Die Leichtigkeit des Seins: Nur wenigen gelingt es, mit unbeschwert kindlichem Gemüt durchs Leben zu gehen. Doch es gibt erlernbare fünf Schritte aus jeder belastenden Krise. Bild: S. Przewolka
Manchmal ist es eine schwere Erkrankung! Der Tod des Partners, des besten Freundes! Manchmal sind es der Verlust des Arbeitsplatzes, private Insolvenz, die Wechseljahre, Einsamkeit oder einfach nur die Panik vor dem Älterwerden. Auf einmal läuft in Ihrem Leben nichts mehr rund. Ihnen geht es schlecht. Sie haben eine Krise - eine Lebenskrise. Was tun? Siegfried Schreiber aus Villingen-Schwenningen, selbst Krisen erfahren, hat sich mit diesem Thema lange auseinander gesetzt, viel darüber gelesen und im Rahmen seiner Themenabende für das Bildungswerk seine Erkenntnisse weitergegeben.
Was unter einer ,,Lebenskrise" zu verstehen ist, wann wir besonders gefährdet sind und warum manche Menschen erstaunlich krisenfest sind, war schon Thema der vergangenen "typisch frau". Doch wenn Sie eine Krise bewältigen wollen, sollten Sie ungefähr wissen, wie sie verläuft. Denn egal ob schwere Krankheit oder private Insolvenz, alle Krisen haben einige Aspekte gemeinsam. Experten teilen diese Abläufe in fünf Krisenphasen.
Phase 1) heißt: Verdrängen! In der psychoanalytischen Theorie ist Ver-drängung der Abwehrmechanismus, auf dem alle anderen Formen der Abwehr beruhen und mit dessen Hilfe Gedanken, Gefühle und Erinnerungen, die Angst auslösen, aus dem Bewusstsein gedrängt werden. Zu Beginn einer Krise neigen wir dazu, sie gar nicht oder nicht richtig wahrzunehmen. Wir wollen Veränder-ungen, die sich bemerkbar machen, möglichst schnell verdrängen.
In der zweiten Phase können wir nicht mehr leugnen, dass sich etwas in unserem Leben verändert und neue Anforderungen auf uns zukommen werden. Doch unser Wunsch ist es, das alles beim Alten bleibt. Alles soll wieder so sein, wie es einmal war! Hier ist es wichtig zu erkennen, dass Veränderungen unser Leben begleiten - als schicksalhafte Ereignisse genauso wie als scheinbar unbedeutende Alltagsmomente. Und vielleicht dämmert uns jetzt auch, dass auch Mut dazu erforderlich ist, um die neue, die veränderte Situation zu meistern.
In der dritten Phase erkennen wir jetzt endlich die ganze Tragweite der belastenden Situation. Es gibt kein Zurück mehr. Wir müssen da durch und es werden mit großer Wahrscheinlichkeit starke Gefühle über uns hereinbrechen. Dieses intensive Erleben sehr unterschiedlicher Emotionen wie Wut, Zorn, Hass, Enttäuschung, Verzweiflung, Ohnmacht ist sicherlich nicht nur die schwierigste Zeit, sondern auch die gefährlichste.
Die durchlebten Tiefen, die oft unerträglichen Emotionen der dritten Stufe sind unvermeidbare Reaktionen auf die Ereignisse, die das Leben verändert haben. Erst jetzt können wir darangehen, uns auch rational - also mit unserem Verstand - mit dieser Lebenskrise auseinanderzusetzen.
Phase 4) beginnt: Wir haben einen gewissen Abstand gewonnen und können durch Klarheit nach Lösungen suchen.
Phase 5) lässt uns die Früchte ernten, die wir durch ernorme Anstrengungen verdient haben. Die Krisenbewältigung war mit viel Ungewissheit und Angst verbunden, hat Mut erfordert und eine Menge Kraft gekostet. Vielleicht kommt jetzt durch andere Menschen wieder Farbe und Freude ins Leben. Vielleicht steigt die Lebenskraft und die Intensität des Lebens nimmt auch wieder zu. Die innere Stabilität wächst wieder und hilft auch, den Seelenfrieden wiederzufinden. Und vielleicht ist es sogar möglich, sich wieder in den Fluss des Lebens einzulassen und die Lebenskrise als Chance für einen Neubeginn zu sehen.
Fazit: Die fünf Krisenabschnitte kann man nur theoretisch voneinander trennen. In der Lebenspraxis fließen die Phasen ineinander über! Man kann sie auch nicht zeitlich festlegen. Für das Bewältigen einer Krise ist es nicht wesentlich, die Phasen ganz penibel und in der genauen Reihenfolge einzuhalten. Wichtig: Eine Krise wird nur dann bewältigt, wenn sich der Betroffene auch wirklich dazu entschlossen hat, sein Schicksal zu meistern, seine Krise zu entwirren und zu lösen.
