Pilgern öffnet Augen und Herz

- Ulrich Hinse liest aus seinem Buch "Das Jakobsweg-Komplott" -

Ulrich Hinse erzeugte mit seinen Erlebnissen über den Jakobusweg eine heitere Atmosphäre bei der "typisch frau"- Lesung im Gasthaus "Jägerhaus". Bild: S. Przewolka

Pilgern ist "In" - wer pilgert, lässt den Alltag hinter sich, spürt die ganz besondere Kraft der Natur und stärkt seine inneren Quellen.
Mittwoch, 22. Juli 2009, 18.30 Uhr, im Gasthaus Jägerhaus in Villingen. Der "typisch-frau" -Abend hat schon begonnen bevor er beginnt. Knapp zwanzig Frauen und ein Mann sind im intensiven Gespräch mit Ulrich Hinse, dem Referenten. Ihr Thema: Pilgern, der Jakobsweg, Erfahr-ungen, Geschichten, Begebenheiten und Fragen, Fragen, Fragen. Zwei von ihnen sind sogar aus Stuttgart ins Jägerhaus gepilgert, um in einen spannenden Krimi hineinzuhören, Ulrich Hinse, den ehemaligen Kriminalhauptkommissar und Buchautor wieder zusehen (oder kennen zu lernen) und sich bei einem Glas Wein auszutauschen. Mit einen Satz: Sie wollen ihre inneren Quellen rundherum stärken, wollen mit allen Sinnen genießen.
Um 19.30 Uhr legt Ulrich Hinse los. Er liest aus seinem Buch und erzählt dabei... Irgendwie finde ich die ganze Geschichte ziemlich sonderbar. Da gibt es Menschen, die zu Hause nicht mal die Treppe benutzen um in den ersten Stock zu kommen, die jeden Meter mit dem Auto fahren und sich ein Leben ohne warme Dusche, gemütlicher Couch und Glotze nicht vorstellen können. Und dann sind sie auf einmal weg. Sie werden zu Pilgern, kämpfen um ein Bett im Massenquartier und verarzten ihre wund gelaufenen Füße. Was treibt sie dazu 1,2 Millionen Schritte zu laufen, in brüllender Hitze oder strömendem Regen, dazu noch mit einem Rucksack auf dem Rücken, bergauf, bergab, manchmal auf viel befahrenen Straßen und angekläfft von streunenden Hunden? "Der Jakobsweg macht süchtig", sagt Ulrich Hinse, "er ist etwas ganz anderes als ein normaler Wanderweg." Er verbindet die Menschen und lässt sie nicht mehr los. Der Jakobsweg ist multikulti. Noch zwei Jahre nach seiner ersten Pilgertour hält er den Kontakt zu seinen Pilgerschwestern- und brüdern.
Und irgendwann hat einen der Weg soweit. Man steht einfach da und weint, lässt den Tränen freien Lauf und verliert jedes Zeitgefühl. Einige Zuhörerinnen nicken. Genauso ist es ihnen ergangen. Und doch gibt der Camino jedem etwas anderes, das wird im Gespräch sehr deutlich. "Der Weg stellt jedem nur eine Frage: Wer bist Du?" sagt Harpe Kerkeling, Christian B., weniger berühmt, formuliert es so: " Der Jakobsweg ist wie ein Baum, von seinem klitzekleinen

Eine "typisch frau"- Reiseteilnehmerin zeigt Ulrich Hinse ihre Skizzen. Bild: S. Przewolka

Zweigen geht der Pilger langsam durch die Äste hin zum Stamm. Je näher der Pilger an sein Ziel gelangt, desto mehr Anderen begegnet er, desto mehr taucht er ein, in eine Gemeinschaft von Pilgern. Pilgern weckt Zuversicht. Pilgern öffnet die Augen, öffnet das Herz, lässt tief atmen, befreit die Gedanken, schenkt Rhythmus, beantwortet Fragen und stellt viele neue. Pilgern heißt: Leben spüren".
Ulrich Hinse sagt: "es gibt keinen Direktor, keinen Lehrer, es gibt nur den Pilger. Der Camino lässt uns positiv und offen werden. Er lehrt uns, dass es immer weiter geht im Leben und dass wir auf die Menschen zugehen müssen und nicht darauf warten, dass sie von selbst kommen". Sein Buch ist auch so etwas wie eine Verarbeitung des Erlebten. Denn das Jakobsweg-Komplott (ISBN 978-3-938398-41-8) schildert seine Erlebnisse und die Charakteren seiner Mitpilger, verpackt in eine spannende Kriminalgeschichte. Das passieren mys-teriöse Morde von den Pyrenäen bis Santiago de Compostela. Es geht um das verschwundene Gold der Templer, um das Mysterium des Templerschatzes! Span-nend bis zur vorletzten Seite. Doch die letzte Seite ist ein so wunderschöner Ausklang einer Pilgerfahrt, dass wir sie nebenstehend zitieren.
Genau mit diesem Text endet eine Lesung, eine bunte Mischung aus Unterhaltung, Spannung, Information und tiefen Gesprächen. Die Stimmung ist gelöst, die Atmosphäre voller Harmonie. Keine Frage, der Jakobsweg muss etwas Besonderes sein. Selbst auf die Entfernung von fast 2000 Kilometern verbindet er auf einmal Menschen im fernen Schwarzwald, die sich nie zuvor gesehen haben.

