Familie eine der wichtigsten Agenturen des Lebens

- Norbert Blüm über die Welt von heute beim SÜDKURIER VS-Forum. Der ganz andere Frauentyp -

Der Mensch ist kein Kostenfaktor - die Familie gibt Geborgenheit und Sicherheit und in unseren Kindern leben wir weiter.

Sein Anzug passt hinten und vorne nicht und von Waschbrettbauch keine Spur. Er wirkt nett, vielleicht etwas einfältig, so wie ein freundlicher, älterer Herr, der mit seinen Enkelkindern spielt, den Hund spazieren führt und gerne auf der Parkbank sitzt. Doch Norbert Blüm hat keinen Hund, findet zwar die Parkbank ganz nett, hat sehr viel Spaß mit seinen Enkelkindern, ist aber ständig auf Achse. Norbert Blüm liegt nicht am Strand von Mallorca oder segelt um die Welt. Norbert Blüm ist dort, wo die Welt brennt.
Mord, Elend, Hunger, Tod, Kinderarbeit. 1 Milliarde Menschen sind vertrieben oder geflüchtet. 30.000 Menschen verhungern oder verdursten täglich, 8000 Kinder sterben an Krankheiten, vor denen einfache Impfungen sie geschützt hätten. 250 Millionen Kinder sind zur Arbeit gezwungen, während ihre Eltern arbeitslos zu Hause sitzen. Dr. Norbert Blüm, Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung unter Helmut Kohl ist der prominente Redner beim SÜDKURIER VS-Forum am 7. April. Norbert Blüm schockt. Er erklärt die Welt mit seinen Worten - unverblümt. Die einen verhungern, die andern verfetten. "Sehen Sie mich an", sagt er. Die Welt ist verrückt geworden.
Das eindringlichste Wort: Gerechtigkeit. Allein die Gelder, die in Amerika und in Europa für Eiscreme und Kosmetik ausgegeben werden, reichen, um 2 Milliarden Menschen eine Grund-schulausbildung und sauberes Wasser zu beschaffen! ,,Ein Quäntchen mehr Gerechtigkeit - mehr nicht", sagt er. Und: "Wir transportieren Menschen zum Mond, doch schaffen es nicht, die Gerechtigkeit auf der Erde landen zu lassen." Und wann beginnt der Skandal? Wenn ein Kind verhungert oder erst wenn eine Million verhungern? Bei Norbert Blüm beim ersten. Noch ein paar nackte Zahlen: 793 Milliardäre auf der Welt stehen 3 Milliar-

den Menschen gegenüber, die weniger als 2 Doller verdienen. Die 358 reichsten Familien besitzen die Hälfte des Weltvermögens. Die 500 größten Privatgesellschaften der Welt kontrollieren 52 Prozent des Weltsozialproduktes. Diese 500 Konzerne sind reicher als die 133 ärmsten Länder der Erde. Die 38 reichsten Länder der Welt haben ein Durch-schnittseinkommen von 60,96 Dollar pro Tag, die ärmeren Länder von 2,40 Dollar. Und auch das ist noch geschönt, denn die Durchschnittseinkommen der dort lebenden Superreichen fließen mit ein und erhöhen die Durchschnittssumme. Durchschnitts-summen sagen also gar nicht aus. Oder unverblümt: Wenn einer zwei Bratwürste isst, der andere aber keine, dann haben beide durchschnittlich eine Bratwurst gegessen. Nur mit dem Unterschied, dass der eine satt und der andere hungrig ist.
Das zweite wichtige Worte: Barm-herzigkeit. "Gerechtigkeit ohne Barm-herzigkeit ist Grausamkeit. Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist die Mutter der Auflösung". Dieser Satz ist von Thomas von Aquin, Philosoph und Theologe (1225 - 1274) und einer der Leitsätze von Norbert Blüm. Barmherzigkeit ist nicht Mitleid, sondern "eine Eigenschaft des mensch-lichen Charakters. Eine barmherzige Person öffnet ihr Herz fremder Not", so steht es im Wikipedia, der freien Enzyklopädie. Ups, das ist nicht leicht, werden Sie jetzt sagen. Doch was Norbert Blüm damit meint, bringt er wunderbar rüber. Menschenwürde und sozialer Zusammenhalt. Arbeit hat seinen Wert. Wer arbeitet muss mehr haben, als wenn er nicht arbeitet. Wir brauchen Unternehmer, die sich verantwortlich fühlen, so wie es bis heute in den Handwerksbetrieben und Familienfirmen üblich ist.
Wir brauchen die Sozialversicherung nach dem Prinzip der Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit bedeutet: Hast du Beitrag gezahlt und wie viel? Und danach bekommst du Geld - egal ob du arm bist oder reich. Oder unverblümt: "Wenn Ihr Haus abbrennt, fragt die Feuerver-sicherung auch nicht, ob Sie noch ein zweites haben, in dem Sie wohnen können!" Der Mensch ist kein Kosten-faktor! Kinder kriegen hat doch nichts mit Geld zu tun. Die Familie ist eine der wichtigsten Agenturen der Selbst-organisation des Lebens und, und, und... Und dann gibt es jetzt den neurotischen Zwangsrechner (oder homo oeconomicus) - die letzte Stufe der Degeneration des homo sapiens. Von seiner Weisheit ist nur

