Anna aus Polen für die Oma

- 100 000 Altenbetreuer aus Osteuropa arbeiten schwarz in Deutschland -

Es ist nicht Anna, die hier pflegt, denn sie arbeitet im Verborgenen. Bild: fotolia

Diesmal sitzen nur vier Frauen in dem klapprigen Kleinbus. Das ist eine Ausnahme, denn in der Regel sind alle acht Plätze besetzt. Er hat ein polnisches Kennzeichen und ist auf dem Weg nach Deutschland. Den Frauen, zwischen dreißig und fünfzig, ist etwas mulmig, je näher sie der Grenze kommen. Zwar gibt es seit dem 21. Dezember 2007 grundsätzlich keine Kontrollen mehr, doch was sie nach Deutschland zieht, ist Schwarzarbeit in Reinkultur. Die deutschen Behörden wissen das sehr genau. Und doch haben diese Frauen keine richtige Angst. Denn eigentlich sind sie die Stütze der Altenbetreuung in Deutschland, stillschweigend toleriert - oder zumindest nicht gerade intensiv verfolgt.
Auch Anna, 35 Jahre alt, ist diesmal wieder mit dabei. Für sechs Monate wird sie in einer Familie im Schwarzwald die demenzkranke, 84-jährige Oma betreuen. Was sie erwartet, kann sie sich denken: Windeln wechseln, waschen, anziehen, füttern, das volle Programm. Immer auf dem Sprung. Rund um die Uhr. Freizeit gleich Null, nur wenige Stunden Schlaf, dazu noch ohne Erlaubnis, ohne Versicherung, aber auch ohne Steuern und Sozialversicherungsabgaben. Anna ver-dient 1000 € pro Monat, hat ein eigenes Zimmer und isst mit der Familie.
Das ist viel, viel Geld, wenn man aus einem Land kommt, in dem ein Lehrer gerade einmal gut 300 € im Monat verdient. Mit dem Geld kann sie zu Hause in Polen ihre ganze Familie ein gutes Jahr lang ernähren. Das ist bereits Annas dritte Stelle, die sie in Deutschland antritt. Ihre Freundin macht das schon seit über vier Jahren. Sie war es auch, die Anna zu einer sogenannten "Vermittlerin" aus dem Nachbardorf mitgenommen hat und die konnte ihr auch sofort den ersten Deutschland-Familien-Einsatz gegen entsprechendes Vermitt-lungshonorar verschaffen. Denn der Bedarf ist gewaltig. Mindestens 100.000

Altenbetreuer aus Osteuropa arbeiten schwarz in Deutschland. Hinzu kommen die ganz legal vermittelten "Haushaltshilfen", die im Rahmen der Dienstleistungsfreiheit immer nur vorübergehend in Deutschland arbeiten dürfen. Allerdings nur als Haushaltshilfe. Zumindest offiziell! Denn auch sie tun nichts anderes als Anna, nämlich Alte und Kranke pflegen. Anna kann mittlerweile ziemlich gut deutsch sprechen und ist deshalb sehr begehrt. Bisher hatte sie immer Glück mit ihren Familien und fühlt sich nicht ausgebeutet, obwohl es natürlich schon ziemlich anstrengend sei. "Die Alten in Deutschland ermöglichen uns ein gutes Leben", sagt sie und solange man gut behandelt werde und nicht von oben herab als "Polin, die ja etwas schlechteres ist als eine Deutsche", sei das für sie eine durchaus gute Lösung - zumindest für ein paar Jahre... Natürlich heißt Anna nicht Anna, denn das wäre jetzt wirklich zu riskant. Und natürlich kann man jetzt die moralische Keule schwingen, denn das ist illegal, das ist Ausbeutung in Reinkultur, das ist sogar strafbar. Denn pflegen dürfen in Deutschland nur examinierte Alten-pfleger/innen. Doch ein anerkannter Pflegedienst für die demenzkranke Oma ist unbezahlbar. Ja selbst eine Pflegekraft für acht Stunden kostet mindestens das Dreifache (mit Arbeitgeber-Anteilen), als Anna aus Polen mit ihrer Rund-umbetreuung. Ganz zu schweigen von mindestens vier Wochen Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall!

Offen sein für Neues
- Junge übers Altern -
Wer jung ist, ist rebellisch und progressiv, tritt ein für Werte wie Umweltschutz, Freiheit, Liebe, Phantasie, gegen dem atomaren Overkill... Angst vor dem Alter? Was für eine Frage. Doch genau darüber denkt Manuela (Name geändert), 22 Jahre jung, Studentin, heute schon nach. Und sie meint, dass sie keine Ausnahme sei. "Ich habe heute vor der nahen Zukunft viel mehr Ängste als vor dem Alter", sagt sie. "Alte Menschen haben es heute eigentlich leichter als junge". Zumindest, wenn sie an die Alten denke, die sie kennt. Sie sind unkonventionell geblieben, sind aktiv und manchmal jugendlicher als sie. "Vielleicht, weil sie nicht so starke Ängste haben!"
Die Alten haben mehr Geld als die Jungen, das meint sie ohne Neid. Sie haben es sich verdient, doch irgendwie sei auch nicht gerecht. Wie ihr Leben aussehen soll, wenn sie einmal alt sein wird, weiß sie schon heute: Möglichst lange gut arbeiten. Möglichst genug Geld haben und gemein-

Was denken junge Menschen über das Altern? Eine Studentin wie diese beschreibt ihre Ansicht. Bild: fotolia

sam mit Freunden in einer Lebens-gemeinschaft aus Jung und Alt leben. Und darunter sollten auch Menschen sein, die dann mal die Pflege übernehmen, wenn sie sich nicht mehr allein versorgen kann.
Nein, nein, ihre Kinder sollten dafür nicht zuständig sein, meint Manuela. Und sie weiß, wovon sie spricht. "Wir haben meine Oma aufgenommen, als sie 82 wurde", erzählt sie. Sie hatte zwar eine eigene kleine Wohnung, kam aber immer zum Abendessen. Sie war oft den ganzen Tag allein, abends hat sich die ganze Familie abwechselnd um sie gekümmert. Zuerst konnte sie noch laufen, dann kam der Rollstuhl und irgendwann hat sie dann den Wasserhahn nicht mehr zugedreht. "Am Wochenende wollte sie ganz früh mit uns frühstücken und das war ziemlich nervig. Wir vier hatten gar kein eigenes Familienleben mehr und meine Eltern hatten sich ziemlich oft in der Wolle", erzählt sie. Mit 86, nach einer schweren Krankheit, brachten sie die Oma schließlich ins Pflegeheim.
Dort starb sie ziemlich schnell, was Manuela heute noch bedrückt. "Das möchte ich einfach nicht für mich, so einfach nur geduldet sein oder aus Pflichtgefühl versorgt zu werden. Doch ohne Familie möchte ich auch nicht sein. Familie ist im Alter bestimmt wichtig. Ich will nur keine Belastung sein, möglichst viel Wissen und Lebenserfahrung haben und immer offen sein für Neues…"

Barbara Dickmann