Viele Frauen hören im Alter immer schlechter. Aber gegen die drohende Einsamkeit und Gefahren lässt sich etwas unternehmen. Bild: B. Dickmann
WOW..., was für ein Mann, kann ich nur sagen. Alter? Zwischen vierzig und sechzig? Fast weiße, leicht wellige Haare, (Sonnenbank) gebräunte Haut, dunkle, buschige Augenbrauen, braune Augen und ein Lächeln, dass die Knie weich werden lässt. Keine Frage, dieser Mann hat was - nämlich ein Hörgerät. Und aus der Not macht er eine Tugend. Als Fotomodell wirbt er für ein Hörgerät, dessen Spitzentechnologie es ihm ermöglicht, während des Fotoshootings wieder die leisesten Signaltöne der Fotokamera zu hören und jeden im Studio mühelos zu verstehen... Der Slogan: Hören macht schön. Wenn das so ist, meine Herren, dann lohnt es sich ernsthaft, über diese Investition nachzudenken - egal wie gut oder schlecht Sie hören!
Doch Spaß beiseite, denn schlecht zu hören ist gar nicht witzig. Zuerst merken es die anderen. Die Familie, die Nachbarn, die Freunde... Man fragt ständig nach, dreht den Fernseher zu laut auf und glaubt, dass die ganze Welt auf einmal nuschelt, anstatt einfach nur deutlich zu sprechen. Auch die Vögel scheinen zu verstummen und eine ganz normale Unterhaltung wird zur Qual. Man versteht nur die Hälfte, kann nicht mehr folgen und nicht mehr antworten.
Jeder vierte Jugendliche und jeder dritte Erwachsene in Deutschland leiden unter Schwerhörigkeit. Nach Schätzungen sind
rund 14 Millionen hörgeschädigt, doch nur 2,5 Millionen tragen ein Hörgerät. Warum das so ist, ist leicht verständlich. Ein Hörgerät ist keine Kontaktlinse, ist nicht unsichtbar und gilt im Gegensatz zur Brille als Makel. Ein Hörgerät macht in unserer Gesellschaft nicht schön, sondern alt! Und so mogeln sich Hörgeschädigte lieber ohne Hörhilfe durch den Alltag. Doch der Preis dafür ist hoch. Sie müssen sich unentwegt extrem konzentrieren, um überhaupt etwas zu verstehen. Gelingt das nicht, lächeln sie einfach freundlich oder murmeln etwas Unverständliches und überbrücken so schwierige Situationen. Trotzdem kommt es immer wieder zu Missverständnissen, was alle nervt. Menschen mit gesundem Selbstbewusstsein schaffen auch das, doch andere kapseln sich aus Angst vor missglückten Gesprächen ab und werden immer einsamer. Ja manchmal ist das Nichtverstehen der Auslöser einer schweren Depression.
Hier geht es nicht um eine angeborene Schwerhörigkeit, sondern um die stark verbreitete Altersschwerhörigkeit, über einen schleichenden, langsamen aber kontinuierlich fortschreitenden Prozess, der manchmal einsetzt, bevor wir alt werden. Oft hört frau die tiefen Töne noch einwandfrei, doch sobald eine höhere Stimmlage dazu kommt, stehen sie auf dem Schlauch. Es ist ungefähr so, als wenn sich zwei Menschen in einem anderen Raum unterhalten. Man hört zwar durch die Wand hindurch, doch ohne etwas zu verstehen.
Sollten Sie also das Gefühl haben, dass die Kinder ihrer Familie auf einmal undeutlich sprechen, ist Handeln angesagt und zwar ziemlich schnell. Denn das akustische Gedächtnis hält nicht ewig. Es verliert die Erinnerung an Töne, die lange Zeit nicht wahrgenommen werden. Je später Sie zum Hörgerät greifen, desto schwieriger wird die Anpassung. Ja manchmal kommt es zu einem regelrechten Schock, denn die Töne, die jetzt wieder hörbar sind, wirken aggressiv und überfordern. Also einfach Hörgerät rein und alles ist gut, funktioniert nicht. Doch alles kann gut werden, wenn
die nötige Geduld aufgebracht wird.
Scheuen Sie den Gang zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt, reicht ein einfacher Test in einem Hör-Studio (Betrieb für Hörgeräte-akustik), um festzustellen, ob man tatsächlich schwer hört oder nicht. Das kostet nichts und bringt erst einmal Klarheit. Danach ist der Gang zum Arzt unvermeidlich. Ein Hörgerät ist verschreibungspflichtig und kostet dann nur die übliche Zuzahlung. Doch wen wundert es, dass das "Kassenmodell" nicht gerade dem neuesten Stand der Technik entspricht. Zuzahlungen ab € 400 bis € 2.000 pro "Ohr" bringen einen besseren Klang und lassen Hörgeräte schrumpfen und fast unsichtbar werden. "Nicht sehen können trennt von den Dingen, nicht hören können von den Menschen", sagte der Philosoph Immanuel Kant. Wer immer schlechter hört, bei dem kann auch die Sprache verkümmern. Und wer schlecht hört, bringt sich in Gefahr, überhört vielleicht ein nahendes Auto, verliert die Orientierung und verpasst wichtige Begleitinformationen in zwischenmensch-lichen Beziehungen. Denn oft ist es nicht das Wort allein - der Ton macht die Musik.
Hörschwäche
Alters- und Lärmschwerhörigkeit sind die häufigsten Formen und entstehen durch eine nicht wieder umkehrbare Zerstörung der Hörsinneszellen im Innenohr. Das ist in der Regel ein schleichender Prozess, der sieben bis zehn Jahre dauert, ehe er wahrnehmbar wird. Der Alterungsprozess des Gehörs ist oft das Ergebnis eines Lebens mit viel Lärm, Alkohol, häufigen Infektionen, Mittelohrentzündung, Knall-trauma, Hörsturz, Nikotin und Medi-kamenten. Bei den Berufskrankheiten steht die Lärmschwerhörigkeit an zweiter Stelle. Doch Diskobesuche und Rockkonzerte, langes, lautes Musikhören zu Hause, laute Knalle, können die Zerstörung der Sinneszellen hervorrufen.
Übrigens, bei den Naturvölkern gibt es keine Altersschwerhörigkeit. Studien haben gezeigt, dass 70-jährige Naturvölker genauso gut hören, wie 30-jährige Städter.
Barbara Dickmann