Doch jetzt steht eine große Frage im Raum? Wie überwindet man die Krise? Wie löst man das Problem? "Es gibt Bewältigungsstrategien. Es gibt ganz konkrete Lösungsansätze, die helfen, auf dem Weg aus einer Krise Schritt für Schritt voranzukommen", sagt Siegfried Schreiber. 1. Lösen Sie das Problem - und zwar jetzt! Wie auch immer eine Krise, ein Problem gartet sein mag, nichts auf die lange Bank schieben, denn dadurch wird nichts, aber auch gar nichts besser. 2. Fliehen Sie nicht vor der Krise, denn Flucht ist keine Bewältigungsstrategie und doch mit Abstand die häufigste Methode, mit Krisen umzugehen. 3. Akzeptieren Sie das Problem. Sagen Sie "ja" zur Krise. Aktives "Annehmen" und nicht passives "Hinnehmen" ist ein enorm wichtiger Schritt, sich verstandesmäßig mit der Krise auseinanderzusetzen. 4. Erforschen Sie die Ursachen des Problems.
Fragen Sie nach dem "Warum" und geben sie ehrliche Antworten. Sie sind Voraussetzung, damit die rationale Lösung
der Lebenskrise erleichtert wird. Wichtig: Schuldzuweisungen - an sich selbst oder an andere Menschen - sind bei der Überwindung der Situation kaum hilfreich. Es ist passiert und nicht mehr ungeschehen zu machen! Fragen Sie sich vielleicht, wie es dazu kommen konnte, dass Sie in dieser Krise stecken. Beispiel: Warum bin ich von meinem Partner verlassen worden? Weshalb habe ich Angst vor dem Älterwerden? Was hat dazu beigetragen, dass ich meine Arbeit verloren habe?
4. Betrachten Sie sich nicht als Opfer der Umstände. Wer in Selbstmitleid badet oder sich als Opfer des Schicksals fühlt, das sich gegen ihn verschworen hat, kommt auf den Stufen der Krisenbewältigung nicht vorwärts.
5. Nehmen Sie das Gesetz des Handelns selbst in die Hand. Jeder psychisch gesunde Mensch ist für sein Leben allein verantwortlich. Und bei der Krisen-bewältigung ist es genauso. "Hilf Dir selbst, dann hilft dir Gott", trifft auch hier zu.
6. Auch wenn es bald schon abgedroschen auf "typisch frau" klingt, weil es so oft Thema ist: Die Gedanken entscheiden über die Bedeutung und das Überwinden der Krise. Gedanken sind die Energien, die unser ganzes Leben verändern können. Zum Positiven - aber leider auch zum Negativen! In der Tat entscheidet ausschließlich unser Denken über die Bedeutung, die wir krisenhaften Ereig-nissen beimessen und wie wir letztendlich damit fertig werden.
7. Erkennen Sie Lebenskrisen als Chance. Doch wie soll man das? Wenn die Gefühle mit uns durchgehen und wir an unserem Schicksal schier verzweifeln, wie wollen wir denn da noch Chancen für unser Leben erkennen? "Es gibt in jeder noch so schwierigen Situation immer auch positive Aspekte. Sie herauszufinden und zu nutzen ist ein ganz entscheidender Schritt auf dem Weg zur Bewältigung der Krise", sagt Siegfried Schreiber. Für ihn war seine lange depressive Erkrankung die Möglichkeit, seinem Leben einen anderen Sinn zu geben und ein erfüllteres Leben zu leben.
Nach der Krise ist vor der Krise! Nach der Krise kann es durchaus möglich sein, dass nichts mehr ist, wie es war. Leben bedeutet auch immer Wandel und Veränderung. Neue und andersartige Anforderungen bringen Unsicherheit und machen Angst. Jede Krise fordert dazu auf, die bisherigen Werte zu überprüfen. Es geht dabei darum, sich bewusst zu machen, was einem bisher im Leben besonders wichtig war. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem Sie einen Schlussstrich ziehen müssen. Nur wenn Sie damit aufhören, im Vergangenen herumzustochern, hat das Neue überhaupt eine Chance. Denn: Wunden, in denen man bohrt, heilen nicht!
Themenabende plant Siegfried Schreiber im Augenblick nicht, dafür ist ein Vortrag im größeren Rahmen für "typisch frau" in Arbeit.
Barbara Dickmann
