Das ist nicht Anna B., doch hat diese Frau viel Ähnlichkeit mit ihr. Sie ist ähnlich alt und genauso fit im Kopf.
Eine Frage: Haben Sie auch etwas Angst vor dem Alter? Vor Demenz, vor Einsamkeit, vor dem Pflegeheim ? Und müssen wir uns damit abfinden, irgendwann nicht mehr selbstbestimmend leben zu können? Keine Frage: Die Wahrscheinlichkeit, dass es uns in irgendeiner Form erwischt, ist nicht gerade von der Hand zu weisen. Oft genug ist Alzheimer ein Thema im SÜDKURIER, sind Pflegeheime, Mehrgenerationenhäuser, Hospiz, Palliativzentrum, Essen auf Rädern, Gehirnjogging weitere Angelegenheiten, die zumindest ein Familienmitglied betreffen. Wohin mit Oma? Ist der Leitartikel im neuen „Stern“ und wenn Sie den lesen, wird Ihnen Angst und Bange. Doch was jetzt kommt, ist genau das Gegenteil. Ist der Bericht über einen sehr schönen, sehr anregenden und unterhaltsamen Nachmittag . Der Ort: eine völlig ausreichende, sehr praktische und mit sinnvollen Hilfsmitteln ausgestattete barrierefreie Wohnung in einem „Betreuten Wohnen“ in der Region. Meine Gesprächspartnerin: Anna B. (Name geändert), 96 Jahre, verwitwet seit elf Jahren, zwei Söhne, drei Enkel und vier Urenkel. Anna B. ist sehr aufgeregt. „Als ich diesen Bericht im SÜDKURIER las, dass die Frühchenstation im Schwarzwald-Baar-Klinikum geschlossen werden soll, hat mich das sehr mitgenommen“, sagt sie und sie erzählt mir die Geschichte ihres Enkels und seiner Frau. Hier ist sie: Peter und Marie (Name geändert), sind ein junges, nettes Paar. Beide sich hochqualifiziert, leben gut 200 Kilometer entfernt, haben Studium und Promotion erfolgreich abgeschlossen und stehen mitten im Berufsleben.
Und dann kommt die freudige Nachricht: „Liebe Oma, du wirst bald Uroma werden und das gleich zweimal, denn wir erwarten Zwillinge.“
Anna B. ist überglücklich. Einmal in der Woche greift sie zum Telefonhörer und will genau wissen, wie es der werdenden Mutter geht. Zuerst ist alles wunderbar, doch dann wird Marie krank. Die Diagnose: schwere Infektion in der Gebärmutter. Die Ärzte sind ratlos. Antibiotika müsste Marie erhalten, doch das würde die Kinder gefährden. Marie wird immer kränker, es besteht Lebensgefahr. „Das war schon der erste Schmerz“, sagt Anna B. Sie ist eine gläubige Frau und betet jeden Tag für die Familie ihres Enkels. Nach einer Woche greifen die Ärzte ein, sie können nicht mehr länger warten. Zwei kleine Jungen werden mit Kaiserschnitt geholt und endlich kann die Mutter behandelt werden. Sebastian wiegt 545 und Samuel 745 Gramm. Sebastian stirbt nach einer Woche. Das Leben von Samuel hängt am seidenen Faden. Die Mutter erholt sich sehr langsam und verbringt ihre Tage auf der Intensivstation bei ihrem kleinen Sohn. Auch als sie aus dem Krankenhaus entlassen wird, fährt sie nur zum Schlafen nach Hause. Samuel muss immer noch künstlich ernährt werden, doch jetzt ist es die Muttermilch, die ihm durch die Magensonde zugeführt wird. 200 Kilometer entfernt bangt Anna B. um das Leben ihres kleinen Urenkels. Immer wieder schaut sie die Bilder an, die diesen Winzling zeigen. Sechs Schläuche erhalten sein Leben, die Hand der Mutter ist fast so groß, wie das kleine Wesen. Und dann sind da noch die Bilder von einem kleinen Kindergrab. Oft geht sie mit den schlimmsten Befürchtungen ins Bett. „Manchmal war ich wie gelähmt vor lauter Sorge ob er wohl die Nacht überlebt.“ Ganz, ganz langsam geht es aufwärts. Als Samuel die ersten 100 Gramm zugenommen hat, geht ein Freudenschrei durch die ganze Familie. Nach einem halben Jahr holen die Eltern ihren Winzling nach Hause – noch immer muss Samuel rund um die Uhr versorgt und überwacht werden. Doch der Kleine ist eine Kämpfernatur. Was bleibt, ist die Trauer um Tod des zweiten Kindes. Jeden Sonntag gehen sie mit Samuel zum Grab
seines Bruders, den er nie sehen konnte. Große Freude im August dieses Jahres hier in der Region. Anna B. bekommt Besuch. Samuel, ihr mittlerweile 2jähriger Urenkel, ist mit seinen Eltern da. Zum ersten Mal sieht sie dieses Kind, um das sie so lange gebangt hat. „Er ist so ein zartes, lebhaftes, aufgewecktes Bübchen“, sagt Anna B. und weint fast bei dem Gedanken, dass seine Überlebenschancen wohl wesentlich geringer gewesen wären, wenn er nicht direkt vor Ort versorgt worden wäre. Anna B. ist eine kluge Frau. Und was sie sagt hat Hand und Fuß. Viele Bilder liegen auf dem Tisch. Kleine Kärtchen mit handgeschriebenen Nachrichten von den Söhnen und Enkeln. Ihre Nabelschnur ist das Telefon , denn ein Teil der Familie ist weit verstreut. Doch ein Sohn lebt in der Nähe und den sieht sie oft. Natürlich zwickt es hier und zwickt es da, liegen Medikamente auf der Anrichte griffbereit, doch im Kopf ist Anna B. topfit. „Und dafür bin ich richtig dankbar“, sagt sie. Sie kocht nicht mehr jeden Tag, „dann gibt es eben Essen auf Rädern“. Sie putzt nicht mehr, „ich habe eine Putzfrau“, die Angebote im „Betreuten Wohnen“ nimmt sie manchmal wahr und Langeweile kennt sie nicht. „Ich lese ja den SÜDKURIER von vorne bis hinten und ehe ich den aus habe, ist schon der halbe Tage vorbei.“ Keine Frage: Im Alter kann das Leben schön sein, kann man weise sein - anstatt dement. Kann man sich selbst versorgen, auch wenn der Körper nicht mehr zu einhundert Prozent funktioniert -wenn man nur die Hilfsmittel richtig nutzt, die es heute gibt. Und es ist richtig lebenswert, wenn es eine Familie gibt, die sich kümmert. „Großmutter pass auf Dich auf – wir möchten Dich noch lange bei uns haben,“ sagen ihre Enkel immer am Ende eines Telefonats und das macht Anna B. so richtig glücklich.
Barbara Dickmann
