Können wir uns ändern? Jein!

- Themenabend mit Siegfried Schreiber über unsere Lieblings-Ausreden - Die vier Stufen bis zum Ziel -

Siegfried Schreiber bei einem seiner zahlreichen Vorträge. Bild: privat

Sie sind unzufrieden mit sich selbst, haben Probleme in Ihrer Beziehung, können keine Kritik vertragen, haben gerade Ihren Arbeitsplatz gewechselt oder einfach Angst vor jeder Veränderung! Und endlich sagt ein wahrer Freund mal klare Worte, eine neue Liebe gibt Ihnen Mut oder gar eine spirituelle Erfahrung bringt auf einmal die große Erkenntnis: So kann es nicht mehr weitergehen! Doch können wir unser Verhalten ändern und wenn ja, wie? Genau diese Frage wurde am Themenabend in Villingen-Schwenningen im Münster-zentrum mit Siegfried Schreiber am 13. November gestellt. 13 Frauen und ein Mann, davon zehn zum ersten Mal mit dabei, sind sehr diskussionsfreudig und - fähig.
Um es gleich vorweg zu nehmen, die Antwort, die an diesem Abend gefunden wird, ist klar, eindeutig und unmissverständlich: Ja, wir können unser Verhalten (zumindest teilweise) verändern! Doch das bedeutet harte Arbeit! "Das ist das Schöne, aber auch das Schlimme am Leben", sagt Siegfried Schreiber, "wir können uns verändern." Verändern heißt verbessern, aber eben möglicherweise auch verschlechtern. Zum Sich- ändern ist immer Zeit, zu spät ist es dafür nie. Festgefahrenes Verhalten ist kein unentrinnbares Schicksal. Der Mensch muss nicht so leben, wie ihn seine Gewohnheiten und seine automatischen Abläufe steuern. Er kann sich und sein Verhalten bewusst verändern. Vor-aussetzung: Einsicht, Veränderungs-bereitschaft, Zielsetzung und Willensstärke.
"So kann es nicht weitergehen", ist zunächst einmal pure Theorie. Ein paar Pfund abnehmen, sich aus einer unglücklichen Beziehung lösen, selbstbewusster werden oder endlich mal

pünktlich zum Termin erscheinen - ist doch zu schaffen! Oder? Realität? Illusion? Jein! Unsere wesentlichen Charakterzüge haben wir häufig geerbt. Sie sind fest in unserer Psyche verankert und kaum oder überhaupt nicht zu verändern. So genannte Oberflächenprobleme sind veränderbar, doch auch nicht so einfach mit links, wie zum Beispiel Körpergewicht, Essverhalten, Trinkgewohnheiten, Schüchternheit, chronisch schlechte Laune, Unpünkt-lichkeit, Lebenswandel, die erwachsenen Kinder loslassen, pessimistische Denkweise, Erziehung der Kinder. "Vieles lässt sich erfolgreich verändern - aber längst nicht alles. Wir sollten keine Energie an Dinge verschwenden, die nicht wirklich zu verändern sind", sagt der bekannte Psychologe Martin E.P. Seligmann.
Und doch schaffen es immer wieder Menschen, ihr Leben komplett umzukrempeln. Drei Psychologie-Professoren aus den USA haben in unzähligen Studien mit Tausenden von Teilnehmern gelungene Veränderungs-prozesse untersucht. Ihre Ergebnisse fassten sie im "Transtheoretischen Modell" zusammen, das zunehmend auch in Deutschland Eingang in die psychologische Praxis findet. Experten vertreten die Ansicht, dass das Modell als Instrument hervorragend geeignet ist, individuelles Verhalten wirksam und auf lange Sicht zu verändern. Kern dieses Modells ist die Erkenntnis, dass erfolgreiche Änderung des Verhaltens ein langfristiger Prozess ist, der in bestimmten Stufen verläuft. Diese Stufen werden nicht unbedingt nacheinander durchlaufen, ein Zurück-gehen auf die vorherige Stufe kommt vor und ist manchmal auch notwendig.
Fangen wir einfach mal mit der ersten Stufe an. Sie heißt: Abwehren! Das funktioniert oft bestens. Motto: Ich bin okay, so wie ich bin! Besonders Männer verhalten sich häufig abwehrend, wenn es um Selbstveränderung geht. Frauen sind offener und auch um sich besorgter, vor allem, wenn es um ihre Gesundheit, ihr Gewicht und ihr Ernährungsverhalten geht. In dieser ersten Phase entwickeln sich manche zum Ausreden-Weltmeister, hier die wichtigsten: Ich kann das nicht. Dazu fehlt mir das Talent. Dieses Ziel ist unrealistisch. Wer sagt mir denn, dass es hinterher nicht noch schlimmer wird? Ich will ja, aber... So bin ich eben! Kann ich immer noch machen. Na ja, so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Ich gefalle mir

so, wie ich bin! Habe nicht genug Zeit. Habe viel versucht, bin aber immer wieder gescheitert.
Na, erkannt? Welches ist Ihr Lieblings-Ausreden-Spruch? Bereit für Stufe 2? Stufe 2 heißt: Bewusstwerden, die Einsicht erlangen! Menschen in dieser Phase wissen durch einen Impuls von außen oder durch Selbsterkenntnis, dass sie ein Problem haben und etwas geschehen muss. Aber mit Einsicht allein ist es nicht getan, es gehört auch das Handeln hinzu. Vom aktiven Handeln sind sie aber in "Stufe 2" noch weit entfernt. Zu sehr beschäftigen sie sich damit, die Vor- und Nachteile einer Veränderung abzuwägen. Häufig fallen ihnen zu diesem Zeitpunkt mehr Nachteile als Vorteile ein. Und oft enden diese Pro- und Contra-Überlegungen in einer Unentschieden-Situation. Der Wunsch ist groß, doch irgendwie scheint die Zeit dafür noch nicht reif. Sie wissen nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Doch irgendwann wird auch folgendes klar: Sie wissen nur, dass es anders werden muss, wenn es besser werden soll.
Und dann ist die Zeit reif für Stufe 3. Sie heißt: Vorbereiten. Wichtigster Unter-schied zu Stufe 2: Man konzentriert sich jetzt mehr auf die Lösung als auf das Problem. Man denkt jetzt mehr an die Zukunft als an die Vergangenheit. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Eine Gefahr auf der dritten Stufe ist, dass man von seiner eigenen Veränderungsbereitschaft unheimlich motiviert und hell begeistert ist und in der Euphorie das Handeln vergisst. Keine Frage, Stufe 3 ist die Wohlfühlstufe - der Entschluss ist gefasst, die konkreten Schritte formuliert (siehe Beispiel am Ende), doch die Tat noch nicht angegangen. Wie Sie jetzt zum Handeln kommen, denn das ist die Stufe 4, erfahren Sie auf der kommenden "typisch frau".
Hier ein Beispiel, wie konkrete Schritte formuliert werden können. Das Ziel: Gewichtsreduzierung, um überflüssigen Ballast abzuwerfen und mit Leichtigkeit neue Dinge machen zu können. Falsch: Ich will abnehmen! Warum falsch: Die Zielformulierung ist zu wenig konkret. Richtig: In einem Monat möchte ich 4 Kilo abnehmen. Hierzu verzichte ich abends auf das tägliche Weißbier, laufe alle Treppen zu Fuß, anstatt die Rolltreppe zu benutzen, verzichte auf Chips und Erdnüsse und esse von den Speisen meines Tellers jeweils nur die Hälfte.

Barbara Dickmann