Wundermittel für Seelen?

 

Fragt mich eine Heilpraktikerin "Kennen Sie die Familienaufstellung nach Bert Hellinger?" und als sie mich dazu einläd, bin ich hin- und hergerissen. Denn diese Methode ist in aller Munde und mittlerweile schart der Therapeut einen weltweit wachsenden Fan-Club um sich. 35 Bücher von und über ihn, die teilweise in 20 Sprachen übersetzt wurden, sind auf dem Markt und allein in Deutschland überschreitet die Auflage gerade die halbe Million. 40 Videos sind im Umlauf, eine einige Zeitschrift und die "Internationale Arbeitsgemeinschaft Systemische Lösungen nach Bert Hellinger" in München gibt es mittlerweile, er tingelt um die ganze Welt und seine Workshops sind Monate im voraus ausgebucht. In diesen Massenveranstaltungen sind physisch und/oder psychisch kranke Menschen bereit, vor cirka 500 Menschen auszupacken und Dinge preiszugeben, die selbst ihre intimsten Freunde nicht wissen - in der Hoffnung, die Lösung ihrer Probleme zu finden.
Wie ein Show-Star steht der 76-jährige auf der Bühne und handelt in zehn Minuten ab, was Krebs und Lebenskrise, Depressionen und Allergien erzeugt haben soll, denn "Stellvertreter" aus dem Publikum stellen Herkunfts- oder Gegenwartsfamilie dar, manchmal auch Krankheiten oder Häuser, Bert Helliger rückt sie in verschiedene Positionen und fragt nach ihren Gefühlen. Die Stellvertreter empfinden angeblich genauso wie die echten, die Dynamik der Familie wird sichtbar und authentisch spürbar. Die Verstrickungen, die sehr oft auch mit schon verstorbenen Familienangehörigen oder frühren Partner zu tun haben, können nur durch die Wiederherstellung der Ordnung gelöst werden, indem man auf die Knie fällt, Demut übt, sich bedankt und ehrerbietig ist. Denn Hellingers Regeln sind streng und von Gleichberechtigung hat der Ex-Missionar, der 13 Jahre lang Schulleiter bei den Zulus im Apartheitsstaar Südafrikas war, noch nie etwas gehört. Denn die Frau muss dem Mann folgen, die Kinder den Eltern gehorchen und der Erstgeborene hat Vorrang vor dem Zweitgeborenen. Und

wer diese Ordnung verletzt, macht sich schuldig und wird mit Krankheiten bis hin zum Tod bestraft. Absolut niedergemacht Wird Bert Hellinger von den Spiegel-Redakteuren (Spiegel 7/2002) die bei einer Aufstellung dabei waren und ihm vorwerfen, die Technik der Familienaufstellung nicht erfunden zu haben und aus einer durchaus seriösen Familientherapie eine zehnminütige "Instant-Version" gezaubert zu haben, die nur mit einer sehr stabilien Psyche verarbeitet werden kann. Der Lebensweg der Heilpraktikerin sieht schon ganz anders aus, als der von Bert Hellinger. Sie lebt als junge Frau ein Jahr in Washington, arbeitet als elektrotechnische Assistentin, heiratet und wird Muter dreier Kinder. Doch ein Schicksalsschlag führt zu der Erkenntnis, dass dies nicht ihr Weg ist. Sie macht eine Heilpraktiker-Ausbildung, lernt Hypnose, kassische Homöopathie, Gespräch- und Familientherapie. Sie verändert sich total, erkennt immer mehr die Zusammenhänge und entdeckt die "Systemische Familienaufstellung" nach Bert Hellinger. "Das ist nur ein Aspekt, doch für mich ist es die Krönung, das Schicksal mit einzubeziehen", sagt die 58-jährige, die zwischen Wolfratshausen und Donaueschingen hin- und herpendelt. Und ihr Ansatz lautet: Wenn wir die natürliche Ordnung der Liebe beachten, haben wir große Chancen ein glückliches Leben zu leben. Diese Ordnung kommt durch den Platz in der Familie und in der Geschwisterreihe, den wir in Liebe nehmen, durch die Achtung aller früheren Bildungen und die Ehre, die wir ihnen geben, duch die Fehlenden, ungeehrten Toten, Gefallenen, Adoptierten, Verstoßenen, denen wir Platz in der Familie geben. Und indem wir unsere Eltern würdigen, erkennen wir unsere Wurzeln an, indem wir unsere Beziehungen würdigen, erkennen wir unsere Entscheidungen an. Mit der Familienaufstellung holen wir die Wahrheit - in den Blick und lösen damit die Identifizierung. Diese Arbeit ist lösungsorientiert, das heißt, wir schauen auf die Wirkung - richtig ist, was hilft...

Muss man sicher zweimal lesen, um einmal zu kapieren, doch Praxis geht vor Theorie und da setzt die Heilpraktikerin entgegen ihrem Lehrmeister eher auf klein aber fein und das liegt sicher nicht nur daran, dass sie sowieso keine großen Hallen füllen würde. Und so finde ich an einem Samstagmorgen in Donaueschingen, im Dach eines alten, renovierten Hauses, antike Möbel, zarte Farben, weiche Stoffe, geschmackvolles Wohlfühl-Ambiente und nicht 500, sondern elf Menschen vor, die zwar auch bereit sind, sich total zu öffnen, doch irgendwie alle miteinander verbunden werden, da keiner von ihnen nur zuschaut, sondern jeder mitmischt. Eine Familienaufstellung bei ihr dauert auch nicht zehn Minuten, sondern kann über zwei Stunden gehen und ihre Art ist nicht autoritär oder demütigend, wie man es Bert Hellinger nachsagt, sondern genau das Gegenteil. Man fühlt sich gut aufgehoben bei ihr, empfindet Liebe und Verständnis und absolute Zuwendung. Sie lässt Tränen ungehemmt fließen, bricht jedoch sofort ab, wenn es belasted wird und allein das Essen, mit dem sie ihre Leute in den Pausen verwöhnt, lohnt schon den Weg in dieses für mich therapeutische Neuland. Was mit mir passiert, als ich das "Geheimnis" wurde, stand in "typisch frau" vom 19. März. Doch woher die starken Reaktionen bei mir genauso kamen wie bei allen anderen Beteiligten, kann der reale Teil meines Kopfes bis heute nicht begreifen.
Die Familie sei eben so ein machtvolles System, dass seine Darstellung des anderen Menschen gestatte, sich in die Dynamik dieser Familie einzufühlen, ist eine der Erklärungen von Bert Hellinger. Doch im Grunde ist ihm das ziemlich egal. Nur der Erfolg zählt und darin stimmt die Heilpraktikerin mit ihm überein. Denn Erfolge hat sie miterlebt, wenn es auch keine Wunderheilungen sind, sondern manchmal mehrere Aufstellungen nötig waren. Simone, der jungen Frau aus der von mir Miterlebten Familienaufstellung, geht es seitdem mit Mann und Schwiegermutter viel besser.

Barbara Dickmann