Die Wechseljahre
(oder warum ist die schöne Zeit vorbei)

- Lesen nur gestattet, wenn Sie mindestens Mitte vierzig sind -

Sie sind konstant gereizt und die Fliege an der Wand bringt Sie zur Weißglut. Ohne erkennbaren Grund steigt eine Hitzewelle bis ins Gesicht und lässt Sie rot werden wie ein Teenager. Abends können Sie nicht einschlafen, wälzen sich die halbe Nacht im Bett und sind am Tag nur noch müde. Sie merken, dass sich etwas verändert, werden unsicher, ratlos, pessimistisch und ungeduldiger. Manchmal glauben Sie sogar, dass die Menschen um sie herum nicht mehr so nett sind wie früher, das macht Sie traurig und niedergeschlagen. Und eine große Frage steht im Raum: Was kommt wohl noch alles hinzu? Wie wird mein Leben in Zukunft aussehen? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten und je nach Kultur werden die Antworten von Frauen, die diese Geschichte, nämlich die Wechseljahre erleben, völlig unter-schiedlich sein.
In Japan, wo das Alter als Lebensabschnitt der Weisheit respektiert wird, akzeptieren die Frauen die Wechseljahre ohne Probleme und beklagen sich selten. In Indien beklagten sich die Frauen überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil! Sie warten voller Vorfreude auf die Wechseljahre, beschert es ihnen doch ein Leben in größerer Freiheit. Endlich müssen sie keinen Schleier mehr tragen, können sich freier kleiden und unter die Menschen gehen. Auch bei einigen afrikanischen Völkern werden die Wechseljahre bejubelt, denn sie markieren den Beginn der sexuellen Frei-

heit für Frauen. Also so gesehen, bedeuten Wechseljahre bei etlichen Frauen auch, dass sie mal öfter den Mann wechseln! In unserer Kultur sind wir noch nicht so weit. Hier bedeuten Wechseljahre den Verlust von Jugend und Gesundheit. Mit dem Kinder kriegen ist es aus und vorbei, jeden Tag eine neue Falte, jeden Monat ein Pfund mehr auf den Rippen und jedes Jahr etwas schwabbeligere Haut! Die Krampfadern werden immer mehr, die Röcke immer länger, der Ausschnitt immer kleiner und irgendwann sieht unser Hals aus wie der eines alten Truthahns. Mal ehrlich - Was soll daran positiv sein?
Nun denn, versuchen wir schön zu reden, was trotz allem unwiederbringlich den Verlust der Jugend und das Hinwenden zum Alter bedeutet.
Also: Das Leben wird ruhiger, denn die Kinder sind aus dem Gröbsten raus oder sogar schon aus dem Haus. Wir haben mehr Geld - obwohl wir jetzt zu zweit viel weniger brauchen! Und wir haben mehr Zeit, können uns neuen Aktivitäten zuwenden - oder die wieder aufnehmen, die wir wegen der Kinder unterbrochen haben. Wir können studieren (und jungen Menschen den Studienplatz streitig machen), Mal- oder Musikunterricht nehmen (mit mehr oder weniger Talent), wir können Yoga oder Tai Chi lernen, die Fitness-Studios bevölkern oder uns spirituellen Themen widmen. Zum Beispiel: Was ist der Sinn des Lebens? Gibt es ein

Leben nach dem Tod? Bin ich die Reinkarnation eines Eichhörnchens oder womöglich von Cleopatra? Sollten wir es vielleicht mal mit Eselsmilch versuchen? Oder waren wir eine mächtige Eiche und gehen deshalb in den Hüften auseinander wie ein Pfannkuchen? Na - schon irgendetwas positives gefunden?
Zugegeben, die Wechseljahre sind einfach ein Zeichen dafür, dass wir schon etliche Jahre (hoffentlich gut) gelebt haben und das jetzt einfach eine andere Zeit anbricht. Und Gott sei Dank leben wir in einer Zeit, in der eine Frau mit fünfzig von hinten noch genauso aussehen kann wie eine Frau von dreißig. Und es gibt auch noch ein Leben danach, das nicht geprägt sein muss von dicken Wollsocken und Gesund-heitslatschen, schlechter Laune und großer Leere, Ziellosigkeit und sexueller Enthaltsamkeit. Es gibt (hoffentlich) noch viele Abenteuer zu bestehen und noch viele ,typisch frau`- Seiten zu schreiben.
Trotzdem - schade das schon so viele Jahre vorbei sind und schön, dass sie so wunderbar waren. Und sollten Sie noch weit entfernt sein, von dieser ach so tollen Zeit der Weiterentwicklung und Selbstverwirklichung liebe Leserin, dann hören Sie auf eine Frau, die in Japan jetzt weise wäre, in Indien ohne Schleier leben könnte und in Afrika auf der Suche nach einem Liebhaber wäre: Genießen Sie jeden Tag!

Barbara Dickmann