Die Diskussionsrunde: Anna Schrade, Jutta Krischel, Lisa Haller, Michaela Morath, Eva-Maria Ummenhofer (von links) und Gitta Benker (vorne)
Lisa Haller, Diplom-Politologin und Doktorandin an der Uni Kassel, bringt es auf den Punkt: „Die neue Familienpolitik ist partiell für uns Frauen sehr fortschrittlich, doch zugleich sozial ungerecht. Denn gut qualifizierte Frauen werden doppelt aktiviert. Sie sollen Kinder bekommen und zugleich dem Arbeitsmarkt wegen Fachkräftemangel zur Verfügung stehen!“ Und eine Gesellschaft sei immer darauf angewiesen, dass es Menschen gibt, die die Arbeit am Menschen leisten – Kinder müssten immer noch erzogen und alte Menschen immer noch gepflegt werden.
Und raten Sie, wer in der Regel auch dafür zuständig ist?
Doch die Doktorandin hat auch ihre Generation - die jungen Frauen - im Blick. Denn „sie gehören der ersten Generation an, die sich den Forderungen der Feministinnen und dem unerbittlichen Diktat der Arbeitspflicht entziehen können.“
Nächste Frage! Und diese stammt aus dem Buch ´Das Eva-Prinzip` von Eva Hermann (Seite 51)“ Ist es denn wirklich so zwingend, dass wir immer an eine Berufstätigkeit denken, wenn wir von Selbstverwirklichung sprechen?“
Donnerstag, 24. März 19.30 Uhr, Sitzungssaal Landratsamts Villingen-Schwenningen. Das Frauenforum Schwarzwald-Baar hat zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Und der Einstieg dazu ist ohne Frage da.
Lisa Haller hat in ihrem knapp 20minütigen Referat Fragen aufgeworfen, die Gitta Benker, Diplom-Soziologin und Moderation dieses Abends noch einmal zusammenfasst:
„Wie lässt sich also ein erfülltes Familienleben und eine erfüllte Berufstätigkeit mit der Fürsorge für Kinder und Alte vereinbaren? Werden (oder bleiben wir) die Göttin mit den 1000 Armen, die alle fünf K`s (Kinder,Kirche, Küche, Karriere, Körperkult) spielend unter einen Hut bringt? Oder stecken wir unsere Kräfte in das Berufsleben und in die Karriere? Oder gehen wir zurück zu den 50igern und werden wieder Mutti und treusorgende Ehefrau?“
Eva-Maria Ummenhorfer, Familienbeauftragte des Schwarzwald-Baar-Kreises, antwortet als erste. Zu ihr kommen junge Frauen, die in Trennung leben, junge Familien, die von ihrer rosaroten Wolke gefallen, mit Kind und Kegel völlig überfordert sind und finanziell nicht über die Runden kommen. „Viele Frauen wünschen sich eigentlich, dass sie drei Jahre zu Hause bei ihrem Kind bleiben können, doch hat der Mann einen Handwerksberuf, reicht das Geld einfach nicht!“ Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Geldmangel bedeutet Beziehungsprobleme – und Trennung bedeutet nicht nur Geldmangel, sondern das finanzielle Aus. Die Familienbeauftragte wünscht sich das Landeserziehungsgeld zurück, denn das würde oft schon ausreichen.
„Das Denken ist verkehrt, man lässt Familie nicht zu“, sagt Michaela Morath, Geschäftsführerin von Morath Systems in VS-Schwenningen, „ denn nicht nur die Frauen stehen unter einem großen Druck, auch die Männer werden in der Wirtschaft verheizt!“ Die Familie sei ein sehr großer Wert und Familie braucht Zeit. Doch ohne eine kreative Politik, die Vergünstigungen für Teilzeitarbeitsplätze für die Unternehmen schaffe, wird sich nicht viel verändern. Ihr Motto: „Ich schaue, dass ich meinen eigenen Mikrokosmos verbessere.“ Die Unternehmerin hat einer jungen Mama einen Teilzeitausbildungsplatz geschaffen.
Anna Schrade, Vorsitzende der Frauenunion im Schwarzwald-Baar-Kreis und Dritte im Bunde will eine Politik, die Frauen stark macht. „Wir möchten Frauen für die Politik gewinnen und sie ermutigen in Ämter reinzugehen, ihre Interessen zu vertreten und zur Diskussion zu stellen. Denn Politik ist Diskussion!“ Also sollten wir zu den fünf K`s (Kinder, Kirche, Küche, Karriere, Körperkult) vielleicht noch ein ´P`- wie Politik hinzufügen?
„Frauen übernehmen immer mehr gesellschaftliche Leistungen in der Familie“, sagt Jutta Krischel von der Frauenorganisation Courage und hat auch gleich zwei Beispiele auf Lager: „Seitdem der Förderunterricht in vielen Schulen gestrichen wurde, werden wir zu Hilfslehrerinnen und die Fallpauschale hat zur Folge, dass die Krankenhäuser die Patienten immer früher entlassen!“ Wer sie dann zu Hause pflegt ist wohl klar...
50 Zuhörer, darunter auch einige Männer haben interessiert zugehört und steigen in eine Diskussion ein, die die Vielfältigkeit des Themas wiederspiegelt. Wie können wir genug verdienen und trotzdem unsere Kinder gut versorgen? Oder müssen tatsächlich nur viele Kitas her? Wieso erhält eine Frau, die fünf Kinder groß gezogen hat € 150 an Rente? Wieso wird die Familie nicht gestärkt – als ob Kinder eine Last wären? Warum treten wir auf der Stelle – trotz einer Frau als Bundeskanzlerin? Wieso haben Selbstwertgefühl und gesellschaftliche Anerkennung immer etwas mit Geld verdienen zu tun? Auch nach zwei Stunden haben wir die eierlegende Wollmilchsau nicht gefunden, doch dieser Abend endet mit Visionen und dem Bedürfnis einfach mal anzufangen, einfach mal im kleinen Veränderungen herbeizuführen, wenn der große Wurf nicht klappt. Wir bleiben dran am Thema, denn der Stein ist durch diese Podiumsdiskussion ins Rollen geraten.