Packliste
Für den Jakobsweg nach Santiago de Compostela: Eine Frage? Können Sie mit so wenig sechs Wochen auskommen:
Für den Rucksack: Großer Regenumhang, Schlafsack, Isomatte,
1 leichter Pullover, 1 Wechselhose mit abknöpfbaren Beinen, 1 kurze, leichte Turnhose (für nachts) 1 Badehose, 2 Unterhosen, 1 dünne Bluse, 2 Paar Wandersocken, 1 Paar feste Plastik-Sandalen, 1 Hut mit breiter Krempe, 1 Halstuch. Wenn Sie diese Frage mit "Ja" beantwortet haben, dann sind Sie der geeignete Pilger.

Wichtige Utensilien
Weiter brauchen Sie noch: Nagelfeile, Kamm, 1 Nähnadel, Zwirn, 1 Pinzette, Heftpflaster, kl. Schere, 1 Mullbinde, 1 Rolle Elastoplast, Kopfschmerz- und Durchfalltabletten, Nasenspray, Sonnen-

schutzmittel, 1 Packung Mineralien-tabletten, Ersatzbrille, Sonnenbrille, Kernseife, Fußbalsam, Wundcreme, Ohrenstöpsel, Mückenstift, Hirschtalgstift, 5 m Schnur (als Wäscheleine verwendbar), 4 Sicherheitsnadeln, 4 Plastikwäsche-klammern, 1 Tasse, 1 Teelöffel, Taschen-messer (mit Korkenzieher usw.), 2 Plastikflaschen à 3/4 l, 1 Rolle Toiletten-papier, 2 Packungen Papiertaschentücher, 2 feste Plastikdosen für kleinere Vorräte, 1 Minitauchsieder, 1 kleines Abtrockentuch, 1 kleine Taschenlampe, Umhängetasche, Wanderführer, Karten, Bleistift, Kugel-schreiber, Radiergummi, Bleistiftanspitzer, Briefpapier, Briefrumschläge, kleines Notizbuch, Wörterbuch, Ausweise, Flugscheine, Leselupe, Pfefferspritze zur Hundeabwehr und gut sechs Wochen Zeit.

Die Leseprobe:
Und so endet das Buch von Ulrich Hinse:
Der einsame Pilger setzte sich seufzend auf den Sockel eines steinernen Kreuzes. Tief im Westen ging der blutrote Sonnenball langsam im Meer unter. Dort, wo Amerika liegen musste. Als der obere Rand der Sonne am Horizont verschwand, glaubte er, für einen Sekundenbruchteil einen grünen Blitz gesehen zu haben. Grün, wie die Farbe der Hoffnung. Er nahm seinen Rucksacke, aus dem er seine Wandersandalen hervorzog, die er immer dann benutzt hatte, wenn die groben Wanderstiefel nass waren oder zu sehr gedrückt hatten, und stellte sie neben sich auf den steinigen Boden. Zögernd löste er die Schuhbänder, zog die Stiefel stöhnend aus, stellte sie auf einen Felsen vor sich, stopfte seine Wandersocken hinein und wartete, bis die letzten Strahlen der Sonne verschwunden waren. Es dauerte nicht lange, bis das Abendrot der tiefen Schwärze der Nacht gewichen war. Jetzt, als nur noch der helle Lichtfinger des Leuchtturms gelegentlich durch die Nacht streifte, übergoss er seine Stiefel mit dem in Finstere gekauften Grillanzünder und zündete sie an. Ein wenig wehmütig schaute er zu, wie die Flamme an den Schuhen, die ihn treu die fast 800 Kilometer bis hierher getragen hatten, hoch züngelte. Als sie lichterloh brannten, setzte er sich und starrte in die Flamme auf dem Felsen unter dem Kreuz am Ende der Welt. Als sie erlosch, erhob sich der Pilger. Das war es also, was vom Leben mit seinen Freuden und Anstrengungen geblieben war. Ein kleines Häufchen Asche, das der aufkommende Wind leise aufs Meer hinaus blies. Versonnen schaute er der kleinen Staubfahne hinterher, wie sie sich im Dunkel der Nacht über dem Meer verlor. Mit einer energischen Bewegung, als ob er sich selbst in die Realität zurückholen wollte, stand er auf, schnallte seinen Rucksack auf den Rücken, nahm die Wanderstöcke in die Hand und ging so kraftvoll, wie es seine Sandalen zuließen, zurück in die Nacht. Zurück nach Osten. Zurück nach Hause. Dorthin, wo er hingehörte. Er wusste, seine Frau würde sich freuen, ihn zu sehen und vielleicht freute sie sich auch über das, was er erzählen konnte. (Quelle: Das Jakobsweg-Komplott).

Barbara Dickmann