Ist die Scham vorbei?

 

Irgendwann, zwischen 1970 und 1974 gründet die Psychologin und Sexual-therapeutin Lonny Garfield Barbach ihre Liebeschule. Das Ziel: Frauen sollten endlich einen Orgasmus erleben - egal ob mit oder ohne Mann! Ihre Erfolgsquote beträgt 93 %. 1975 erscheint ihr Buch ,,For Yourself, die Erfüllung der weiblichen Sexualität" (ISBN 3-548-20182-2). Die sexuelle Revolution beginnt, die Scham ist vorbei, eine ganze Frauengeneration probt die sexuelle Befreiung!
Während im Jahr 2006 weltweit Frauen gegen die Genitalverstümmelung kämpfen, wird in den USA und in Europa zunehmend eine besondere ,,Schönheitschirurgie" angeboten: Intimchirurgie. ,,Idealerweise sollten Venushügel und Schamlippen so straff und symmetrisch aussehen, wie bei einem jungen Mädchen", sagt einer der Hauptakteure, plastischer Chirurg aus München. Die neue Genitalästhetik wird vor allem im Internet gepriesen. Dort finden sich Angebote wie: Schamlippenverkleinerung mit Klitoris-mantelstraffung." Ein Gynäkologe in Kalifornien hat bereits den Zusatztitel ,,Picasso der Vagina" für seine Bemühungen um Designer -Vaginen erhalten, berichtet Claudia Haarmann in ihrem Buch ,,Unten rum... Die Scham ist nicht vorbei" (ISBN 3-936360-15-4). Ist sie wirklich nicht vorbei? Fragten wir, als wir Claudia Haarmanns Buch vorstellten? Gelten noch immer die starren und alten Normen? Schämen wir uns, wenn es um das Verhältnis von Frauen zu ihrem Körper und ihrem ureigensten weiblichen Organ, der Vagina, geht? Und wo sind wir wirklich mit unserer Sexualität? Ihre Reaktionen am Telefon, per Email oder Brief, liebe Leserinnen und Leser waren überwältigend, so vielfältig und wertvoll, dass wir noch einmal einige veröffentlichen möchten:

Selbstuntersuchung der Brust

Brustkrebs ist die häufigste Krebs-erkrankung bei Frauen. Jede Zehnte erkrankt im Laufe ihres Lebens. Jedes Jahr sterben 19.000 Frauen an Krebs, das sind 52 Frauen am Tag - ein ganzer Bus voll... Mit diesem Schreckenszenario könnten wir jetzt noch fortfahren, bis die Seite voll ist. Keine Frage, die Bedrohung ist allgegenwärtig und steigt mit zunehmendem Alter. Doch was jetzt kommt, ist genauso entscheidend: Die Heilungsaussichten hängen stark davon ab, in welchem Stadium der Krebs erkannt wird. 80 % aller Knoten werden von den Frauen selbst entdeckt. Acht von zehn Knoten sind gutartig! Etwa drei von acht

Dr. Karin Geiger, Ärztin bei profamilia Villingen-Schwenningen ist zertifizierte MammaCare-Trainerin. Bild: B. Dickmann

