Sie geben Kindern Rückendeckung: Pflegeeltern wie auf unserem Archibbild Karola Blessing mit Pascal und Andrea, die jetzt am Schluchsee zu einem Treffen mit Gedankenaustausch zusammen treffen.
Bild: B. Dickmann
Sie haben zwei oder drei Kinder - manche sogar vier oder fünf. Sie wollen sich austauschen. Mit dabei sogar einige Väter. Ein ganzes Wochenende haben sich 20 Pflegeeltern frei genommen. Ihre Kinder werden betreut, sie spielen auf der großen Terrasse und halten Blickkontakt. Doch oft genug geht ganz leise die Tür auf, ein Kind kommt herein, huscht schnell zu seinen Eltern, lässt sich in den Arm nehmen und geht dann wieder. Im Raum herrscht eine seltsame Stimmung, denn worüber hier gesprochen wird, lässt mir die Haare zu Berge stehen. Paula Zwernemann, Sachgebietsleiterin beim Jugendamt bis zu ihrer Pensionierung, Referentin der Pflegeelternschule Stuttgart, Buchautorin, Inhaberin des Förderpreises für herausragende Arbeiten im Dienste von Pflegekindern, hat zu diesem Treffen eingeladen. Und sollten Sie mit dem Gedanken spielen, ein Pflegekind aufzunehmen, dann lesen Sie bitte diesen Artikel bis zum Schluss, denn der ist am wichtigsten. Grundsatz Nr. 1: Kinder die aus ihren Familien herausgenommen und in eine Vollzeitpflege gegeben werden, haben immer eine schwere Mangelsituation. Das kann Misshandlung, Vergewaltigung, Missbrauch, Vernachlässigung (oder gleich alles zusammen) sein. "Morgens kam der Anruf und mittags war er da", berichtet eine Mutter, " Jörg war damals sieben Jahre alt und ich hatte keinerlei Ahnung, was mein Pflegekind zu Hause erlebt hatte". Der Alltag in der Pflegefamilie: Sie fangen bei Null an. Geregelte Mahlzeiten, Essen mit Messer und Gabel, Hygiene, Ansprache, Aufmerksamkeit, Betreuung rund um die Uhr, Schulprobleme, brüllen, schlägern, geschlagen werden. Nach drei Jahren packt das Pflegekind aus: Jörg (Name geändert) wurde von seinen leiblichen Eltern mit Ketten verprügelt, mit dem Messer bedroht, in einen Käfig gesperrt und sexuell missbraucht. Wenn er schreit, wird die Musik einfach lauter gedreht. Jörg hat Todesangst, wenn er zu
seiner leiblichen Mutter muss, dann rastet er völlig aus. Die Pflegeeltern sind entsetzt. Es folgen Hilfeplangespräche mit dem Jugendamt, Schriftwechsel, Schriftwechsel, Schriftwechsel, dann der Kampf um das Sorgerecht, denn Jörg soll ins Heim. Der Vorwurf, den ich an diesem Nachmittag noch oft hören werde: Das Jugendamt blockt. Erst wird den Pflegeeltern verschwiegen, warum der Junge aus der Herkunftsfamilie genommen wird, muss aber Kontakt halten - egal was war. Die Pflegefamilie kämpft um ihren Pflegesohn. Als sie endlich das Sorgerecht bekommen, ist Jörg überglücklich. "Mama, "sagt er, "jetzt weiß ich, dass mich hier keiner mehr abholen kann". Heute ist er 14 Jahre alt, macht seinen Hauptschulabschluss nach, ist in psychiatrischer Behandlung und hat sich von seinen leiblichen Eltern gelöst. "Wenn wir Frau Zwernemann nicht gehabt hätten, würde Jörg heute im Heim sein oder später wahrscheinlich im Knast landen!"
Warum hat die Familie den Jungen nicht einfach adoptiert, wäre jetzt eine berechtigte Frage. Darauf geben die Pflegeeltern sehr unterschiedliche Antworten. Einige haben es versucht, sind aber an den leiblichen Eltern und dem strengen Adoptivrecht gescheitert. "Ich brauche das Pflegegeld", sagt eine ganz ehrlich Mutter, denn diese Kinder brauchen oft sehr kostenintensive Therapien und Behandlungen, die nicht mit der Volljährigkeit aufhören. Mit einer Adoption ist das Thema für den Staat durch und kann die Adoptivfamilie in den finanziellen Ruin stürzen.
