Entdecken von Freude

- Pflegekinder in den 60igern und im Vergleich zu heute -

Spielende Kinder - eins von ihnen lebt bei Pflegeeltern. Bild:sxc.hu

Anfang der sechziger Jahre sind die Heime überfüllt mit Kleinkindern und Säuglingen. Viele davon sind nichtehelich geboren. Ein Makel! Man geht davon aus, dass diese Kinder "schlechte" Erbanlagen haben. Für sie gibt nicht genug Adoptiveltern und nicht genügend Pflegefamilien. Bäuerliche Betriebe nehmen meist ältere Kinder auf, die mitarbeiten können. Damals beträgt das Pflegegeld für ältere Kinder weniger als für Kleinkinder, weil die Arbeitskraft mit einkalkuliert wird. Dann gibt es noch die so genannte Gruppe der "Häuslebauer", die oft mehrere Kinder aufnehmen, um die Abzahlungen für ihr Haus aufbringen zu können. Das ganze war ein gesell-schaftliches Problem. Einen gesunden Säugling zu adoptieren wird ja noch akzeptiert, doch ein Pflegekind gegen Bezahlung aufzunehmen, hat man als angesehene Familie nicht nötig.
Wurde ein Kind dann tatsächlich untergebracht, waren die Probleme vom Tisch. An eine Vorbereitung oder gar Begleitung von Seiten des Jugendamtes ist nicht zu denken. Und ob ein Kind überhaupt in die Pflegefamilie passt, was es wohl für die leiblichen Kinder bedeutet und welche Probleme und Schwierigkeiten auf die gesamte Familie zukommen, war überhaupt kein Thema...
Karola Blessing, Pflegemutter seit 2000 von Pascal (16 Jahre), Wolfgang (17 Jahre) und Andrea (14 Jahre), über die wir in der vergangenen "typisch frau" berichteten, weiß sehr genau, was für Probleme Kinder haben, die in der Frühphase ihres Lebens nicht gehalten, nicht geliebt, nicht versorgt werden. Sie hat eine Ausbildung als Pflegemutter absolviert und bis heute besucht sie regelmäßig Kurse und Seminare der Pflege-elternschule Baden-Württemberg e.V. " Das kann ich nur jeder Pflege- und

Adoptivmutter empfehlen", sagt sie, denn das Team der Pflegeelternschule kommt aus der Praxis. Adoptiveltern und Pflegeeltern werden hier ganz bewusst in einen Topf geworfen, denn die Probleme sind bei beiden die gleichen. Der Lebensalltag ist in der Regel ganz anders, als in der Normalität der Kindererziehung.
Die Pflegeelternschule Baden-Württemberg versucht aufzuzeigen, wie die Kinder trotz aller Schwierigkeiten Geborgenheit und Lebensfreude gewinnen und wie Pflege- und Adoptiveltern ihre Kinder verstehen und lieben, wie sie geduldig bleiben und ihre Kraftquellen finden können (Kontakt: 0711-6645793, info@pflegeelternschule-bawue.de).

Das Geld
Ein Pflegekind nimmt eine Familie nicht auf, um das große Geld zu verdienen. Was Karola Blessing und ihr Mann für ihren 24 Stunden-Einsatz an 365 Tage im Jahr erhalten, haben wir hier für Sie aufgelistet: Pascal, Wolfgang und Andrea sind älter als 12 Jahre. Pro Kind beträgt der Grundbedarf im Monat € 582,--. Die Vergütung für Erziehung beträgt im Regelfall je Kind € 230,--. Für 2 Kinder erhalten sie den zweifachen Satz und für ein Kind den 2,5 fachen. Zusätzlich wird der Beitrag zur Altersvorsorge in Höhe von € 39,-- gezahlt. Die Familie erhält Kindergeld von der Familienkasse, davon werden aber wieder € 77,-- für das erste und je € 38,50 für das zweite und dritte Kind abgezogen. Einmalige Anträge können gestellt werden. Beispiel: bei Aufnahme Kleidung von max. € 307,-- für Möbel max. € 1.023,-- für Kommunion oder ähnliches € 141,-- plus Bewirtungshilfe € 77,--, Konfirmation € 181,--, Einschulung € 52,--.

