Der Stellenwert von sexueller Befriedigung ist bei den 70-jährigen genauso hoch wie bei 30-jährigen. Aber über die Hälfte aller 50-jährigen Männer klagen über Erektionsstörungen. Wie können Frauen damit umgehen?
Bild: Aus dem Film "Another Gay Movie"
Der Anruf kommt irgendwann gegen Abend. Es ist ein Mann. Ein typisch frau-Leser Mitte sechzig. Er hat wohl den ganzen Tag überlegt, ob es richtig ist, sich zu melden, denn sein Thema ist nicht ohne. Er ist verletzt und fühlt sich unverstanden und zum Gespött der Leute degradiert. Nicht öffentlich, sondern innerlich. Ausschlaggebend war der Brief einer typisch frau- Leserin. Sie berichtete über ihre neue Liebe, über ihren Freund, der mit Ende sechzig sexuell überaus aktiv sei und kein Viagra (das bekannte Potenzmittel) brauche. Ihr Exmann dagegen komme ohne nicht mehr aus. Dieser Brief löste ein wahre Kettenreaktion aus unter unseren Leserinnen aus und immer wieder klang ein wenig spöttisch durch, dass ein "richtiger" Mann wohl darauf verzichten könne - egal ob mit 20 oder 70! Doch so einfach sei das alles nicht, erklärt der Leser. Vielleicht bei einer neuen Liebe, oder einer jüngeren Frau. Doch für ihn sei eine Freundin nebenbei keine Lösung. Und nach vierzig Jahren Ehe und in seinem Alter geht es nicht mehr auf Knopfdruck. Erfüllter Sex im Alter muss einfach vorbereitet werden. "Ich möchte es doch mit meiner Frau schön haben. Und vor allen Dingen möchte ich, dass es meiner Frau gut geht", sagt er und dann greife er zu einer Erektionshilfe. Mit Mitte sechzig sei das eben anders als mit Mitte zwanzig.
Was er einfach sagen will ist folgendes: Es ist völlig legitim zu Hilfsmitteln zu greifen. Mann muss sich deshalb nicht minderwertig vorkommen. Sexualität und Lust im Alter werden immer noch sehr wenig thematisiert, sie grenzen beinahe an ein Tabu. Älteren Männern wird höchstens ein reges Sexualleben zugesprochen, wenn sie mit jüngeren Frauen zusammen sind. So besteht bei Männern häufig auch der Irrglaube, dass Frauen jenseits der
Wechseljahre keine sexuelle Lust mehr empfinden. Genau das Gegenteil ist der Fall. Bei Frauen steigt bis zum 35. Lebensjahr das sexuelle Interesse an und bleibt lange auf diesem Niveau. Über ein Drittel der Frauen zwischen 60 und 80 Jahre möchten Sex haben.
Männer im Seniorenalter müssen jedoch mit größeren Veränderungen rechnen. Hormonell bedingt nehmen sowohl Orgasmus- als auch Erektionsfähigkeit ab. Neuere Studien belegen, dass fast die Hälfte aller 50-jährigen, 57 Prozent aller 60-jährigen und 67 Prozent aller 70-jährigen Männer über Erektionsstörungen klagen, sie aber ungern zugeben. Heute ist es nicht nur die Frau, die abends im Bett "Kopfschmerzen" bekommt, wenn sie keine Lust auf Lust hat. Oft genug ist es der Mann, der noch "unbedingt den Film anschauen muss" und erst ins Bett geht, wenn sie schläft. Nicht weil er nicht will, sondern Angst vor dem Versagen hat. Denn das Fatale ist: Der Stellenwert von sexueller Befriedigung ist bei den 70-jährigen genauso hoch wie bei 30-jährigen.
