Als lebende Leiche - aber ich habe es geschafft

- Die Hölle auf Erden: Alleinerziehend mit der Diagnose Krebs erzÀhlt von ihren Erlebnissen -

Nach der Diagnose Krebs bricht zunÀchst eine Welt zusammen. Sie schöpft neue Kraft in einer Kleinfamilie wie dieser. Bild: SK

Valerie hat es gepackt. Sie macht den Schnitt. Scheidung nach 15jĂ€hriger Ehe, SchlĂ€ge, Vergewaltigung und (fast) finanzieller Ruin! Alles lĂ€sst sie hinter sich, zieht von Norddeutschland an den Bodensee in die NĂ€he ihrer Eltern, findet eine nette Wohnung, einen guten Job und beginnt ein neues Leben - gemeinsam mit ihrer 12jĂ€hrigen Tochter und ihrem Hund. Valerie, Jahrgang 67, kommt zur Ruhe, fĂŒhlt sich einfach gut, zahlt allmĂ€hlich ihre Kredite zurĂŒck, will nur noch vergessen was war und leben. Doch dann beginnt ein neuer Albtraum. Valerie berichtet:
"Es war der 1. Mai 2006, als ich im Bett lag, meine Brust abtastete und dachte, Moment, ist da nicht ein Knoten? Immer wieder tastete ich und mir wurde bange ums Herz. Ich ging sofort zum Notarzt. Nach einer Ultraschalluntersuchung beruhigte er mich. Es sei zu 95 % nichts bösartiges, sondern wohl eher eine Zyste und ich solle in sechs bis sieben Wochen noch einmal zum Frauenarzt gehen und nachschauen lassen. Genau das tat ich auch. Doch der wurde immer ruhiger. Ihm wĂŒrde der Knoten gar nicht gefallen, sagte er und er wolle eine Mammographie. Die Mammographie ergab jedoch nichts Negatives und ich war beruhigt. Mein Frauenarzt ĂŒberhaupt nicht. Er ließ nicht locker und wollte nun eine Zellprobe. Ich war weiterhin sehr ruhig, denn auch der Professor, der die Zellprobe entnahm, gab mir eine gewisse Sicherheit. Mir ging es gut. Es war Sommer, die Fußballweltmeisterschaft lief, ich hatte mich mit Freunden verabredet um das Spiel Deutschland- Italien auf einer Großleinwand am Bodensee zu sehen. Dann kam der Anruf. Termin am nĂ€chsten Morgen um 11 Uhr zur Entnahme einer Gewebeprobe! Habe ich jetzt Krebs? Dann gab es stundenlang nur TrĂ€nen. Meine Eltern, meine engsten Verwandten, meine Freunde, alle waren an diesem Abend da. Alle waren schockiert, niemand wusste, wie er damit umgehen sollte. FĂŒr mich brach eine Welt zusammen. Warum ich denn nun schon wieder? Ich hatte doch genug Böses erlebt! Ich dachte an meine Tochter und was aus ihr werden wĂŒrde. Es wurde eine schlaflose Nacht.

Am nĂ€chsten Tag dann eine erneute Biopsie. Zwei Tage spĂ€ter, am Freitag, dem 6.7.2006, wurde ich operiert. Die OP verlief gut, ich erholte mich sehr schnell und konnte bald wieder nach Hause. Die Ärzte sagten mit, dass der Senitinal-Lymphknoten frei gewesen sei, nun eine Bestrahlung anstehe und ich dann wohl ganz normal weiter leben könnte. Ich war erleichtert. Das war GlĂŒck im UnglĂŒck. Zwar Krebs, aber nicht gar so schlimm. Falsch gedacht! Acht Tage spĂ€ter klingelte mein Telefon. Es war eine Ärztin aus dem Krankenhaus. Was sie sagte, werde ich nie vergessen: ,,Es tut mir Leid, Frau V..., aber sie haben einen sehr aggressiven Krebs, wir mĂŒssen ihnen das volle Programm geben". Was denn das "volle Programm" sei, fragte ich - Chemotherapie und Bestrahlung war die Antwort.
Zeit zum Nachdenken war nicht, aber auch wenn ich sie gehabt hÀtte, ich konnte eh nicht mehr klar denken. Die Hölle auf Erden begann mit der ersten Chemotherapie. Mein Onkologe wusste bald nicht mehr weiter. Er gab mir alles, was er medikamentös geben konnte - nichts schlug an. Ich hatte eine Kortison-Allergie, 8 - 10 Tage Dauer-Erbrechen bis nur noch MagensÀure kam. Zeit zum Erholen gab es nicht. Alle drei Wochen die nÀchste Chemo. Ich war mehr im Krankenhaus als Zuhause. Mein Körper machte schlapp, meine Blutwerte fielen so schnell, dass sie mich mehrmals in die Isolierstation einweisen mussten. Meine Haare fielen schon 13 Tage nach der ersten Chemo. Ich war so tief unten, tiefer konnte man doch nicht sein, dachte ich.
Mittendrin meine Tochter. In der Schule versagte sie völlig und weinte nur noch. Doch vor mir versuchte sie, die Starke zu spielen. Ich sah aus wie eine lebende Leiche, aber ich hab es geschafft. Sechs Chemotherapien, die letzte am 13. Geburtstag meiner Tochter, genau am 10.11.2006. "Mama, wir haben es geschafft, keine Chemo mehr, das ist das schönste Geschenk, das du mir machen konntest. Jetzt wird alles gut", sagte sie zu mir. Falsch gedacht!
Drei Wochen spĂ€ter ertastete ich einen Knoten in der Axilla. Mein Frauenarzt schaute sehr traurig und ich brach in TrĂ€nen aus. Mir war klar, was wieder auf mich zukommen wĂŒrde - das "volle Programm". Mein nĂ€chster Gedanke: Es geht wohl doch noch eine Stufe weiter nach unten. Die Biopsie ergab wieder bösartiges - der gleiche Krebs. Ich entschied mich, in eine andere Klinik zu fahren. Die Ärzte dort haben mich erst einmal auf den Kopf gestellt und Untersuchungen gemacht, um die ich schon vor Monaten im anderen Krankenhaus gebettelt hatte, doch immer wieder abgelehnt wurden, da sie "nicht nötig" seien.
Kurz vor Weihnachten dann die OP und Heiligabend war ich schon wieder zu Hause. Der Tumor sei wohl schon bei der

