Wenn der Schweiß in Strömen rinnt

 

Schweiß bedeutet Schutz. Der Säure-haushalt unserer Haut wird aufrecht-erhalten und der Organismus vor bakteriellen Infektionen geschützt. Schweiß ist unsere Klimaanlage, um die Körpertemperatur so optimal wie möglich zu halten.
Schweiß bedeutet für Karin R. (Name geändert) Horrorvorstellungen, psychische Probleme, Notfallpläne, alle zwei Stunden umziehen, schnell zur Toilette rennen, nur schwarze Klamotten und, und, und, ... Denn Karin R. litt an krankhaft vermehrtem Schwitzen, an Hyperhidrosis. Hier ihre Geschichte:
Ich war gerade zehn Jahre alt, als es begann. Ich schwitzte sehr stark unter den Armen. Mit zwölf Jahren rollten mir die Schweißkügelchen aus den Armen. Bei Prüfungen und Arbeiten hatte ich es doppelt schwer. Denn die Hälfte meiner Energie verwandte ich darauf, mich so hinzusetzen, dass es keiner merkte. Also die Arme ganz eng an den Körper, keine engen T-Shirts, kein Top, keine Spagetti-Träger. Natürlich ging ich zu den verschiedensten Ärzten, doch die trösteten mich. Das sei normal in der Pubertät. Mit siebzehn zog ich von zu Hause aus und begann nach dem Realschulabschluss eine Lehre in der Gastronomie. Mein Schwitzen wurde nicht besser, ganz im Gegenteil, es ging erst richtig los. Stoffflügel, die die erste Feuchtigkeit aufnehmen sollten, nutzten überhaupt nichts. Heimlich ging ich auf mein Zimmer und zog mich andauernd um. Vier Blusen in einer Schicht waren gar nichts. Es wurde nicht besser, ganz im Gegenteil - es wurde immer schlimmer. Mit zwanzig bedeckten Schweißflecken meine halbe Brust und nach zwei Stunden hatte ich auf der dunklen Jacke bereits die ersten weißen Salzkrüstchen. Das war nur noch peinlich. Alle zwei Stunden rannte ich auf die Toilette, wusch die Jacke aus und zog sie nass wieder an. Ich wurde ein Meister im Vertuschen und hatte jede Menge Notfallpläne damit mein Geheimnis nicht herauskam. Ich nahm keine Freunde in den Arm, sondern gab immer nur die Hand, konnte nie sofort nach der Arbeit weggehen, sondern musste mich erst immer umziehen und immer nur schwarze Sachen... Nachts träumte ich von einem Unfall, den ich hatte und von vielen Menschen, die meine schweißnasse Bluse sahen... eine Horrorvorstellung und die größte Katastrophe, die ich mir nur vorstellen konnte.
Ich überstand die Lehre, blieb in der Gastronomie, arbeitete in der Region und in der Schweiz. Die Wintersaison war immer super. Es konnte gar nicht kalt genug sein, doch der Sommer war immer der reinste

