn die Einrichtung leistet viel mehr, als sie bezahlt bekommen. Wenn ein Hospiz-Gast stirbt, kann er bis zu 36 Stunden in seinem Zimmer bleiben, die Familie kann Abschied nehmen und es wird eine kleine Abschiedsfeier organisiert. "Für diese Zeit bekommen wir kein Geld, die Zuschüsse enden mit dem Todestag", sagt Maria, und das können zwischen € 50.000 bis € 100.000 im Jahr sein, die einfach dadurch fehlen. Das Hospiz Via Luce ist an keine Institution oder Konfession gebunden. Dieses Jahr hat die Einrichtung vom Kreis eine Unterstützung in Höhe von € 15.000,-- erhalten, sucht aber immer noch Ehrenamtliche, die nach einer entsprechenden Ausbildung in der Finalphase sterbende Menschen begleiten können. Ganz wichtig für Maria Noce: "Mich leitet ausschließlich der christliche Gedanke", sagt sie und will einfach weiterkämpfen, "so wie ich es mein ganzes Leben machen musste. Meine Vision ist wahr geworden, ich habe das erste Hospiz
in der Region gegründet. Und ich werde weiterhin mein durch harte Arbeit verdientes Geld hineinstecken, ich brauche nicht mehr, als ich schon habe!"
Das Hospiz
Keine Frage: der Bedarf ist da. Das Hospiz ist im Augenblick voll belegt, kann sieben Gäste aufnehmen und hat zusätzlich ein Zimmer für Angehörige, die hier übernachten möchten. Die Zimmer haben keinen Krankenhaus-Charakter und gleichen eher einem Hotel. Ein zusätzlicher, zurzeit noch offener, Raum für die Seele, ausgestattet mit Kunstwerken, hilft den Angehörigen wieder Kraft für die Begleitung ihrer Sterbenden zu schöpfen. Die Betreuung endet nicht mit dem Tod. Einmal im Monat findet ein Kaffee-Nachmittag für die Hinterbliebenen statt. Sie können dann aussprechen, was sie bewegt oder ihre Gedanke in ein Buch hineinschreiben.
Doch ein Hospiz heißt: Den Tagen mehr Leben geben. Die Schmerzen nehmen. Es wird gelacht, es wird gekocht, es wird gefeiert. Die Bedürfnisse der Gäste werden so weit wie möglich erfüllt. Gerhard G. (Name geändert) zum Beispiel möchte noch einmal Weihnachten feiern, obwohl es erst September ist. Anton B. will so gerne sein Lieblingsessen, gekocht von seiner Tochter und im Kreise der Familie, genießen - kein Problem. Liesel V. will den Sternenhimmel sehen und dort sterben; ihr Bett wird auf die Terrasse geschoben. "Alles Dinge, die in einem Krankenhaus oder Pflegeheim nicht möglich sind", sagt Maria Noce. Die Schwestern haben Zeit zuzuhören und am Bett zu sitzen. Sie kennen die verschiedenen Stadien, die Sterbende durchlaufen und nehmen Wutausbrüche nicht persönlich.
Grundvoraussetzung ist, dass die Gäste wissen, dass nur noch gelindert wird und nicht mehr geheilt. Sie wollen die Hoffnung nicht nehmen, sie aber auch nicht schüren. Wer hierher kommt, hat die Möglichkeit den letzten Rest seines Lebens so zu gestalten, wie er das will. Das ist im Krankenhaus oder im Pflegeheim oft nicht möglich. Hier muss keiner alleine sterben, wenn er das nicht will.
Barbara Dickmann