ersten OP da gewesen und ĂŒbersehen worden, teilte man mir mit, ich hatte nun auch weitere befallene Lymphknoten. Alle weiteren Untersuchungen waren, Gott sei Dank, ohne Befund. Mein Krebs sei wohl Chemotherapieresistent. Außerdem solle ich mich seelisch auf eine erneute Chemotherapie einstellen, parallel zur Bestrahlung, denn ich sei zu jung, um nichts weiter zu machen außer Bestrahlung. Der Bestrahlung habe ich zugestimmt, eine erneute Chemotherapie habe ich abgelehnt. Mein Onkologe versteht es, denn er hat mich in dieser Horror-Zeit begleitet und er ist, so wie ich, der Meinung, meinen Körper jetzt nicht zu schwĂ€chen, sondern eher aufzubauen. Warum soll ich eine Chemo machen, wenn die ersten sechs schon nicht geholfen haben, mit Ă€hnlichen Wirkstoffen. Noch einmal solche Qualen? Nein! Mein Wille ist stark und ich verlasse mich nun einfach auf meinen Körper und auf mein GefĂŒhl, das mir sagt, keine Chemotherapie zu machen. Die letzte Bestrahlung war am 2. MĂ€rz 2007. Ich versuche im Moment wieder ein StĂŒck meines Lebens zurĂŒck zu bekommen. Meine Haare wachsen wieder. Ich lache wieder. Habe ZukunftsplĂ€ne, will wieder Arbeit finden. Meiner Tochter geht es etwas besser und wir beide mĂŒssen lernen, mit meiner Krankheit umzugehen. Im Mai gehe ich mit meiner Tochter in die Reha, wir freuen uns darauf und hoffen einiges lernen zu können, wie wir besser damit klar kommen.
Die Angst, die bleibt, sie ist stĂ€ndig da. Ich werde mich nicht unterkriegen lassen. Das, was ich hinter mir habe, ist mehr als genug gewesen und wird doch wohl fĂŒr den Rest meines Lebens reichen".

Protokolliert von Barbara Dickmann

- Wer helfen möchte -
Alleinerziehend, Diagnose Krebs, seit einem Jahr nur in Behandlung, der Job ist weg und das Geld reicht vorne und hinten nicht. Valerie V. hat Schulden, die ihr Exmann ihr hinterlassen hat. Und Valerie will sie bezahlen! Zur Familie gehört ein Hund und die 13jĂ€hrige Tochter hat Musikunterricht. Das kann sie ihr nicht auch noch nehmen. Valerie V. wendet sich an die Karl Ziegler GedĂ€chtnis-Stiftung, die speziell Familien oder Alleinerziehende mit einer schweren Erkrankung betreut. Dies ist kein Spendenaufruf! Trotzdem hier die Bankverbindung der Stiftung, da sich immer Leserinnen und Leser finden, die gerne helfen möchten: Karl Ziegler GedĂ€chtnis-Stiftung, Hypo-vereinsbank MĂŒnchen BLZ 70020270, Konto-Nr. 52056560. Die Karl Ziegler GedĂ€chtnis -Stiftung produziert keinerlei Kosten, alle Spenden gehen zu einhundert Prozent an die BedĂŒrftigen. Doch nicht in einer Summe. Die Vorsitzende der Stiftung verwaltet die Gelder und setzt sie gezielt und sinnvoll ein.