Patientinnen werden dauerhaft geheilt. Reden wir einfach nicht weiter über Brustkrankheit, sondern widmen uns lieber der Brustgesundheit. Denn genauso wie Sie auf Ihre Ernährung achten können, sich kontinuierlich bewegen und (hoffentlich) zur Vorsorge-Untersuchung gehen, kann frau noch einiges mehr tun. Wichtiges Instrument ist die Brustselbstuntersuchung. Einen entsprechenden Kurs bieten die profamilia-Beratungsstellen an (siehe Info-Kasten). Angeleitet von Dr. Karin Geiger, Ärztin bei profamilia Villingen-Schwenningen und zertifizierte MammaCare-Trainerin werden Sie Ihre Brust kennen lernen - innen wie außen und in einer kleinen Frauengruppe.
Karin beginnt mit einem Vortrag, zeigt einen Film über die MammaCare-Methode und packt dann Silikonbrüste aus, die sich täuschend echt anfühlen und die unterschiedlichsten Knoten verbergen. Hier kann man hautnah fühlen, wie man welche Druckstärken anwenden muss, um wirklich alle Knoten zu erreichen. Und, was genauso wichtig ist, Sie erkennen, was eine ganz normale Knotigkeit ist, denn die Brust ist kein aufgeblasener, glatter Luftballon. Doch Silikon ersetzt leider nicht das eigene Abtasten und unter Anleitung von Karin Geiger werden Sie sich vortasten und das im wahrsten Sinne des Wortes. Und was jetzt folgt, gleicht einer Inspektion beim Lieblingsspielzeug unseres Intensivsozialpartners - beim Auto. Sie drehen sich von rechts nach links, lernen in welcher Körperposition Sie Ihre Brust vor dem Spiegel anschauen sollten, auf welche Veränderungen es zu achten gilt und wie Sie sich Fingerbreite für Fingerbreite durchtasten müssen. Auch die Beurteilung der Hautoberfläche und der Brustwarze sind von entscheidender Bedeutung. Legen Sie sich ein Brustuntersuchungsheft zu, denn das Aufzeichnen der getasteten Befunde hilft bei der nächsten Kontroll-Untersuchung beim Arzt.
Karins Ziel ist die Stärkung gesund- heitlicher Eigenkompetenz, die Vermittlung

von Wissen über diesen ganz besonderen Teil des eigenen Körpers. Wissen und Erfahrungen baut Ängste ab. Karin geht es nicht darum, dass Sie Monat für Monat krampfhaft nach einem Knoten suchen. Ganz im Gegenteil: Die regelmäßig und sorgfältig durchgeführte Brust-selbstuntersuchung schafft eine große Vertrautheit zu den eigenen Brüsten, zu ihrer Struktur und Form. Mit viel Fingerspitzengefühl erkennt frau viel leichter sichtbare und/oder tastbare Veränderungen. Mindestens dreißig Minuten pro Brust dauert die ganze Geschichte, am Anfang sogar länger. ,,Diese Zeit braucht man einfach, doch die Technik ist leicht zu erlernen und nach einen halben Jahr läuft das so automatisch ab wie Auto fahren", erklärt Karin. Was ihr ganz wichtig ist: ,,Die Selbst-untersuchung ersetzt nicht die Vor-sorgeuntersuchung, sie ist ein Wahr-nehmung und Sensibilisierungstraining für Frauen jeder Alterstufe".
Übrigens: Finnland hat schon 1975 ein Mammaprogramm eingeführt. Die Schlüsselinformationen zur Selbst-untersuchung wurden von speziell ausgebildeten Trainerinnen übermittelt. Über zwei Millionen Frauen wurden geschult und erfasst. Das Ergebnis: Die Senkung der Sterberate der teilnehmenden Frauen war bei allen Altersgruppen gleich und lag 29 % unter der durchschnittlichen Rate. In den USA dagegen wird die Mammografie als einzig sinnvolle Methode eingestuft. Da zwei Studien zu dem Schluss kamen, dass durch die Brustselbstuntersuchung keine Senkung der Sterblichkeit erreicht wird, aber die Anzahl unnötiger Eingriffe aufgrund gutartiger Befunde steigt. Das überrascht Karin Geiger nicht, denn allein durch das Tasten kann der Knoten zwar gefunden, aber nicht eingeordnet werden, dafür ist die weitere Diagnostik - und vor allen Dingen deren Qualität - verantwortlich. (Quelle : Bundesverband der Frauengesundheits-zentren).

MammaCare-Kurse mit Dr. Karin Geiger:
Donnerstag, 9.3., von 19.00 - 21.30 Uhr, im Rahmen der Frauenwoche in Villingen-Schwenningen. Weitere Veranstaltungs-orte: Rottweil, Radolfszell, Tuttlingen und Waldshut-Tiengen. Terminanfrage und Anmeldung unter Tel. 07721-59088. Über das Kursangebot in Konstanz und Singen erhalten Sie Infos bei der profamilia-Beratungsstelle in Konstanz unter Tel. 07531-26390. Kosten: € 30,--, wird in der Regel von den Krankenkassen übernommen. ck.

Barbara Dickmann