Tanja Köhler (rechts) und Myriam Nürnberger denken schon an das nächste Projekt.
Bild: B. Dickmann
Riesengelächter in der Moschee. Am 30. Januar feiern fünfzehn verschiedene Kulturen in Spaichingen im Gebetssaal den Abschluss eines besonderen Projekts. Tanja Köhler, selbständige Dipl.-Psychologin (www.pasos-pe) und Myriam Nürnberger, Geschäftsführerin (www.trainer-team.de) sind völlig begeistert. Ihr Projekt ist gelungen. Zum dritten Mal erhalten sie eine Auszeichnung für ihr Engagement. Diesmal von der unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Dr. Horst Köhler stehenden Initiative "Deutschland - Land der Ideen". Und ausgerechnet eine Moschee für die Abschlussfeier zu wählen, hat natürlich gute Gründe: "Das ist jetzt vielleicht ein kleiner Anfang für ein Zusammenrücken der Kulturen", sagt Tanja Köhler nachdenklich...
Vor gut drei Jahren saßen wir schon einmal zusammen. Es ging um ein Mädchenprojekt, das die beiden Familienfrauen erfolgreich beendet hatten und für das sie ebenfalls ausgezeichnet wurden. In 2009 legen sie gleich nach. Doch diesmal sieht ihre Zielgruppe ganz anders aus. Denn 62 % der Schulabgänger ohne Abschluss sind Jungen und deutlich mehr junge Männer als junge Frauen sind arbeitslos. Und egal ob Realschulabschluss, Fachhochschulreife oder Hochschulabsolventen - ab dem Jahrgang 1974 sind Mädchen auf der Überholspur. Sind Mädchen einfach schlauer als Jungen? Wohl eher nicht, denn der Dortmunder Bildungsforscher Prof. Dr. Wilfried Bos sagt: "Männer sind nicht dümmer, sie werden nur nicht so gefördert!". Mädchenprojekte gibt es ganz viele, doch was ist mit den Jungs? "Genau das haben wir uns auch gefragt und sind sogar noch weiter gegangen", berichtet Tanja Köhler und Myriam Nürnberger ergänzt: "Es wird sich um die Hauptschüler gekümmert, um die Gymnasiasten, doch wer besonders im Regen steht, sind die Realschüler der achten und neunten Klasse. Und wer dann noch sitzen geblieben ist und Migrationshintergrund hat, gehört zu den Verlierern". Keine Frage, ihr Projekt 2009 wird sein: Jungs bewegen WAS. WAS steht für Wirkungsvoll, Ausdauernd und Selbstbewusst! Die Ziele sind weitreichend: Jungs aus der 8. und 9. Klasse mit und ohne Migrationshintergrund, treffen auf gestandene Männer. Sie tauschen ihre Erfahrungen zu den Themen
Beruf, Freizeit und Familie aus. So gelingt ein intensiver Blick hinter die Kulissen der Berufswelt der "großen" Jungs, die sich nicht immer mit den Vorstellungen von Zukunft und Lebensgestaltung der "kleinen" Jungs decken. Aus den gemeinsamen Erlebnissen sollen Wahlverwandtschaften entstehen, in denen jeweils ein Mann ehrenamtlich eine langfristige Patenschaft für einen Jungen übernimmt. Der Vorteil: Die Jungs können völlig losgelöst von der Ursprungsfamilie und der Schule eine aktive Förderung ihres Potenzials und ihrer Stärken erfahren. Das Landratsamt Tuttlingen ist sofort begeistert, die Agentur für Arbeit Rottweil ist mit dabei und PASOS (also Tanja Köhler) und Trainer-Team GbR (Myriam Nürnberger) werden als Ideengeber mit der Durchführung betraut. Beide finanzierenden Partner haben natürlich die vielfältige Bedeutung für die Region erkannt: Dieses Projekt ist aktive Jugend- und Bildungsarbeit, denn starke Jungs sind später starke Fachkräfte und mit diesem Multi-Kulti-Ansatz außerdem weltoffene, empathische Fachkräfte. Ihre Vorgabe: 60 Prozent der "kleinen" Jungs müssen einen Migrationshintergrund haben.
