Unsere Jugend - unsere Zukunft. Was sie denkt und fühlt finden Sie in der Shell-Jugendstudie 2006. Bild: SK
Sie sind die teuerste Anschaffung, die wir in unserem Leben tätigen. Sie sind der Mittelpunkt, sind unendliche Bereicherung aber auch Verursacher etlicher schlafloser Nächte. Vielleicht haben Sie vor 15 oder 18 Jahren in ein Baby-Gesicht geschaut, haben sich verzaubern lassen von einem zahnlosen Lächeln und sich unwillkürlich gefragt: Wie wird dieses kleine Menschlein wohl aussehen, wenn es ein Teenager ist? Wie wird die Welt dann sein? Welche Chancen hat meine Tochter/mein Sohn?…
Anno 2006 sieht es so aus: Die Gruppe der über 65jährigen wächst, während der Bevölkerungsanteil der unter 20jährigen weiter sinkt. Jugend in einer alternden Gesellschaft. Wie ist ihre Situation in Deutschland, welche Sorgen und Nöte haben sie und wie geht die deutsche Jugend konkret mit ihren Zukunfts-aussichten um? Hat unsere junge Generation ihren grundsätzlichen Optimismus verloren? Steht uns ein neuer Generationenkonflikt bevor? Setzt sich vielleicht die Renaissance von traditionellen Werten wie Leistung, Tugend und Fleiß fort, oder ist gar eine ganz neue Wendung in der Jugendentwicklung zu erkennen? All diesen Fragen geht die 15. Ausgabe der Shell Jugendstudie, "Jugend 2006" (ISBN-13: 978-3-596-17213-9 oder ISBN-10: 3-596-17213-6, kostet € 14,95) nach.
Damit wird die Langzeit-Berichterstattung über die junge Generation in Deutschland fortgesetzt, die vor 53 Jahren begann und jugendliche Lebenswelten, Rollen-verständnis sowie Einstellungen zur Politik zum Thema haben. Sie basiert auf einer Repräsentativbefragung von rund 2500 Jugendlichen in Deutschland und ist weltweit einmalig. Mittlerweile sind die Shell Jugendstudien nicht mehr wegzudenken. Sie haben über die Jahre großen Einfluss auf grundlegende politische Entscheidungen und Schwerpunkt-setzungen in der wissenschaftlichen Forschung ausgeübt. In der neuesten Ausgabe werden auf 500 Seiten die Einstellungen unserer Jugend zur Familie, Schule, Freizeit und Beruf, zur Politik, zum demografischen Wandel, zu Religion und Glaube abgefragt.
Ein ganzes Kapitel widmet sich den grundlegenden Wertorientierungen der Jugendlichen und untersucht vier unterschiedliche Lebensauffassungen. Wer Frauenseite besonders interessiert, ist die Rolle der jungen Frauen in unserer
Gesellschaft. Wurden früher junge Männer insgesamt als konkurrenzorientierter und durch-setzungsstärker beschrieben, berichtet bereits die Shell Jugendstudie 2002 über eine starke Generation junger Frauen, die mindestens ebenso starken schulischen und beruflichen Ehrgeiz zeigten wie die jungen Männer.
Daran gibt es nichts zu rütteln, ganz im Gegenteil. Inzwischen können mehr junge Frauen einen hochwertigen schulischen und oft schon einen besseren universitären Abschluss vorweisen als ihre gleichaltrigen männlichen Geschlechtsgenossen. Trotzdem bleibt der berufliche Erfolg oft aus. Die traditionelle Hausfrauenrolle wird unseren Mädchen zunehmend abgelehnt. Dafür stellen sie enorme Ansprüche an sich selbst: Sie wollen gut aussehen, aktiv sein, Freunde und einen Partner haben, gebildet sein, einen interessanten Beruf ergreifen, ein sicheres Zuhause haben, in einer harmonischen Beziehung leben und einmal Kinder haben. Fast alle sind daran interessiert, Karriere mit Familie zu verbinden. Doch genau das scheint der Knackpunkt zu sein.
Denn die jungen Männer halten laut Shell Jugendstudie an dem traditionellen Frauenbild fest. Wenn es nach ihnen ginge, sollten Frauen sich um die K's - um Kinder, Küche, Kirche - kümmern. Offensichtlich macht unseren jungen Männern diese ehrgeizige Frauengeneration Angst. Sie fürchten die Konkurrenz, sehen sie als ernsthafte Gefährdung auf dem Arbeitsmarkt und flüchten in die alten Muster. Sie werden damit kein Glück haben. Denn junge Frauen sind heute eine durchsetzungswillige und leistungsstarke Generation, die Gleichberechtigung fordert und sich nicht mehr in lange Grundsatzdebatten verstrickt. Sie gibt sich weder mit Zuschauerplätzen noch mit der Rolle der romantischen Heldin zufrieden.
