Anette Piro in ihrem Brust-Atelier in Villingen-Schwenningen Bild: Barbara Dickmann
Rechts liegen BHs aus zarter Spitze, links lockt ein schwarzes, luftiges Kleid mit Spagetti-Trägern und geradeaus hängen Badeanzüge mit fröhlichen Mustern. Das Atelier ist rund, hell und freundlich und lädt zum Plaudern ein. Gibt es hier auch Kaffee? Doch bei näherem Hinsehen merkt man, dass die Palette weit über Dessous und Bademoden hinausgeht. Hier wird neue Lebensfreude vermittelt, Sicherheit gegeben und ein kleines Stückchen Körper ersetzt, dessen Bedeutung unendlich weit über dessen Größe hinausgeht - für Frauen wie für Männer.
Denn im Schrank liegen Prothesen - Brustprothesen. Und auf dem Schrank, gut sichtbar für jeden, Brustwarzen in allen Größen. ,,Kleine Teile mit großer Wirkung", sagt Anette Piro, die Leiterin des Brust-Ateliers, das in das Orthopädie + Vital Zentrum Biedermann Piro GmbH in Villingen-Schwenningen eingegliedert ist und von Markus Piro, ihrem Mann, geleitet wird. Anette Piro ist examinierte Krankenschwester und hat in einem Sanitätshaus gelernt. ,,Ich habe die Szene erlebt", sagt sie. Dunkler Vorhang, kleine Kabine, entsetzliches Ambiente. Anette wollte es rund haben. Denn das Gefühl hier aufgefangen zu werden, sollte sich einfach in den Räumen widerspiegeln. Wie nötig das gerade Frauen haben, die an Brustkrebs erkrankt sind und zu ihr kommen, weiß sie sehr genau.
Ihre Geschichte: Anette ist gesund, lebt
gesund, hat drei Kinder, die sie stillt, glücklich verheiratet mit Markus Piro und in ihrer Familie gibt es keinerlei Vorerkrankungen. Trotzdem kommt der Tag X. Mit 38 Jahren erkrankt sie an Brustkrebs. Aus heiterem Himmel. Das jüngste Kind ist gerade vier Jahre alt. ,,Als die Diagnose kam, habe ich schon mein Grab geschaufelt, doch als die Therapie stand und ich genau wusste, was ich wollte, ging es mir schon besser", sagt sie. Anette entschließt sich zur Totaloperation, nicht Brust erhaltend und auch nicht Brust aufbauend mit Eigengewebe. Dafür keine Chemo, keine Bestrahlung, aber Misteltherapie, Antihormonbehandlung und zweimal im Jahr Hypothermie (Überhitzung), um das Immunsystem aufzubauen.
Nach der Operation kommt der Lebenswille. Der Tumor ist weg und Anette pack s` an. In der Reha mit krebskranken Frauen und Männern erlebt sie Lebensfreude pur. Und zu Hause besucht sie gleich eine Selbsthilfegruppe. Als Anette und Markus Piro beschließen, neu zu bauen, kommt die Idee. Das jüngste Kind ist jetzt sieben und in der ersten Klasse. Für Anette ist es klar, dass sie mit einsteigt in die Firma. Arbeit gibt es genug. Markus könnte sie gut in der Verwaltung gebrauchen, doch Anette will etwas ganz anderes. Sie will ihr Wissen und ihre Erfahrung einbringen, will es den Frauen, die mit dem Leben ganz neu anfangen müssen, schön und ansprechend gestalten, will sie ermutigen, zu ihrem neuem Körper zu stehen und gleichzeitig die große Palette der Hilfsmittel aufzeigen, die es heute gibt.
Und so gesellt sich zur Orthopädie-Technik, zum Venen-Studio, Fuß-Atelier, zur ambulanten Gehschule und zum Bandagen-Studio das Brust-Atelier von Anette Piro. ,,Es ist eine wunderbare Aufgabe", sagt Anette, denn hier wird nicht einfach verkauft, hier gibt es Lebenshilfe pur. Anette weiß noch genau, wie viel Überwindung es gekostet hat, wieder schwimmen zu gehen. Nicht das schwimmen als solches, denn die
Badeanzüge mit speziellen Taschen und Mustern und etwas höher geschnitten, sind einfach perfekt.
Doch in der Dusche nutzt das nichts mehr. Oder wenn Bekannte auf einmal die Straßenseite wechseln, als ob man ansteckend wäre! Das ist einfach unbegreiflich, macht wütend und tut richtig weh. ,,Es gibt so tolle Prothesen", sagt Anette, die bei diesem Wetter natürlich ein luftiges Kleid mit Spagetti-Trägern trägt. Das Material ist ganz weich, wie ein richtiger Busen. Und dann gibt es auch noch Haftprothesen, die direkt auf die Haut geklebt werden, einen BH überflüssig machen und fast vergessen lassen, dass etwas fehlt. ,,Leider kann die nicht jede Frau tragen, es kommt auf die Narbe und auf die Sensibilität der Haut an", weiß Anette. Die Frauen kommen oft mit Gesprächsbedarf, manchen geht es gar nicht gut. Anette erzählt dann von der Selbsthilfegruppe oder über Dinge, die man tun kann. Wichtigstes Thema: Was sag ich nur den Kindern, wie nehme ich ihre Ängste, wo ich doch selbst voller Angst bin. ,,Viele Frauen werden sehr stark durch die Krankheit, doch manche können ihr verändertes Aussehen nicht ertragen", Anette kennt beide. Anette versucht zu helfen. Auch Anette ist stark geworden.
Im Oktober ist der Tag X jetzt drei Jahre her. Diagnose: Krebs hat ihr Leben verändert. ,,Ich bin gesund. Ich lebe im Hier und Jetzt. Und wenn in fünf Jahren etwas sein sollte, dann setzte ich mich dann damit auseinander."
Kostenübernahme
In der Regel zahlen die Kostenträger alle zwei Jahre eine neue Brustprothese. Zweimal im Jahr gibt es einen Zuschuss zum BH, der in der Regel € 40,-- beträgt. Manche Kassen zahlen auch Zuschüsse zum Badeanzug. Einen speziellen BH gibt es ab € 40 bis ca. € 80. Anette Piro erreichen Sie unter Tel. 07721-99829-0, a.piro@ovz-piro.de, www.ovz-piro.de. ck.
Barbara Dickmann