Horror. Oft habe ich auf eine Sommerpartie verzichtet, um nicht ertappt zu werden. Und wenn ich die Werbung von dieser jungen Frau sah, die in der Disko ihr grünes Oberteil unter dem Fön auf der Toilette trocknet, hätte ich heulen können. Das war ich! Geheult habe ich oft, wenn nichts mehr sauber war, wenn mal wieder jede Jacke verschwitzt war oder ich bei brüllender Hitze mit langen Ärmeln herumlief. Mit 25 arbeitete ich auf einen Schiff. Dort fiel ich nicht auf, es war ja alles feucht und wie viele Uniformen ich verbrauchte, merkte kein Mensch. Auch am Frankfurter Flughafen, meinem nächsten Job, hatte ich die Sache gut im Griff. Und doch wurde es immer schwieriger. Schwitzen ist einfach nicht gesund, denn man schwitzt alle Vitamine und Mineralien aus. Die psychische Belastung wurde immer größer. Ich konnte das berühmte Wort nicht mal mehr aussprechen oder schreiben. Auch meinen Mann, den ich schon mit achtzehn kennen lernte und der natürlich die ganze Geschichte miterlebt hatte, ließ ich nicht an mich heran. Ich verbrauchte Unmengen an Jacken, Blusen und T-Shirts, denn der Schweiß greift das Gewebe stark an, und lebte in der ständigen Angst, dass mein Geheimnis entdeckt werden würde. Ich blockte total und wurde zu wie eine Auster. Doch irgendwann hatte er die Faxen dicke. Wortlos legte er mir eine Internet-Adresse hin. Abends habe ich mich dann im Büro eingeschlossen und bin voller Ängste ins Forum gegangen. Es war die Befreiung schlechthin. Ich bin nicht allein auf der Welt. Da gibt es Menschen, denen es genauso ergeht, denen das Wasser den Kopf herunter läuft, die keinem die Hand geben können, die sich extrem gefährlichen Operationen unterziehen und die, wie ich, keine engen, hellen T-Shirts kennen. Und im Forum stand auch ein Rezept für ein Gel. Ich habe es aufgeschrieben und mich nicht in die Apotheke getraut. Doch mein Mann blieb hart. ,,Du musst schon selbst gehen, Du musst den Schritt machen", sagte er. Was es für mich bedeutete, dieses Rezept hinzulegen und mich zu outen, kann sich keiner vorstellen. Doch ich schaffte es und am gleichen Abend legte ich los. Die Salbe juckte und brannte die ersten Tage, doch das Wunder geschah. Nach drei Tagen war ich trocken! Mit 31 Jahren war ich zurück im Leben, freute mich wie ein Kind auf den Sommer, trug voller Stolz mein erstes Top und ging zum Sport - wie alle anderen auch.
Ich bin jetzt 35 Jahre alt, nehme das Gel immer noch einmal in der Woche und habe aufgearbeitet, was mich über zwanzig

Jahre belastete. Ich habe es meiner Mutter erzählt, meinen besten Freunden und trage mittlerweile immer das Rezept der Salbe bei mir, denn mein geübter Blick erkennt einen ,,Schwitzer" sofort, den ich dann auch gleich darauf anspreche. Und es gibt viel, viel mehr Betroffene, als man sich vorstellen kann. Mein letzter Schritt ist diese Reportage, das Erzählen meiner Story einer völlig Fremden. Einer Story die so überflüssig ist wie ein Kropf! Denn mit einer Salbe, die 15 € kostet und mit Ärzten, die ein bisschen besser zuhören würden, wäre sie nie geschrieben worden. Ich will, dass die Betroffenen mit gestärktem Rückrat zum Arzt gehen!"

Das Mittel gegen Schwitzen:
Ein einfaches Gel hat unserer Leserin geholfen. Binnen drei Tagen war der Albtraum vorbei. Gerne geben wir das Rezept an Sie weiter, doch mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass wir weder Ärzte noch Hellseher sind und dieses Mittel bestimmt nicht das Allheilmittel schlechthin ist. Hier das Rezept: 15 % Aluminiumchlorid 2 % Methylalkohol, Aqua dem. ad 100,0. Sie erhalten es in jeder Apotheke, doch darauf achten, dass sie nicht zu schnell gekühlt wird, da man die Salbe sonst nicht auftragen kann. ck.

Das Buch zum Thema:
Wir schwitzen doch alle! Werden Sie jetzt sagen. Doch wer erlebt, dass ihm der Schweiß buchstäblich im Strömen vom Körper oder von den spezifischen Körperregionen herab rinnt und womöglich auch noch übel riecht, findet das gar nicht mehr lustig. ,,Hyperhidrosis" heißt diese Überfunktion der Schweißdrüsen und ,,Bromhidrosis", das krankhafte Geruchsschwitzen. Eine Kombination von beiden steigert das Leiden der Betroffenen ins Unermessliche. Schwitzen kann man kaum kaschieren und oft kann man auch nicht flüchten. Ein Hyperhidrotiker kann nicht während einer Prüfung oder mitten im Vorstellungsgespräch das Weite suchen. Und wer drückt schon gerne eine Hand, die vor Schweiß trieft? Durch den Druck des Zwanges, bloß nicht zu Schwitzen, wird der ohnehin schon hohe Sekretionsfluss dann erst recht angeregt.
,,Hilfe, ich schwitze!" Ein Ratgeber gegen krankhaftes Schwitzen von Dietmar Stattkus (ISBN 3-89811-267-5), gibt Betroffenen die Möglichkeit, ihr Leiden zu erkennen, es zu akzeptieren und ihrer Umgebung mitzuteilen. Es informiert über Ursachen, Phänomene und Therapien, bis hin zu chirurgischen Eingriffen.

Barbara Dickmann