noch die Fähigkeit zur Kalkulation seiner Interessen übrig geblieben. Er verwandelt alles in Geschäft. Er verbringt sein Leben mit der Kosten-Nutzen-Analyse. Auf dem Golfplatz des Geschäftes wegen, keine Urlaubsreise ohne das günstigste Preis-Leistungs-Verhältnis, kein Kauf ohne intensive Preisvergleiche.
Oder unverblümt: Selbst lachen wird der homo oeconomicus nicht aus Spaß, sondern nur, weil Lachen gesund ist. Ja selbst seinen Partner sucht er nur noch lebensabschnittsweise aus. Dann verpasst er keine Chance, wenn etwas Besseres auftaucht... Norbert Blüm war der, der 1986 sagte: "Denn eins ist sicher: die Rente." Selbst dazu steht er heute noch, doch das ist ein ganz anderes Thema. Wie gesagt, sein Anzug passt hinten und vorne nicht und von Waschbrettbauch keine Spur. Doch sobald er den Mund aufmacht, haben es durchgestylte Yuppies im besten Armani schwer. Sogar sehr sehr schwer! Ja verblassen sie eigentlich total, denn jedes Wort, was er sagt, regt die Gehirnzellen an, lässt nachdenken über eine Welt, die wir eigentlich besser machen könnten. Schade, wenn Sie diesen Abend verpasst haben. Doch es gibt das Buch zum Thema. Titel: Gerechtigkeit - eine Kritik des homo oeconomicus, von Norbert Blüm, ISBN 978-3-451-05789-2.

- Der Kommentar -
Norbert Blüm
Frau bleiben
Es war kein "typisch frau" - Vortrag, es war reine Chefsache und wäre eigentlich nicht unser Thema. Doch was Dr. Norbert Blüm, prominenter Redner des letzten SÜDKURIER VS-Forums sagte, sind Frauenthemen, obwohl die Themen dieses Abends die großen Fragen waren, die die Welt bewegen. Denn wir sind an der Front, wenn es um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit im Alltag geht. Um Kinder, knappen Kassen, sozialen Zusammenhalt und Menschenwürde. Und deshalb finden Sie hier auf Ihrer Seite einen Mann, der eigentlich kein Frauentyp ist, doch fasziniert, sobald er den Mund aufmacht. Mindestens achtzig Prozent der Zuhörer waren Männer. Schade! Denn was wir im Kleinen in der Familie und in unserem näheren und weiteren Umfeld leisten können, schaffen wir auch im Großen. Vielleicht nicht besser als Männer, vielleicht anders als Männer und zumindest genauso gut. Wir müssen nur eins - Frau bleiben mit allem Für und Wider.

Barbara Dickmann