Schärfen des sexten Sinnes

 

Das Entdecken von Weiblichkeit: Zwei Bücher schärfen dafür die Sonne. Bild: www.aboutpixel.de

Zugegeben, es sind vielleicht nicht die Bücher, die Sie am Strand lesen können - umgeben von drei spielenden Kindern, einem schnarchenden Mann und einer Nachbarin nebenan im Liegestuhl, die wahrscheinlich Stilaugen kriegen würde. Und doch ist vielleicht ein kleines Plätzchen irgendwo im Koffer, zwischen Badelatschen und Schwimmflügeln, wo sie hineinpassen. Was? Ein 93 Seiten dünnes Büchlein von Anne West, Titel: One day SEX - Fantasie - Erotik - Leidenschaft (ISBN-13:978-3-426-64448-5. € 7,95) und ein 380 Seiten starkes, Titel: Der Venus-Effekt, Spielregeln für Liebe, Sex und andere lustvolle Kleinigkeiten (ISBN13-:978-3-426-77900-2, € 7,95.
Hinter dem Namen Anne West, verbirgt sich die ,,Freizeit-Sexual-Anthropologin" Nina George. Sie arbeitete zunächst als Kellnerin in Billardkaschemmen und Nobelrestaurants, als Opernstatistin und Hausdame. Seit 1992 ist sie erfolgreiche Schriftstellerin und freie Journalistin mit den Lieblingsressorts Liebe, Essen, Sex und Partnerschaft. Nina George, Jahrgang 73, lebt in Hamburg, liest viel, zählt hochpolitische Frauen zu ihren Freundinnen und regt sich auf. Worüber? Über uns Frauen, über Klischees, die behaupten, dass wir sanfter, lustloser, treuer sind als Männer, dass die Frau von heute sich nimmt, was sie will und keine Männer braucht. Doch Frausein im 21. Jahrhundert sind für sie massenhaft unsichere Frauen, die zwischen dem Extrem ,,allein, emanzipiert, sei gefälligst glücklich darüber" und der Sehnsacht von ,,nur mit Kerl bin ich was" interpolieren. Sie sind vernünftig genug zu wissen, dass nicht erst der Ehering sie zu einem vollwertigen Menschen macht, aber sie wollen auch nicht belächelt werden für ihre Sehnsucht geliebt zu werden.
Und Nina? Sie hat keine Lust in die Tos-

kana-Menstruations-Leinenhosen-Fraktion mit grauen Strähnen gepackt zu werden, sie weigert sich, Intimwaschlotions zu verwenden oder sich einreden zu lassen, dass sie nicht einparken kann. Sie hat es satt immer wieder zu lesen, dass Frauen sich einen Macher wünschen, der sie beschützt, Kohle nach Hause bringt und breite Schultern hat. Manche Frauen brauchen nicht den Versorgen, sondern dringend einen entspannten Kerl, der stolz ist auf sein erfolgreiches Weib. Nina kann gut kochen und ist trotzdem keine Spießerin, sondern macht Karriere. Sie kann es nicht leiden das Frauen anderen Frauen übel nehmen, wenn sie kurze Röcke und hohe Schuhe tragen. Sie muss nicht unbedingt ein Baby bekommen, um sich als Frau bestätigt zu fühlen, doch sie schätzt es, wenn ein Mann mit Kindern umgehen kann. Sie liebt es, ihr Geld allein auszugeben, doch schätzt männliche Geschenke, sie stemmt ihr Leben allein, doch braucht die männliche Schulter. Kurz gesagt: Anne ist ein undankbares Weib, das mit all diesen Widersprüchlichkeiten den Sinn von Frauenbewegung und Feminismus über den Haufen wirft und bequem für sich auslegt: Sie will frei und stark sein, aber nicht allein sein wenn sie schwach ist. Und sie will schwach sein dürfen. Wenn Sie diese Gefühle kennen, dann wird Ihnen der ,,Venus-Effekt" gefallen. Denn Nina verteidigt die ureigenste Weiblichkeit, fordert auf, die Liebe zu finden, egal ob eine oder mehrere, sie zu pflegen und einzuladen, sich möglichst lange zwischen einem Paar niederzulassen und das Leben zu einer Zeit zu machen, auf die man am Ende des langen Tages mit Wonne zurücksieht. Keine Frage, in diesem Buch kommen Erotik und Sex weiß Gott nicht zu kurz. Denn Nina nennt die Dinge beim Namen, ihre Tipps sind wahre Anleitungen für alle Spielarten des Liebens, der sinnlichen Lust, der völligen Hingabe und der großen Gefühle. Und doch ist der ,,Venus-Effekt" kein reiner Lustratgeber. Es ist ein Buch, das unser Selbstbewusstsein stärken, Klischees aufdecken und uns außen wie innen unwiderstehlich machen will.
Wenn Sie ausschließlich die schönste Sache der Welt interessiert, Sie einfach mehr Raum für Ihre Sinnlichkeit schaffen wollen für sich und/oder Ihre Beziehung, dann ist ,,One day Sex" die leichtere Geschichte. Hier geht es sofort zur Sache und das mit ganz konkreten Tipps. Wie schaffe ich den Sprung von ,,Mami" zur ,,zärtlichen Geliebten"? Wie bringe ich den Job aus dem Kopf um zur einfallsreichen Verführerin zu werden? Und was sind Sie für ein Typ? Sind Sie Verführerin, Genießerin, Abenteuerin oder Romantikerin? Wie auch immer - auf die

