Zwei Katzen, lebendig und lebensfroh. Hätten Nachbarn schneller reagiert, wären heute zwei andere noch am Leben und nicht jämmerlich verendet. Bild: www.aboutpixel.de
Das ist eine wahre Geschichte - leider. Sie handelt von 2 Katzen, einer allein erziehenden Mutter so Mitte 30 und von Nachbarn, dessen Vorbild drei berühmte Affen sind. Sie kennen Sie: Der eine hält sich die Augen zu, der andere den Mund und der dritte die Ohren. Nichts hören, nichts sehen und nichts sagen...
Sie beginnt mit einer Email: Hallo Frau S. Ich habe mich jetzt doch entschlossen, Ihnen folgendes mitzuteilen. Meine Nachbarin war jetzt schon seit bestimmt 4 Monaten nicht mehr in ihrer Wohnung. Ich habe mal von unserem Dachfenster aus in die Wohnung geschaut. Es sieht wirklich schlimm aus. Überall Müll und so. Sie hat ja zwei Katzen, doch die sind bestimmt schon tot. Vielleicht schauen Sie doch mal nach... gez. Familie Meier, die Nachbarn.
Diese Email landet bei Gisela S., der Eigentümerin einer Dachgeschosswohnung in einem 7-Familienhaus. Sie liegt unmittelbar neben der Wohnung von Familie Meier. Gekauft hat sie sie vor zwei Jahren. Claudia B. ist ihre erste Mieterin. Eine nette Frau mit einer 6jährigen Tochter und einem festen Job. Die Miete geht immer pünktlich ein, Berührungspunkte gibt es keine, da Gisela S. ungefähr 40 km entfernt wohnt. Na ja, denkt sie, als sie die Email bekommt, vielleicht sieht es in der Wohnung gerade ein bisschen chaotisch aus, denn die Mieterin der Nachbar-wohnung ist die Super-Hausfrau
schlechthin. Trotzdem greift sie zum Hörer und erreicht ihre Mieterin auf ihrer Arbeitsstelle. "Ich würde mir gerne mal die Wohnung ansehen", sagt sie, "wann haben Sie denn Zeit?" Claudia B. ist sofort bereit. Sie verabreden sich für den folgenden Tag.
Gisela S. war lange nicht mehr in dem 7-Familienhaus. Das Haus, ein komplett sanierter Altbau Baujahr 1900, sieht einfach super aus. Die liebevoll aufgearbeitete historische Fassade, das fast herrschaftliche Treppenhaus, das glänzt und blitzt und überall geschmackvolle Dekoration und Pflanzen. Gisela S. ist begeistert und steigt leichten Herzens in den zweiten Stock. Auch hier alles wunderbar. Vor der Wohnungstür wartet schon ihre Mieterin mit unbewegtem Gesicht. Wortlos öffnet sie die Tür.
Dahinter ist die Hölle. Die Wohnung ist verwüstet. Der Boden übersät mit Kleidern, Essensresten, Abfall. Die Stühle kaputt und die Schränke umgestürzt. Es riecht nach Müll und es riecht nach Verwesung. Wie betäubt geht Gisela S. durch ihre Wohnung. In der Küche liegt eine tote Katze. Direkt unter dem Fenster. Die Tapete davor ist zerkratzt. Was hat sie wohl alles versucht, wie hat sie wohl jämmerlich geschrieen, bevor sie verdurstet ist. Im Nebenzimmer liegt die zweite - halb aufgefressen. Gisela S. wird es speiübel. Sie rennt hinaus aus der Wohnung, hinaus aus dem Haus. Sie will nur noch weg von diesem Grauen... Als Claudia B., die allein erziehende Mutter, die Wohnung anmietet, ist sie glücklich. Es ist für sie der Traum auf zwei Ebenen, mit großer Terrasse. Schöne Bäder, Böden, der Arbeitsplatz nur zwei Straßen weiter und die Eltern ganz in der Nähe. Das Drama beginnt kurz nach ihrem Einzug. Ihr Stiefbruder und dessen Freunde tauchen immer öfter auf und selten nüchtern. Irgendwann stehen sie plötzlich in der Wohnung. Er hat ihr einen Schlüssel weggenommen. Sie randalieren, stellen die Wohnung auf den Kopf und was dann passiert, darüber spricht sie nicht. Doch jetzt beginnen Angst- und Panikattacken. Claudia B. kann nicht mehr
in der Wohnung bleiben. Sie lässt alles liegen und stehen und zieht mit ihrer Tochter zu den über 70-jährigen Eltern...
Das ist jetzt über ein Jahr her. Am Anfang geht sie noch regelmäßig in die Wohnung und füttert die Katzen. Dann werden die Abstände immer größer und irgendwann schaltet sie einfach ab. Gibt es diesen Albtraum nicht mehr. Sie nimmt sich eine winzige Wohnung, lässt die Tochter bei den Eltern, sucht einen zweiten Job, bezahlt einfach zwei Mieten und beginnt ein neues Leben. Das alte wird verdrängt, ein-schließlich zweier Katzen. Warum hat sie sie nicht wenigstens zum Tierschutzbund gebracht, oder einfach ausgesetzt? Claudia B. kann es nicht beantworten.
Als die ganze Geschichte auffliegt, ist sie fast erleichtert. Doch es ist unsäglich schwer. Sie braucht Monate, um die Wohnung auszuräumen. Der Fußboden muss komplett herausgerissen und erneuert werden, die Wände neu tapeziert und gestrichen. Claudia B. will das alles bezahlen. Sie vereinbaren Ratenzahlungen. Gisela S., ihre Vermieterin und von Beruf Sozialpädagogin, wird ihre Vertraute.
In der letzten Woche war die übliche Eigentümerversammlung. Gisela S. steht auf, schaut die anderen Eigentümer an, erzählt ihre Geschichte und stellt die große Frage. Warum hat sich keiner gekümmert? Warum nicht viel, viel früher angerufen? Warum nicht mal selbst angeschellt? Sie auf ihrer Arbeitsstelle angesprochen? Warum nicht wenigstens den Eltern Nachricht gegeben? Sie wohnen doch nicht in Stuttgart in einem Hochhaus mit vierzig Wohnungen. Jeder kennt doch jeden hier in dieser kleinen Gemeinde? Die Reaktion: betretene Gesichter, das schlechte Gewissen in Person und dann die Verteidigung. Man habe nichts gehört! Man kann sich doch nicht einfach einmischen! Und überhaupt, man weiß ja gar nicht... Claudia B. sagt nur eins dazu: "Hier waren es zwei Katzen, es hätten auch zwei Menschen sein können!" (alle Namen geändert).
Barbara Dickmann