Konflikte
Pro Jahr: für die Ferien max. 21 Tage à € 10,-- Sonderaufwendungen für Begab-ungen und Interessen, zum Beispiel für ein Fahrrad max. € 171,-- für musische Förderung max. € 307,--. Die finanzielle Regelunterstützung empfindet Karola Blessing als ausreichend, doch im Augenblick hat die Familie große Probleme mit dem Amt. Der Streitpunkt: € 4.000 für die Spange von Andrea, die sie selbst finanzieren müssen, da Andrea wegen 1mm aus der Krankenkassenverordnung heraus fällt, der Arzt die Spange aber für medizinisch notwendig hält. Die Übernahme der Unfallversicherung für die Kinder mussten sie auch erkämpfen, der Antrag zur Kostenübernahme für die Spange liegt mittlerweile beim Juristischen Dienst der Stadt. Eine Entscheidung steht noch aus.

Verein geplant
Seit fast neun Jahren trifft sich Karola Blessing mit anderen Pflegeeltern aus der Region. In der Regel einmal im Monat tauschen sie sich aus und geben ihre Erfahrungen untereinander weiter. Karola Blessing möchte jetzt einen gemeinnützigen Verein für Pflege- und Adoptiveltern gründen und sucht weitere Familien. Sollten Sie ein Pflege- oder Adoptivkind erziehen und interessiert sein - Karola Blessing freut sich auf Ihren Anruf (Tel. 07721-33324, E-Mail schreiben an: karolablessing@web.de) .ck

Das Leben bunt gemacht
- Dankesbrief für ein Pflegekind -
Ein Pflegekind aufzunehmen, es anzunehmen, es aufzuziehen, ist eine ganz besondere Aufgabe. Hier eine Liebes-erklärung von Pflegeeltern an ihr Herzenskind:
Da warst Du! Wir wussten nichts von Dir, und Du wusstest nichts von uns. Wir öffneten unsere Herzen füreinander, ohne wenn und aber. Du warst wild, frei und einsam. Du warst es nicht gewohnt, dass sich jemand für Dich interessierte - einfach so, ohne Dein Zutun. Du warst es nicht gewohnt, dass jemand für Dich da war - einfach so, ohne Dein Zutun.
Wir alle gaben unsere Freiheit auf und tauchten ein in das Abenteuer Leben. Du erlebtest, dass es Grenzen gibt. Am Anfang war das sehr schwer für Dich. Du konntest sie mit der Zeit annehmen, weil Du dafür etwas bekommen hast. Zuverlässigkeit, Sicherheit und Geborgen-heit.
Du bekamst von Menschen Aufmerk-samkeit, Zuwendung und Liebe. Du durftest noch einmal Kleinkind sein, zusammen mit Deinem Bruder, als er mit sieben Wochen in unsere Familie kam. Du hast Dich getraut, zu vertrauen und zu lieben. Gott sei Dank.
Wir haben jeden Tag bewältigt und gelebt - Schritt für Schritt und Du bist gewachsen. So unbeschreiblich schön. Du bist ein Mensch mit so hoher Empfindsamkeit für alles Leben. Du begegnest anderen Menschen mit Achtung und Respekt. Du freust Dich über "Kleinigkeiten". Du liebst Dich jeden Tag ein Stückchen mehr. Du bist voller Liebe und Dankbarkeit - für uns - Deine Familie. Du wirst stärker und sicherer. Wir danken Dir dafür, dass Du da bist. Du hast unser Leben so unendlich reich und bunt gemacht. Wir haben alles zusammen erlebt, was haben wir gelacht. Du hast uns geweitet. Wir haben viel von Dir gelernt. Wir sind stolz auf Dich und auch auf uns. Wir haben die Freiheit gegeben und Liebe bekommen (Quelle: Praxis Pflegekinderwesen ISBN 978-3-00-021440-0).

Barbara Dickmann