Glückliche Kinder. Bild: S. Dickmann
Sibille, eine kleine Persönlichkeit auf strammen Beinen, mit gerade einmal vier Zähnen im Mund, hat die Familie voll im Griff. Mit ihren 12 Monaten weiß sie genau, was sie will und vor allen Dingen, was nicht! Nachts, zum Beispiel, reichen ihr vier Stunden Schlaf, im Kinderwagen zu sitzen ist langweilig und der Abend-Brei schmeckt auch nicht mehr. Wie Klein-Sibille sich ihren Tag vorstellt ist leicht zu erkennen. Zuerst alle Schränke ausräumen, dass es klappert und scheppert, essen mag sie alles, was nicht gesund ist, möglichst nie den Popo sauber machen und dann die Welt erleben. Ein waghalsiges Abenteuer nach dem anderen und möglichst in Gesellschaft vieler Kinder.
Mit einem Wort: Nach nur einem Tag wäre die Wohnung ein Trümmerhaufen, die Mutter reif für die Psychiatrie und Klein-Sibille im besten Fall um etliche Beulen, Schrammen und Erfahrungen reicher. Hier fängt sie schon an, die Erziehung. Und sie wird mit jedem Jahr, das unsere Kinder älter werden, immer schwieriger und anspruchsvoller. Und was Klein-Sibille in der Pubertät so alles anstellen wird, daran mag man gar nicht denken.
Doch was ist Erziehung? Und wie macht man das? Welche Erziehung ist die Richtige? Und was will Erziehung eigentlich erreichen? "Erziehen bedeutet, jemandes Geist und Charakter zu bilden und seine Entwicklung zu fördern. Im Allgemeinen versteht man unter Erziehung soziales Handeln, welches bestimmte Lernprozesse bewusst und absichtlich herbeiführen und unterstützen will, um relativ dauerhafte Veränderungen des Verhaltens zu erreichen, die bestimmten, vorher festgelegten, Erziehungszielen entsprechen", so steht es im Wikipedia der freien Enzyklopädie. Erziehung dient dem Aufbau der Persönlichkeit. Unsere Kinder sollen einmal in der Lage sein, ihr Leben zu planen und zu gestalten. Sie sollen stark, glücklich, emanzipiert, sozial, ehrlich, fleißig sein, ohne Drogen auskommen, viele Freunde und eine intakte Beziehung haben, ein vollwertiges, angesehenes Mitglied unserer Gesellschaft sein - und vor allen
Dingen gerne nach Hause kommen, weil sie einsehen, dass wir sie so gut erzogen haben.
Um auf Klein-Sibille zurückzukommen. Was tun, wenn sie nachts aus vollem Halse kräht und beschäftigt werden will? Was tun, wenn sie voller Wut den Teller mit Gemüse auf den Boden wirft und unbedingt die steilste Treppe hinunter-wackeln will? Erziehung ist organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend, sagte einmal Mark Twain. Und manchmal fühlt man wirklich so. Was tun, wenn später die Schule Null-Bock macht? Wenn die Haare lila sind, die Augen schwarz umrandet und die Freunde Springer- Stiefel tragen?
Wir loben, tadeln, ermahnen, üben, erinnern. Wir reden und reden, strafen, belohnen, reden wieder, handeln vielleicht und manchmal schlagen wir aus lauter Hilflosigkeit zu. Doch oft nutzt alles nichts. Irgendetwas läuft verkehrt! "Die Aufgabe der Umgebung ist es nicht, das Kind zu formen, sondern ihm zu erlauben, sich zu offenbaren", sagte Maria Montessori. Doch was ist, wenn die Offenbarung die gesamte Familie tyrannisiert?
Karl Valentin meinte dagegen: "Erziehung ist zwecklos, die Kinder machen den Erwachsenen ohnehin alles nach!" Also so einfach ist das: "Vorleben" heißt das Zauberwort. Wir müssen fleißig, ehrlich, stark, emanzipiert, sozial engagiert sein. Nicht rauchen, nicht trinken, nicht spielen, uns gesund ernähren, glücklich sein, eine intakte Beziehung haben und ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft sein. Und dann werden unsere Kinder es auch. Selbst wenn wir solche Über-Super-Eltern wären, hat die Sache mehrere Haken. Wir sind ja nicht allein auf der Welt. Unsere Kinder werden von den Großeltern, den Erziehern, den Lehrern und nicht zuletzt von der Clique, die sie sich aussuchen, erzogen. Und dann gibt es auch noch so etwas wie Veranlagung, wie die Genetik, die Erbanlagen. Tja, vielleicht hat Klein-Sibille ja die cholerische Ader ihres Opas geerbt? Oder dieses fröhliche, in den Tag hinein leben, dieses einfach nicht in die Gänge kommen, von Oma? Muss man das so nehmen wie es ist, oder kann konsequente Erziehung daran etwas ändern?
"Wege zur entspannten Kinderziehung" nennt Patric P. Kutscher seinen Vortrag, den er im Europa-Park am 27. Mai hält und wenn Sie noch tiefer einsteigen möchten, bietet er am kommenden Tag ein Seminar an. Der wichtigste Satz zum Thema stammt wohl von Hans Czermak, einem österreichischem Kinderarzt und Universitätsprofessor (1913 bis 1989). Sein Leitgedanke war: "Denn jedes Kind hat das Recht auf eine glückliche Kindheit!"
Patric P. Kutscher stellt sich einem heißen Thema im Europa-Park. Bild: Privat
Eltern gefragt
Patric P. Kutscher, Jahrgang 60, Trainer, 1993/94 Sprecher für das ZDF in Mainz, Berater und Coach, Dozent für Rhetorik, Autor etlicher Fachartikel und Bücher, stellt sich einem spannenden, verant-wortungsvollen und schwierigem Thema. Titel: Wege zur entspannten Kinder-erziehung. Seine Thesen: Die Pädagogik ist in Deutschland in vieler Hinsicht mit ihrem Latein am Ende. Eltern, die sich von den eigenen Kindern nicht ernst genommen fühlen, Lehrer, die frustriert ihren Schülern gegenüberstehen. Die Vermittlung von Werten scheint in Deutschland nicht mehr vermittelbar. Ein Vermitteln von human-istischen Grundwerten in Kombination mit Disziplin, Ehrgeiz und Konsequenz sollte eine wichtige Sache im Land der Dichter und Denker sein. Die Tugenden der Großväter und Großmütter könnten wieder in den Mittelpunkt gestellt werden und zum Anker in der Gesellschaft werden.
Die pädagogische Einsicht in die Not-wendigkeit von Konsequenzen ist proble-matisch geworden. Psychologische Ein-fühlung regiert in Erziehungsfragen. Festlegungen sind autoritär. "Nein" zu sagen fällt den Eltern schwer. Regeln aufzustellen und drauf zu bestehen! Es herrscht ein aggressiver Materialismus. Eltern sind teilweise schlicht zu bequem Normen durchzusetzen. Konfliktlosigkeit! Wer gerecht erziehen will, muss bereit sein zu strafen? Ordnung ist die Voraussetzung zum Glück? Disziplin = preußischer Drill? Konsequenz = mechanische Dressur?
Diskutieren Sie mit!
Wann: 27. Mai 2008, 19.30 Uhr. Wo: Im Europa-Park, in einem der Hotels (ist beschildert) Eintritt: € 7,--, wird, wie immer, gespendet. Der Vortrag am 28. Mai kostet € 120,-- einschließlich Verpflegung ohne Übernachtung. Reservieren Sie unter 01805/788997
Barbara Dickmann
