Dr. Urte Skorzinski gab jetzt im Eigenverlag das Buch "FrauSein nach Krebs" heraus. Bild: privat
Das Fundament für dieses Buch entsteht direkt nach ihrer Operation an einem gutartigen Eierstocktumor. Dr. Urte Skorinski, Jahrgang 64, Fachärztin für Gynäkologie, wacht aus der Narkose auf und kann nicht mehr einschlafen. 36 Stunden liegt sie wach und entwickelt Konzepte. Sie will Vorträge halten. Worüber? Über die Schönheit der Sexualität. Und genau das wird ihre Basis. Doch Wachstum und Reifung entstehen erst im Gespräch mit ihren Zuhörerinnen und Hörern. Jeder Vortragsabend, den sie veranstaltet, besteht aus zwei Teilen. Die Grundlage ist ihr Vortrag, doch der zweite, wichtige Teil, ist das Gespräch. Fragen und Antworten, einfließende Erfahrungen von anderen, ergeben ein großes Ganzes. Tieferes Nachfragen führt zu tieferem Verständnis. Es gibt nicht einen wissenden Experten und viele Unwissende. Alle haben Erfahrungen mit ihrer Sexualität, haben Erfahrungen mit Grenzsituationen und Herausforderungen.
Und indem alle ihre Erfahrungen einbringen, sie aussprechen und nicht zurückhalten, können alle davon lernen. Urte Skorzinski verbringt etliche ihrer Berufsjahre mit Menschen in Umbruchsituationen. Doch die tiefste Verunsicherung erleben viele Frauen in ihrem Frausein. Urte arbeitet etliche Jahre in einer Krebsnachsorgeklinik. Eine Krebserkrankung, wie Brustkrebs oder Unterleibskrebs, stellt die Welt auf den Kopf und nichts ist mehr so, wie es einmal war. Urte beschäftigt das sehr. Ihre Gespräche mit betroffenen Frauen sind äußerst intensiv. ,,Schreiben Sie doch ein
Buch", wird Urte immer wieder aufgefordert und diese Anregung behält sie immer im Hinterkopf. Es soll eine Orientierungshilfe für krebskranke Frauen und deren Partner werden. Jetzt ist es da. Titel: Frau Sein trotz Krebs (ISBN 3-8334-4278-6, 9,80 Euro).
Nach Operation oder Chemotherapie oder Bestrahlung oder vielleicht sogar alles zusammen, vertrauen wir unserem Köper nicht mehr. Jedes Zwicken und Zwacken versetzt uns in Angst und Schrecken. Alles was vorher so gut funktionierte, ist schwach und angegriffen, wir werden konfrontiert mit Beschränkung und Tod. ,,Doch die Krankheit kann auch ein Spiegel sein", sagt Urte Skorzinski und stellt in ihrem Buch folgende Fragen: Wie bin ich bisher mit meinem Körper umgegangen? Habe ich ihn geliebt, wie einen guten Freund behandelt, versorgt, gelobt? Oder habe ich ihn ausgenutzt, dienen lassen, alles aus ihm herausgeholt, nach dem Motto: Der Körper hat zu gehorchen und zu funktionieren? ,,Ihr Körper ist ihr Freund, ihr heiliger Tempel, das Haus Ihres Seins. Kümmern Sie sich darum, dass dieser Körper in seiner Kraft steht, ein blühendes Zuhause ist - nicht nur von außen, sondern auch von innen", ist ein wichtiger Schlüsselsatz in dem Buch. Im Indianischen gibt es eine Weisheit: Erst muss ich das tun, was mich in meine Kraft bringt, das heißt, meine Sehnsüchte, meine Bedürfnisse, meinen verschiedenen Hunger stillen - einfach das tun, was mir gut tut. Aber genau dieser Ansatz, erst mir etwas Gutes zu tun und erst dann andere zu versorgen, stellt unser kulturelles Prinzip auf den Kopf. Kommt nicht erst die Arbeit und dann das Vergnügen? ,,Nein", sagt Urte, genau dieses neue Muster, erst Kraft zu tanken, bevor sie sie wieder ausgibt, funktioniere bei ihr ausgezeichnet und die Arbeit gehe ihr viel leichter von der Hand.
Viele Frauen haben Probleme, ihren veränderten Körper anzunehmen und glauben, ihrem Partner gehe es genauso. Doch meistens ist es für den Partner das wesentlich kleinere Problem. ,,Wenn wir lernen darüber zu reden, schaffen wir damit die Grundlage um Miss-verständnissen vorzubeugen und Lösungen zu finden", sagt Urte. Es ist ein sehr gefühlvolles, ja fast zärtliches Buch geworden. Urte geht ein auf die Verunsicherungen im Körper, schreibt über die Schönheit des weiblichen Körpers und
die Kraft der Sexualität. Sie beantwortet Fragen, die viele Frauen beschäftigten und geht auf die Wechseljahre und ihre Beschwerden ein, die eine zusätzliche Herausforderung als Begleiterscheinung der Krebstherapie sind. Sie lässt andere Kulturen mit einfließen und spart nicht mit konkreten Beispielen. ,Frausein trotz Krebs` ist ein Buch für krebserkrankte Frauen und deren Partner und versucht, die Frage nach dem ,warum` zu beantworten, die sich wohl jede erkrankte Frau stellt. Warum gerade ich? Doch sollte die Frage nicht lauten: Wozu? Fragt Urte. Wozu habe ich diese Erkrankung bekommen und was will sie mich lehren? Dies ist ein Blick vom Jetzt in die Zukunft und nicht in die Vergangenheit und ist das nicht der richtige?
Die Autorin
Als sie mit 20 ihr Studium der Humanmedizin beginnt, will sie lieber ein männliches Wesen sein. Unabhängig und frei und mit wesentlich weniger Zwängen . Der nüchterne Blick auf die menschliche Anatomie hilft ihr zu verstehen, wie sie als Frau funktioniert. Gleichzeitig lernt sie ihren Mann kennen und erst jetzt nimmt sie ihr Frausein an. Und trotzdem bleibt eine Frage wichtig für sie: Was legt unser Frausein, oder das Mannsein wirklich fest und was ist alles anerzogenes Rollen-Verhalten? Dr.Urte Skorzinski wird Mutter, doch sie bliebt voll berufstätig, während ihr Mann Erziehungsurlaub nimmt. Erst nach einiger Zeit reduziert sie ihre Berufstätigkeit und lässt sich mehr auf ihre Mutterrolle ein. Ein weiteres, wichtiges Thema ist für sie die Sexualität. Da sie das Wissen unseres Kulturkreises unbefriedigt lässt, sucht sie in anderen Kulturen und im besonderen in der indianischen. Die Idee zum Buch wurde eigentlich 2002 geboren, nachdem Urte Skorzinski für pro familia Villingen-Schwenningen in Kooperation mit ,typisch frau` einen Vortrag vor über 200 Männern hält. Thema: Weibliche Sexualität. In 2003 hält sie weitere Vorträge und beginnt mit ihrem Buch. In 2004 sucht sie einen Verlag, doch für den einen ist es zu allgemein und für die anderen zu fachlich. Und dann noch gleich zwei Tabuthemen, nämlich Sexualität und Krebs! Herausgekommen ist es in 2006, Urte verlegt es im Eigenverlag, es ist ihr einfach zu wichtig. ck.
Barbara Dickmann