Und je selbstbewusster unsere Mädchen werden, desto verunsicherter sind die Jungen. Sie müssen sich neu definieren. Alte und vertraute Rollenverteilung ist nicht mehr möglich. Die Beziehungen müssen ständig neu justiert werden und unverkennbar fühlen sich viele junge Männer völlig überfordert. Helfen würde ihnen, was Mädchen in so einer Situation tun würden. Intensive Gespräche mit Freunden, Eltern, ein soziales Netzwerk. Doch Männer haben wenig enge Bindungen. Ihre traditionelle Männerrolle verbietet es einfach, ihre Überforderung, Unsicherheit und Hilflosigkeit nach außen zu zeigen und sich Hilfe zu holen. Sie reagieren eher mit Unruhe, Aggressivität und erhöhtem Drogenkonsum auf innere Spannungen.
Doch etwas hat sich nicht geändert. Politik ist immer noch eine Männer-Domäne. Dabei sind junge Frauen nicht unpolitisch, doch sie engagieren sich häufiger im sozialen Bereich. Nach wie vor ergreifen mehr Frauen als Männer soziale Berufe. In sozialen Fragen fühlen wir uns einfach kompetent, die große Politik hingegen
überlassen wir nach wie vor lieber den Männern. Frauen und aktive Politik sind kein Status- oder Imagegewinn. Politisches Engagement wirkt sich für Frauen nicht positiv aus, wird nicht anerkannt und ist auf keinen Fall förderlich für die berufliche Karriere. Ob eine Bundeskanzlerin das ändern wird, bleibt abzuwarten.
Mädchen und junge Frauen sind deutlich ehrgeiziger geworden, zugleich aber auch sicherheitsbewusster. Sie orientieren sich zunehmend an ,,männlichen" Eigen-schaften, wie Leistung und Durchsetzungsvermögen, Karriere und Verantwortungsbereitschaft, vergessen dabei keinesfalls ihre weiblichen Fähigkeiten und sind emotionaler, toleranter, sozial hilfsbereiter und umweltbewusster als junge Männer. Familie und eigene Kinder haben bei jungen Männern wie bei jungen Frauen einen hohen Stellenwert. 75 % der weiblichen und 65 % der männlichen Befragten erklärten, eine Familie zum ,,Glücklichsein" zu brauchen, zwei Drittel wollen später eigene Kinder haben und sogar 70 % wollen ihre Kinder so erziehen, wie sie selbst erzogen wurden. Die Mehrheit von ihnen möchte später einmal zwei Kinder haben. 15 % möchten nur ein Kind und 17 % wünschen sich drei oder mehr Kinder.
Der Wunsch nach einem zweiten Kind kippt bei den Jugendlichen, die bereits eigene Kinder haben, denn nur die Hälfte wünscht sich weitere Kinder. Und genau hier liegt die deutlich zunehmende Kinderlosigkeit in Deutschland. Es gibt zu wenige Familien mit drei oder mehr Kindern und nach den vorliegenden Studien werden sich in Zukunft immer weniger Jugendliche und junge Erwachsene für mehr als zwei Kinder entscheiden.
Geht es um die Beziehung, versteht unsere Jugend keinen Spaß: So bezeichneten 81 % der Jugendlichen "Treue" als einen Wert der "in" ist, heiraten wollen jedoch nur 39 % der Jugendlichen. Fragt man Mädchen, so möchten 43 % gerne vor den Traualtar, jedoch nur 36 % der Jungen (Quelle: Shell Jugendstudie 2006).
Egal ob Sie gerade den schwierigsten und schönsten Job der Welt ausüben und ihre Kinder erziehen oder als Pädagoge die ganze Geschichte beruflich angehen, die Shell Jugendstudie hilft, unsere Jugend zu verstehen und ihre Werte zu erkennen.
Die Shell Jugendstudie wurde von einer unabhängigen Arbeitsgemeinschaft von Wissenschaftlerinnen und Wissen-schaftlern der Universität Bielefeld und des Forschungsinstituts TNS Infratest Sozialforschung München erstellt. Der bekannte Jugendforscher Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, ist gemeinsam mit Prof. Dr. Mathias Albert und TNS verantwortlich für Konzeption und Koordination. Shell finanziert, übt jedoch keinerlei Einfluss aus. Ck.
Barbara Dickmann