Vernachlässigte Kinder werden oft doppelt gestraft. Von den leiblichen Eltern misshandelt und von der Gesellschaft bestraft. Ein Beispiel aus der Praxis: "Mama, ich habe Hunger!" Die Antwort der überforderten Mutter besteht aus einer Tracht Prügel. Wenn das Kind dann etwas klaut, ist es böse und wird von der Gesellschaft abgeurteilt, denn stehlen darf man nicht. "Meine Pflegetochter hat auch eine Riesenbiografie, " berichtet ein Pflegevater. Die Oma sitzt im Gefängnis, weil sie ihre Kinder nicht versorgt hat. Ein Kind hat sie sogar verhungern lassen. Ihre Töchter machen das nach, was sie selbst erlebt haben. Ihre Kinder verwahrlosen, sie werden von den wechselnden Partnern misshandelt und missbraucht. Eine Geschichte, die endlos wird, wenn die Kinder nicht herausgenommen werden und in Pflegefamilien Fuß fassen können.
Grundsatz Nr. 2: Pflegekinder sind immer Kinder auf Zeit, was bedeutet, dass die Pflegefamilie keine rechtliche Sicherheit hat. Doch in der Realität gehen 89 % der Pflegekinder nicht wieder in ihre Herkunftsfamilie zurück. "Das ist Irrsinn",
sagt Paula Zwernemann. "Es gibt keine Nestwärme auf Zeit. Man hat einfach eine andere Distanz wenn im Hinterkopf der Gedanke ist, dass das Kind ja gehen könnte". Eine Pflegefamilie muss den Kopf frei haben, die Sicherheit in sich tragen, dass ihr Pflegekind bleiben wird. Und die Kinder brauchen diese Sicherheit auch um sich zu entwickeln.
Gerda ist gerade 14 Tage alt und wird direkt vom Krankenhaus in die Pflegefamilie gebracht. Das Baby ist alkoholsüchtig und auf Entzug. Doch Gerda hat Glück, denn ihre sieben Geschwister sind erst nach einem Martyrium von zwei bis sechs Jahren in Pflegefamilien gekommen.
Vorwurf Nr. 2 kommt von einem Vater: Immer muss er die Initiative ergreifen. Muss schauen, was seine Pflegekinder brauchen, Anträge über Anträge stellen, Hintergrundwissen haben, Netzwerke schaffen. Vom Jugendamt kommt nichts. Doch auch hier gibt es positive Beispiele. "Es ist einfach Glück, " sagt eine Mutter. Die Bandbreite geht von gut ausgebildeten, engagierten Mitarbeitern bis hin zur völligen Inkompetenz.
"Die Pflegefamilie ist die Sparkasse der Kommune, " sagt Paula Zwernemann. Sie kosten nur 1/3 eines Heimplatzes, die gesellschaftlichen Langzeitfolgen von heimatlosen Menschen nicht eingerechtet.
Viele der hier anwesenden Pflegeeltern sind einfach hineingerutscht. Völlig ahnungslos und unbedarft wollten sie einfach nur helfen und einem Kind eine 2. Chance geben. Ob sie das heute wieder tun würden, lautet meine letzte Frage? Die Antwort und damit der wichtigste Satz in dieser Reportage lautet: "Ja, und nochmals ja!" Warum: Wenn es einen Kind gelingt eine Bindung zu finden, wenn es sich einlässt auf die neue Familie, Vertrauen gewinnt, kann das wirklich ein neuer Anfang sein und es wird vielleicht diese Kette von Gewalt und Verwahrlosung unterbrochen und die Kinder dieser Kinder und dann wiederum die Kinder der Kinder werden eine lebenswerte Zukunft haben. Die Frage kommt zurück an mich: " Gibt es etwas Schöneres?"
Tipps von Pflegeeltern für zukünftige Pflegeeltern Informieren Sie sich sehr genau über Ihre Rechte und Pflichten. Nehmen Sie an Fortbildungen teil. Suchen Sie Kontakt zu anderen Pflegefamilien. Ein Pflegekind beansprucht viel mehr Zeit als die eigenen. Die Pflegeelternschule Stuttgart bietet Kurse an (Tel. 0711/6645793) www.pflegeelternschule-bawue.de.
Barbara Dickmann
