Keine Freizeit und Freunde mehr

- Pflegende Angehörige aus soziologischer Sicht - Viele Pflegebedürftige zu Hause -

Die Pflege von Angehörigen übernehmen viele Frauen in der Familie - und fühlen sich damit manchmal überfordert.

Sie fühlen sich ausgebrannt und überfordert. Sie leiden unter Rücken-schmerzen, Schlafstörungen, Erschöpf-ungszuständen und wissen oft nicht, wie sie mit ihrem Geld über die Runden kommen sollen. Sie haben keine Lobby, keine Freizeit, keine Freunde und wenig Kontakte. Und sie schweigen. Wer: Pflegende Angehörige! 2,1 Millionen Menschen sind in Deutschland pflege-bedürftig. 72 Prozent davon werden zu Hause versorgt und betreut. Ihre

Angehörigen tragen die Hauptlast. Sie kümmern sich nicht nur Wochen und Monate, sondern oft genug über Jahre hinweg rund um die Uhr um ihre Pflegebedürftigen. Und sie leiden. Sie sind die vergessene Randgruppe, die schweigende Menge. Meistens sind es die Frauen, die pflegen.
Es sind die Töchter, die Schwiegertöchter, die Ehefrauen. Von einem Tag auf den anderen ändert sich ihr Leben. Oft völlig unvorbereitet und bereits im Alter zwischen 50 und 60 müssen sie auf einmal etwas leisten, was eigentlich ein Beruf mit einer spezialisierten Fachausbildung ist. Und das unter schwierigsten Bedingungen. Eine Wohnung nach dem heutigen Standart ist nicht auf Behinderte eingestellt. Pflegende Angehörige geraten in die gesellschaftliche Isolation. Sie verlieren Bekannte und Freunde, und begeben sich oft selbst in eine Abhängigkeit durch die völlige Vereinnahmung des pflege-bedürftigen Menschen.
Sie befinden sich in ständiger Sorge, ob sie den Anforderungen auf die Dauer

gewachsen sind. Wie soll es nur weitergehen, wenn durch eigene Krankheit oder Hinfälligkeit die Pflege nicht mehr möglich ist? Und leben sie allein mit dem Pflegenden, ist diese Frage noch gravierender. Ist Entlastung nur unzureichend oder eigentlich gar nicht vorhanden, entsteht eine dauerhafte Überforderungssituation, die einfach keine Zeit mehr für die eigenen Interessen lässt.
Die Pflegebedürftigkeit löst oft vorhandene Rollenmuster auf oder kehrt sie gar um. Für den ehemals so dominierenden Ehemann muss nun die "schwache" Frau entscheiden, Kinder übernehmen die Elternrolle für ihre Eltern oder die Enkelin für ihre Großmutter. Mangelnde Hilfe für den Helfer ist aber auch eine latente Gefahr für den Pflegebedürftigen, denn manchmal äußern sich Überforderung und Erschöpfung in Gewalt. Gewalt des Pflegenden an dem zu Pflegenden. Das ist die Theorie. Die Praxis schildert eine pflegende Angehörige in dem neben-stehenden Bericht.

Barbara Dickmann