Dr. Julia Stein ging auf Aspekte des Älterwerdens ein und wie sich das mit Freuden erreichen lässt. Bild: S. Przewolka
Irgendwie hat sie das dumme Gefühl, die Älteste im Raum zu sein. Irgendwie findet sie es sympathisch, dass gut 60 Frauen und 2 Männer bereit sind, sich im "jugendlichen Alter" auf das Thema einzulassen. Was Dr. Julia Stein, Ärztin und Psychologin, als "jugendliches Alter" bezeichnet, bewegt sich im durchschnittlichen Bereich von Ende dreißig bis Anfang siebzig. Julia Stein wird mit Freu(n)den alt. Und genau das ist ihr Thema am 19. September um 19.30 Uhr im Gasthaus Jägerhaus in Villingen. Julia ist authentisch. Sie scheint zu schaffen, was sie sich vorgenommen hat. Ihr Gesicht ist frei von Nörgelfalten, ihre Körpersprache drückt Zufriedenheit aus und ihre Augen sind so lebendig und hellwach, ihre Sprache klar und deutlich, dass man ihr Alter vergisst.
Und doch macht sie etwas, was jeder kennt, der mit älteren Menschen zu tun hat. Julia geht in die Vergangenheit. "Denken Sie darüber nach, was Ihnen das Leben bisher geschenkt hat. Versetzen Sie sich zurück in die verschiedensten Abschnitte Ihres Lebens", sagt sie. Doch nicht in Melancholie und Jammerei, weil die ach so schöne Zeit vorbei ist, weil es hier zwickt und da zwackt. Julia meint das ganz anders. Alles was Freude bereitet hat und worauf wir zurückgreifen können, ist im Alter ein Schatz des Herzens. Was hat uns in der Kindheit glücklich gemacht. Was war unser Lieblingsspiel, welchen großen Schmerz haben wir in unserer Kindheit erlebt und was haben wir an unsere eigenen Kinder weitergegeben. Wie haben wir sie großgezogen und begleitet? Sind da noch alte Wunden? "Alle Zellen erinnern sich auch nach Jahrzehnten", sagt die Psychologin, "Es ist ein Geschenk, wenn
man den Schmerz spürt, weinen kann und alte Verletzungen wieder aufarbeitet".
Doch da gibt es die Freude der vergangenen Jahre. Das Abendteuer, die Tanzstunde, das Lachen und Fröhlich sein - trotz schwieriger Lebensumstände. Erinnern Sie sich, dass Sie diese Fähigkeiten haben! Das macht Mut alt zu werden. Und vielleicht fällt Ihnen eine alte Liebe ein. Haben Sie den Mut Kontakt aufzunehmen. Vielleicht ergeht es Ihnen so wie Julia, die ihre erste Liebe nach 45 Jahren wieder getroffen hat und das Geschenk einer tiefen Freundschaft genießen konnte. Julias Ehe war schwierig, sie hält den Alltag nicht aus. Ihr Traum, eine glückliche Pfarrfrau mit vielen Kindern zu sein, zerbricht. Nach 25 Jahren ist sie vorbei und Julia lebt in Todtmoos, gibt Seminare in Griechenland, in Teneriffa Sie begegnet vielen Menschen mit gleichen Interessen. Sie inspirieren sich gegenseitig, teilen Nöte und Freude.
Was sind eigentlich Freunde? Freunde sind Menschen, die spüren, die liebevolle Absichten haben, die Wärme geben, die stützen und die helfen, sich selbst zu erkennen. Haben Sie welche? Haben Sie vielleicht sogar noch Briefe von Ihren Freunden. Julia hat sie und auch noch Briefe von ihrer Mutter und ihrem Vater. Julia, die ein Meister des Umzugs und des Loslassens ist, hat genau das aufgehoben. Julias Mutter lebt die letzten Monate ihres Lebens bei ihr. Sie hat Krebs, will keine Operation, keine Chemo, ist bereit zu gehen. Sie macht es sich und Julia unglaublich leicht und genau das wünscht sich Julia auch. Sie wünscht sich im Angesicht von Krankheit und Schmerzen den Blick fürs Ganze zu bewahren.
Auch ihr Lebensgefährte prägt sie. Er kündigt drei Monate vor seinem Tod an, dass er bald weitergehen werde. "Es gibt keinen Tod, es gibt nur ein Weitergehen", ist Julias Meinung, ,,es ist wichtig, diese Schritte vorher in Bewusstheit zu gehen und sich die Frage zu stellen, mit welchen Freuden und mit welchen Freunden bereichere ich mein Leben!" Julia ist im Gespräch. Tagtäglich! Sie spricht mit einer jungen Frau und ihren Kindern, mit der Älteren, die einen Hund an der Leine hat, tankt Kraft in der Schweiz, in einer Gruppe von Menschen, mit denen sie drei Jahre zusammengelebt hat.
Mit Freuden alt zu werden, heißt auch Freiwerden von alten Vorstellungen, von Prinzipien, das Leben der Kinder auszuhalten, hinzuschauen und zu staunen, wie sie anders leben, trotzdem überleben und hoffentlich gut leben. Wie in ihrem Leben Freudenquellen sind, die vielleicht völlig anders sind als unsere. Anzuerkennen, was sie leisten und darauf verzichten ein Urteil zu bilden. Sich einfach freuen, dass sie da sind. Julia weiß, was sie will. Sie macht sich selbst Gedanken, setzt sich kleiner und gibt ab, was sie nicht mehr braucht. Sie geht offenen Herzens durch ihre Wohnung und guckt - immer wieder. Heute hat sie so wenig Geschirr, dass sie zählen muss, wie viel Gäste sie einladen kann.
Alles Überflüssige verschenkt sie - nicht wahllos, sondern überlegt. Wem kann ich damit eine Freude machen? Loslassen nennt man die ganze Geschichte. Loslassen kann man üben. Julia übt schon lange. Begleiten Sie Menschen, die sie lieben, doch nehmen Sie sich soweit zurück wie nötig. "Lieben Sie sich selbst", sagt Julia. Die Liebe braucht Ruhepausen und Sie brauchen die Begegnung mit Gesunden, ein gutes Buch, einen Ausflug, ein Theaterstück... Bleiben Sie im Gleichgewicht, fühlen Sie mit, doch ohne zu leiden. Und jetzt kommt das Wichtigste des Abends: "Ordnen Sie Ihre Dinge und sorgen Sie vor. Setzen Sie sich Ihre Lebensziele. Was möchten Sie noch tun im Leben - tun Sie es, solange Sie noch gesund sind". Julia möchte noch eine Flusskreuzfahrt machen und das wird im nächsten Jahr passieren. Machen Sie sich ein schönes Leben, auch wenn Sie erst fünfzig sind. Es lässt sich leichter sterben, wenn man ein gutes Leben gelebt hat.
Zugegeben, Julia ist die große Ausnahme. Wer schafft es schon 11 Mal umzuziehen, sich von allem Überflüssigen zu trennen, die vermeintlichen Fehler der Kinder hinzunehmen ohne Groll und auch noch vom "weitergehen" zu sprechen anstatt vom sterben. Doch wenn wir nur ein kleines bisschen annehmen von diesem Abend, wird nicht nur das sterben leichter, sondern unser Leben fröhlicher, geselliger und reicher.
Spende: 120 Euro spendeten die Zuhörer. Dieser Betrag geht an eine Einrichtung, die ledige Mütter unterstützt.
Barbara Dickmann
