Frauen telefonieren so gerne und erledigen so nebenbei noch tausend andere Dinge. Bild: D@C Werbeagentur.
In 2004 geht es los. Atemnot, Herzrasen, Depressionen, Antriebsschwäche, Allergie, Schlaflosigkeit! Mit einem Wort: Manuela U. (Name geändert) fühlt sich mehr krank als gesund. Sie geht zum Arzt, macht einen Gesundheitsscheck. Alles im grünen Bereich und die Erklärung liegt natürlich auf der Hand. Manuela U. ist in den Wechseljahren. Und doch kann sie sich damit nicht zufrieden geben. Nächste Station: der Lungenfacharzt, weil sie auf allergisches Asthma tippt. Ohne Befund - Manuela U. ist gesund, auch wenn sie sich nicht so fühlt - Punkt!
Doch dann sagt der Arzt einen Satz, der alles verändert: "Bei Ihnen ist doch ein neuer Mobilfunkmast aufgebaut worden!" Manuela U. wehrt zuerst ab. Nein, nein, meint sie, der stehe schon so lange da, dass hätte bestimmt nichts mit ihren Beschwerden zu tun, das könne sie sich einfach nicht vorstellen! Manuela U. lässt es trotzdem nicht los. Sie telefoniert mit dem Bürgermeister und erfährt, dass der Mast vor kurzem aufgerüstet worden sei. Trotzdem, was soll das mit ihrem Gesundheitszustand zu tun haben?
2005 geht sie zur Kur, danach ist es etwas besser. Manuela versucht es mit Akupunktur - ohne Erfolg. Was ist nur mit ihr los. So kann es doch nicht weitergehen! 2006 sucht sie die Stille eines Klosters. Eine Woche ohne Telefon, Handy, Internet. Manuela blüht auf. Sie fühlt sich voller Kraft, gesund und schläft durch. Kaum ist sie zu Hause geht es wieder los. Doch Manuela U. ist sensibilisiert. Sie merkt es sehr deutlich. Es ist das schnur-
lose Telefon, das ihr zu schaffen macht. Es ist tatsächlich diese wunderbare Erfindung der Technik, die wir typisch frau-Autorinnen weiß Gott zu schätzen wissen, weil wir damit mindestens zwei Dinge auf einmal machen und trotzdem noch telefonieren können! Und ausgerechnet dieses wichtige Teil will Manuela U. abschaffen.
Zugegeben, das würde auch uns beide treffen. Wen wundert es, das Manuelas Kinder jammern und wehklagen und ihr Mann schlichtweg dagegen ist. Manuela ändert es trotzdem, wenn auch erst mal provisorisch. Sofort geht es ihr viel, viel besser. Sie telefoniert wieder mit Freude und bleibt hart. Aus dem Provisorium wird die Regel. Wer jetzt telefonieren will, ist gebunden - an Schnur und Raum! Ende gut - alles gut! Doch die Geschichte geht weiter. Die Kinder stehen wieder auf der Matte. Das Internet sei so langsam und sie möchten jetzt WLAN (Wireless Local Area Network oder drahtloses Funknetz). Manuela U. gibt nach, das Kabel wird gelegt und Manuela U. vibriert am ganzen Körper. Sie kann es nicht mehr verdrängen, das ist der Beweis.
Nach endlosen Diskussionen in der Familie, wird WLAN wenigstens nachts abgeschaltet. Doch jetzt merkt auch ihr Mann, dass seine Frau tatsächlich dadurch krank wird und er macht sich schlau. Im Haus von Manuela U. wird einiges geändert. Es gibt nur noch ein halbschnelles Internet. "Damit kann man ganz gut leben, wenn man nicht gerade etwas runterlädt", sagt Manuela U. Letzten Herbst haben sie dann noch alles unter Putz gelegt und Manuela geht es gut. Geschafft! Doch nach dem Urlaub geht es wieder los. Sofort nach ihrer Rückkehr sind sie wieder da - die vertrauten Symptome. Das ist ja merkwürdig, denkt sie und sogleich kommt die Bestätigung: Die Kinder hatten wieder WLAN angeschaltet...
Doch Manuela U. scheint kein Einzelfall zu sein. Und mittlerweile nimmt nicht jeder mehr die Segnungen der Technik des 21. Jahrhunderts in Kauf. In einer Nachbargemeinde wird verhindert, dass der vorhandene Mast aufgerüstet wird. Auch bei Manuela U. soll es bald wieder soweit sein. Sie ruft beim Bürgermeister
an, doch der bestätigt nur die Aufrüstung. Das sei schon beschlossene Sache, alle Genehmigungen lägen vor, dass könne man nicht mehr stoppen. Und außerdem sei der Mast ja weit genug weg und überhaupt nicht schädlich. Manuela U ist da anderer Meinung. Sie muss nur aus dem Wohnzimmerfenster schauen, dann sieht sie ihn, den Mast, dessen unsichtbare Wirkung sie einfach nicht vertragen kann.
Und tatsächlich, schon vor Weihnachten wird daran gearbeitet, zwei Monate vor der angekündigten Zeit! Manuela U. versucht jetzt zu retten, was zu retten ist. Zwei Baubiologen haben gemessen und ihr erklärt, wie sie sich schützen kann. Ein spezielles Gewebe ist jetzt auf ihrer Schlafzimmerwand angebracht, dann sollte das Dach isoliert und die alten Fenster gegen neue eingetauscht werden. Dann gibt es spezielle Farben und so weiter… "Man sollte eigentlich die Leute informieren", sagt Manuela U. und sie hat auch gleich bei ihren Freundinnen angefangen. Die waren sehr interessiert und voller Mitgefühl. "Du Arme, dass Du so empfindlich bist", ist die Reaktion. Doch als sie dann von ihren Symptomen spricht, werden die Augen immer größer. Auch einige ihrer Freundinnen leiden unter Schlafstörungen und diffusen Sachen, die sie sich nicht erklären können. Auch sie schieben es auf die Wechseljahre. Doch einige sind nachdenklich geworden und überlegen, die Strahlungen mal messen zu lassen.
Sich Gedanken darüber machen, es ins Bewusstsein nehmen und etwas tun, wenn es schlimm wird - mehr will Manuela U. nicht erreichen. Sie will nicht fanatisch gegen jeden Mobilfunkmast vorgehen, sondern einfach nur sensibilisieren. Und vor allen Dingen sollten Kinderzimmer, Schulen, Kindergärten frei vom E-Smog sein. Manuela U. hat sich in das Thema eingelesen, war viel im Internet und spricht jetzt auch mit anderen Menschen darüber. Ihre Reaktionen reichen von völligem Unverständnis bis hin zum Bedauern, dass sie auf so etwas reagiere. Nur ihre engeren Freundinnen beschäftigt die ganze Geschichte mehr und mehr. Mehr zum Thema in der kommenden "typisch frau".
Barbara Dickmann