Zwölf "große" Jungs, die bereit sind, sich ehrenamtlich zu engagieren, Wochenenden zu opfern und Paten von zwölf "kleinen" Jungs zu werden, müssen her. Das ist kein Pappenstil. Auch zwölf "kleine" Jungs zu motivieren in den Ferien etwas zu tun, grenzt fast an ein Wunder. Zwei Tage vor dem ersten Wochenende sagen fünf "kleine" Jungs ab. Sie haben keine Lust. Auch die Eltern finden das nicht schlimm. Am Abend telefonieren befreundete Lehrer ihre Schüler ab - ohne Erfolg. Dann nimmt der Vorsitzende des türkisch -islamischen Vereins die Sache in die Hand und am Freitag ist das Boot wieder voll. Ja sogar einer zu viel sitzt drin, denn ein deutscher Junge hat noch nachgezogen.
Am 22.5. 2009 geht es los. Eine kunterbunte Mischung "kleiner" und "großer" Jungs aller Herren Länder, von Villingen- Schwenningen bis Bad Säckingen und den unterschiedlichsten Berufen treffen aufeinander. Lebenswege, Wünsche und Ziele aller Teilnehmer werden ausführlich besprochen. Weiter geht es: Tandems bilden sich, sie formulieren Ziele, identifizieren mögliche Hürden und beschreiben erste Schritte in Richtung Zielerreichung. Drei Tage sind vorbei.
26. Juni: Besuch bei der Polizeistation Spaichingen. Einige "kleine" Jungs gehen mit gemischten Gefühlen zum "vermeintlichen Feind".
29. Juli Zu Gast bei der VOLZ Gruppe in Deilingen und in die Welt des täglichen Arbeitens. 25. September: Firma Schumacher, Bauunternehmung in Spaichingen. Das Thema: Verantwortung für sich und andere übernehmen". Die Aktion: Baggerfahren - ein Riesenerlebnis, verbunden mit großem Respekt, denn
Baggerfahren ist nicht leicht. 30. Oktober: Zu Gast bei der Aesculap AG in Tuttlingen. Klar wurde, dass Fremdsprachen, persönliches Engagement, Begeisterungsfähigkeit und Leidenschaft wichtige Aspekte im Berufsleben sind. Klar wurde aber auch, dass das Landratsamt und die Agentur für Arbeit Angebote haben, Brücken bauen und Aesculap auch schlechteren Bewerbern eine Chance bietet.
27. November: Teig kneten in der Meisterbäckerei Schneckenburger in Tuttlingen und große Augen bei den "Kleinen" wie vielfältig die Karrieremöglichkeiten des Bäckerberufes sind. 18. Dezember: Abseilaktion am Landratsamt Tuttlingen und weitere wichtige Informationen. Was dazwischen liegt, sind viele Gespräche zwischen "großen" und "kleinen" Jungs auf Augenhöhe. Die Zukunft: in Kontakt bleiben und der Wunsch, noch mehr zusammen zu wachsen.
Barbara Dickmann
Die Aktion
Tanja Köhler und Myriam Nürnberger werden weitere Aktionen starten. Gerne auch in unserer Region. Was sie dazu brauchen, sind 12 Betriebe, die bereit sind je € 1.000,-- zur Verfügung zu stellen. Ob es ein "Mädchen bewegen WAS" oder Jungen-Projekt wird, steht noch nicht feste. `Typisch frau` wird sich in jedem Fall engagieren, denn wir brauchen starke Söhne und unsere Töchter starke Männer.
Stimmen von "großen" Jungs
"Es war toll, wie schnell sich die Jungen nach anfänglicher Zurückhaltung in das Projekt eingefunden haben und immer mutiger und offener wurden", Bernd Mager, Sozialdezernent Landkreis Tuttlingen. "Ich kann den Jungs immer nur sagen: Augen auf, Ohren spitzen, kommunizieren und einfach wollen", Armin Schumacher, Geschäftsführer der Schumacher Bauunternehmung. "Endlich eine gute Chance, jungen Leuten den Einstieg in deren Berufsleben zu erleichtern...", Heiko Pflumm, Vertriebsbeauftragter.
Stimmen von "kleinen" Jungs
"Der Besuch bei der Polizei in Spaichingen hat mir besonders Spaß gemacht", Felix. "Wo sonst bekomme ich die Möglichkeit, auf Augenhöhe Kontakt zu Erwachsenen herzustellen - tolles Projekt", Martin. "Kaum zu glauben, welche Chance das Jungs-bewegen-WAS-Projekt mir bietet. Einen solch` intensiven Einblick in das Berufsleben bekommt man sonst nur selten", Übeyid.