Stimmung kommt es an, um genau die Lust zu empfinden, nach der frau sich sehnt. Einen Sex-Tag pro Woche, um über Sex nachzudenken, den sexten Sinn zu sensibilisieren, die Kunst der Verführung zu lernen, mehr Intimität, Romantik und Leidenschaft zu erfahren und hinter das Geheimnis von gutem Sex zu kommen, ist das Thema. Und zwar ganz konkret. Ein Buch wie eine Gebrauchsanweisung für eine Brotbackmaschine - nur viel, viel leichter.

Die fünf Thesen zum Venus-Effekt:
Die Lebensleitfäden: 1. Frausein ist mehr als nur die Wahl zwischen Emanze und Weibchen. 2. Männer sind nicht unsere Feinde. Doch wir sind auf dem besten Wege, es mit ihnen zu verscherzen, solange wir sie verächtlich als das unterlegenere, weniger wertvolle Geschlecht betrachten. 3. Unsere Mediengesellschaft hat dazu beigetragen, dass wir das natürliche Gefühl für unseren Körper, unsere Sehnsüchte und Lebenswelten verloren haben. Wir jagen Idealen von Kleidergrößen hinterher, wie ein Mann aufzureißen ist, wie eine Beziehung zu führen sei und wie alles immer ganz doll aufregend zu sein hat. 4. Wenn jede Frau heute beginnen würde, Männer nicht mehr als Unfall der Natur zu sehen, aufhören würde, den Idealmann zu suchen und ihn nach der Findung erst mal genüsslich umzuerziehen und aufhören würde, ihr Leben nach den spitzen Kommentaren anderer Frauen auszurichten - dann setzt der Venuseffekt ein. Ein Effekt, der Frauen ihre ureigene Weiblichkeit wieder näher bringt, und der Effekt, dass wir gemeinsam das Pendel stoppen, das im Moment in die Richtung schwingt: Männer sind Unterdrücker/arm dran/Schweine/unsicher/ müssen sich ändern/sind beziehungsunfähig und Frauen sind toll/aber alle Singles/und wissen nicht weiter. Aus : ,,Der Venus-Effekt". Ck.

Einmal pro Woche den Alltag abschaffen
1. Beginnen Sie den One-Day-Sex-Tag, an dem Sie etwa drei Stunden für Ihre Sinnlichkeit einplanen, nicht in Hektik. Nehmen Sie sich nichts vor, keinen Einkauf, kein Putzen, nichts ,,Weltliches". 2. Spielen Sie in Gedanken durch, am besten schon am Abend zuvor beim Einschlafen, wo Sie sich an Ihrem One-Day-Sex- Nachmittag verlieren möchten. 3. die Kunst des ,,Perhaps": Alles ist erlaubt - außer Sex. Je länger etwas verboten ist, desto interessanter wird es, desto stärker ist das Werben, in dem Fall um Ihren Körper. So kann es sehr reizvoll sein, das Altbekannte mit einem Hoffnung machenden ,,vielleicht" zu verbieten. Aus: ,,One Day Sex". Ck.

Barbara Dickmann