Ein ganz normaler, zerstreuter Mitmensch oder krankhaft unaufmerksam?

- über die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung -

Es ist wie eine unsichtbare Behinderung, die schon im Mutterleib beginnt und mit jedem Lebensjahr immer deutlicher wird. Auch im Kindergarten sind sie auffällige Kinder, doch richtig haarig wird es, wenn die Schule beginnt. Was diese Kinder von anderen unterscheidet, bezeichnen drei unscheinbare Buchstaben "ADS" - die Aufmerkamkeitsdefizitstörung. Kommt noch Hyperaktivität hinzu (ADHS, was jetzt generell die offizielle Bezeichnung ist), sind sie umso auffälliger, haben aber wenigstens die Chance richtig diagnostiziert zu werden. Schon im Mutterleib sind ADHSler unruhig und als Säuglinge Schrei- und Speikinder. Sie krabbeln in alles hinein, nehmen alles auseinander und probieren grundsätzlich aus, was gefährlich und verboten ist. Gefahr ist für sie ein Fremdwort und die Schutzengel von ADHS-Kindern haben jede Menge zu tun. Im Kindergarten vermiesen sie jedes Mensch-Ärgere-Dich-Nicht und sind ständig auf Achse. Doch in der Schule wird es erst richtig dramatisch. Sie sind Störenfried oder Klassenkasper, können sich nur wenige Minuten konzentrieren, träumen vor sich hin und gucken Löcher in die Luft. Hausaufgaben sind ein Drama und dauern stundenlang. ADHSler sind häufig überdurchschnittlich intelligent und schaffen es irgendwie, durch

die Schule zu kommen. Oft endet ADHS nicht mit der Pubertät, es wächst also nicht heraus, lediglich die Symptome ändern sich und sie sind auch im Erwachsenenalter noch erkennbar betroffen. Oft müssen sie zu Medikamenten greifen, um jeden Montag die langatmige Vorstandssitzung zu überstehen. Doch erwachsene ADHSler (so bezeichnen sie sich selbst) können besser als andere komplexe Probleme erfassen, deren Verbindungen zu anderen Themengebieten erklären und deutlich machen. Und am besten sind sie, wenn sie einen Gegenüber haben, den sie beobachten können. Schriftlich sind sie oft schlecht, doch Vorträge und Präsentationen vor einer Gruppe von Leuten sind für sie kein Problem und freie, spontane Reden und Diskussionen beherrschen sie oft sehr gut. ADHSler müssen sehr genau ihre Eigenarten reflektieren und sich gezielt Felder suchen, die zu ihrer Gehirntätigkeit passen, damit sie im Beruf bestehen können. In der EDV-Branche findet man sie besonders häufig und meistens haben sie dann noch ein privates Computernetz mit 10 PC`s zu Hause, spielen 2 Instrumente, fahren leidenschaftlich Rettungsdienst (am liebsten Nachtschichten), studieren BWL an einer FH und so nebenbei sind sie noch Geschäftsführer eines Karate-Clubs mit  

130 Mitgliedern. Wenn alle einen Weg gehen, dann gehen sie garantiert einen anderen, der weniger ausgetreten ist und mit Menschen, die konventionell und gerade Denken und Handeln können sie schon gar nicht. Und doch schaffen sie es oft die Zwänge, die jeder hat, zumindest halbwegs zu bewältigen. Auch erwachsene ADHSler können durch Verhaltenstherapien und Training, wie zum Beispiel Aufmerksamkeitsanleitung und Anweisungen zur Strukturierung, durch alternative Therapien wie autogenes Training oder Meditation und natürlich auch Medikamente wie Antidepressiva oder Ritalin, die das zentrale Nervensystem stimulieren, ihre Situation deutlich verbessern. Detaillierte Informationen zu den neuesten Therapiemöglichkeiten erhalten Sie in unserem kommenden typisch frau-Vortrag am 24.März (siehe Infokosten).

Buchtipp von einer Leserin/// ,,Zwanghaft zerstreut - oder die Unfähigkeit aufmerksam zu sein" ISBN 3-499-60773-5, € 9,90, gibt Einblick in die Schwierigkeiten und weckt Verständnis bei allen Nicht-Betroffenen. Ck.

Barbara Dickmann