Dass mit dem Alter Stärke und Dauer der Erektion abnimmt, ist normal. Eine Erektionsstörung liegt dann vor, wenn Geschlechtsverkehr gar nicht oder nur zeitweise ausgeübt werden kann. Bis vor ungefähr 10 Jahren ging man immer von überwiegend psychologischen Gründen aus, durch die neuartigen Diagnose-verfahren lassen sich in 85 Prozent aller Fälle mehrere und in über 60 Prozent sogar primär organische Ursachen nachweisen. Dass dann immer psychische Faktoren hinzu kommen, liegt auf der Hand.
Erst im Jahr 2002 definierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Sexualität als zentralen Bestandteil des gesamten Lebens und zwar unabhängig vom Alter. Damit ist Geschlechtsverkehr und geschlechtliche Identität, Erotik, Genuss, Intimität und Reproduktion gemeint. Seit 1998 ist Viagra auf dem Markt. Es ist nicht nur ein Medikament, sondern hat das Verständnis für Erektionsstörungen revolutioniert. Wie Viagra funktioniert, ist ziemlich einfach zu erklären: Sildenafil, der Wirkstoff des Viagra, führt zu einer Weitstellung der Gefäße im Schwellkörper und verbessert die Durchblutung. Es unterstützt somit nur die bei Stimulation einsetzende Erektion, löst diese aber nicht aus. Es ist kein Aphrodisiakum. Auf das sexuelle Verlangen, die Libido, hat es keinen Einfluss.
Trotzdem ist es für viele Männer mit psychogener und organisch bedingter Erektionsstörung ein relativ neben-wirkungsarmes Medikament mit einer Erfolgsrate von bis zu 85 Prozent. Typische Nebenwirkungen sind Kopf-schmerzen, Gesichtsrötung, Magen-verstimmung und zeitlich begrenzte Farbsehstörungen. Viagra wurde vor seiner Markteinführung in großen Studien getestet und ist bisher mehr als 16 Millionen Patienten verschrieben worden. Es gilt als sehr sicheres Medikament. Männer, die aufgrund einer koronaren Herzerkrankung mit Nitratpräparaten behandelt werden, dürfen kein Viagra einnehmen. (Quelle Deutsches Ärzteblatt)
Doch was für uns Frauen der Gynäkologe ist, ist beim Mann der Urologe, der Männerarzt. Und deren Wartezimmer sind voll. Nicht Erektionsstörungen, sondern Prostataerkrankungen sind das große Thema. Und doch nimmt die Häufigkeit der älteren Männer, die neben einer urologischen auch eine sexualmedizinische Betreuung wünschen, zu. Nicht alle Männer gehen offen mit diesem Thema um, doch oft genügt ein kleiner Anstoß des Arztes, damit sie dankbar darauf einsteigen. Generell gilt: So wie frau alleine mit ihren Wechseljahren fertig werden muss, muss mann das auch. Was jedoch jede Frau tun kann, wenn es nötig wird - offen darüber reden und ihren Mann nachdrücklich ermuntern zum Urologen zu gehen. Denn Männer gehen in der Regel erst dann zum Arzt, wenn sie massive Beschwerden haben.
Einige Zahlen verdeutlichen dies: Nur 31 Prozent der bei der Techniker Krankenkasse versicherten Männer haben sich in 2003 vorsorglich auf Krebs untersuchen lassen. Bei den Frauen waren es 64 Prozent. Auch beim Gesundheits-Check-Up, der den allgemeinen Gesundheitszustand unter die Lupe nimmt, hinken Männer hinterher. Nach wie vor haben wir Frauen ein größeres Interesse an Gesundheitsfragen. Vielleicht liegt es daran, dass es bis heute traditionell Frauen sind, die sich um die Gesundheit in der Familie kümmern - auch neben ihrer eigenen Berufstätigkeit. Als Mutter, Ehefrau und Lebenspartnerin betreuen und erziehen wir die Kinder und pflegen oft genug alte und kranke Eltern- und Schwiegereltern. Übrigens: Unser ,typisch frau-` Leser, der den Mut hatte, anzurufen, ist sicher ein richtiger Mann - egal ob mit oder ohne Viagra.
Barbara Dickmann
