In den Klöstern schlummern Schätze von Kenntnissen.
Klöster sind mehr als nur Orte der Stille und des Gebets. Sie sind Orte der Gelehrsamkeit, in denen wahre Schätze an natur- und heilkundlichen Kenntnissen schlummern. In den klosterärztlichen Schriftensammlungen findet man Einblicke in die Prinzipien der richtigen Lebensführung, mittlerweile über 1500 Jahre alt und oft genug aktuell wie noch nie. Birgit Frohn, Diplom-Biologin und Wissenschaftsjournalistin und Autorin hat diese Schätze ausgegraben und in einem Buch zusammengefasst. "Kloster-medizin" (ISBN 978-3-89836-600-7) liefert neben geschichtlichem einen Querschnitt durch klösterliche Küche, Klostermedizin (wir berichteten bereits) und den klösterlichen Heilpflanzen. Hier einige Beispiele aus ihrem Buch, die auch heute noch Anwendung finden.
Im Garten der Gesundheit anno 500 spielt schon Johanniskraut (Hypericum perforatum L.) eine große Rolle. Der strahlenförmigen Blütenstände wegen steht Johanniskraut für Helligkeit, Licht und die Kraft des Himmels und gegen die Mächte der Finsternis. Teufel und böse Geister werden mittels Johanniskraut gebannt. Schon früh wird sie als Arzneimittel gegen psychische Erkrankungen eingesetzt, sind doch psychisch Kranke vom Teufel besessen, den es zu vertreiben gilt. Seinen Namen verdankt das Johanniskraut Johannes dem Täufer. Der Legende nach fließt das Blut des für seinen christlichen Glauben geköpften Märtyrers in den gelben Blüten des Johanniskrauts. Zerreibt man sie zwischen den Fingern, tritt ein dunkelroter Saft aus, deshalb hat Johanniskraut auch den Beinamen "Johannisblut". Wie richtig die Klosterärzte schon damals lagen, ist heute wissenschaftlich belegt. Aufgrund seiner Wirkstoffe hilft Johanniskraut bei depressiven Störungen, ist gut verträglich und hat wenig Nebenwirkungen. Trocken-
extrakte aus Johanniskraut sind heute bei psychovegetativen Störungen, depressiven Verstimmungszuständen, Angst und/oder nervöser Unruhe zugelassen. Johanniskrautöl ist ein gutes Hausmittel zur Einreibung bei Prellungen, Verstauchungen und Zerrungen. Innerlich 2mal täglich 1 Teelöffel, bewährt es sich als leicht galletreibendes Mittel und zur Beruhigung eines nervös überreizten Magens. Hier die Herstellung: Man nehme Johanniskraut, dessen Blüten gerade aufgegangen sind, für 1/2 l Öl 25 g. Blüten. Die frischen Blüten werden zerquetscht oder in einem Mörser zerstoßen und etwas zerrieben. Dann 500 ml Olivenöl zusetzen, mischen und in eine große Weißglasflasche mit weitem Hals füllen, die unverschlossen bleibt. An einem warmen Ort unter gelegentlichem Umrühren gären lassen, was in der Regel drei bis fünf Tage dauert. Dann die Flasche verschließen und so lange dem Sonnenlicht aussetzen, bis der Inhalt eine leuchtend rote Farbe angenommen hat, was ungefähr sechs Wochen dauert. Die Blüten danach abseien, das Öl von der wässrigen Schicht abgießen und in gut schließenden Flaschen aufbewahren.
Dass die Eiche die "Königin der Bäume" ist, bleibt unbestritten. Doch deren kultische Verehrung geht wahrscheinlich bis in die Steinzeit zurück. In den Zweigen der Eiche vermutete man die Wohnstätten der Götter und unter Eichenzweigen wurde geweissagt und Gericht gesprochen. Doch wussten Sie, dass der Eiche besondere Heilkräfte nachgesagt werden? In der Klostermedizin werden Eicheln und Eichenrinde gegen Vergiftungen und Unterleibsbeschwerden empfohlen. Die mittelalterlichen Rezeptsammlungen nennen Eichenblatt, Eichenmistel, Eicheln, Eichengallapfel an vielen Stellen meist bei Erkrankungen, für die eine zusammenziehende Wirkung erwünscht ist. So beispielsweise bei der "Fäulnis des Mundes, der Zunge und des Gaumens sowie zur Behandlung von Zahnfleisch, welches vom Leibessaft zerfressen wird".
Heute wird Eichenrindentee vom Bundesgesundheitsamt bei Infektionen im Mund- und Rachenraum, gegen Durchfall, bei Fußschweiß, Anal- und Afterfissuren und Frostbeulen empfohlen. Hier die Rezepte: Für Bäder mit einem Eichenrindeauszug nimmt man 1 bis 2 Teelöffel geschnittene Eichenrinde und übergießt sie mit 1/4 l kaltem Wasser. Den
Ansatz zum Sieden erhitzen, etwa drei bis fünf Minuten kochen lassen, abseihen und lauwarm dem Badewasser zugeben. Eichenrindentee wird genauso hergestellt. Bei Durchfall zwei Tassen pro Tag trinken. Zum Gurgeln: Etwa alle drei Stunden.
Als letztes eine Pflanze, die "Mönchspfeffer" oder "Agnus castus", was zu Deutsch das keusche Lamm, oder Keuschlamm heißt. Schon der Name verrät, dass die Pflanze nicht nur in der Heilkunde eine besondere Bedeutung hat. In der Antike sollte es die Keuschheit eines Lamms verleihen. So nutzten die Frauen den Mönchspfeffer auf den alljährlichen Festen zu Ehren der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter, um während der Feierlichkeiten den geschlechtlichen Begierden zu entsagen. Novizen wurden Keusch-lammblätter auf ihrem Weg ins Kloster gestreut und in der medizinischen Literatur des Spätmittelalters finden sich ganz konkrete Anweisungen, wie der Mönchspfeffer anzuwenden ist, um gegen fleischliche Begierden gefeit zu sein.
Doch die Klostermediziner verordneten Mönchspfeffer auch bei Kopfschmerzen, Milz- und Wassersucht und vor allem zur Förderung des Milchflusses, gegen Menstruationsbeschwerden und Erkrankungen der Gebärmutter. Denn das Keuschlamm war über viele Jahrhunderte hinweg immer auch Symbol des Fraulichen und Mütterlichen gewesen. Die Anwendung bei Frauenleiden ist bis heute erhalten geblieben. Präparate mit Extrakten aus den Früchten des Mönchspfeffers werden auch heute bei prämenstruellen Beschwerden und bei Zyklusstörungen eingesetzt.
"Medizin ist eine Wissenschaft, die auf Erfahrung beruht", sagt Birgit Frohn in ihrem Vorwort. Heilmittel und Therapien, die sich bewährten, wurden immer wieder angewendet - auf den empirischen Erkenntnissen der Antike gründet die Klostermedizin. Bei allem Wohlwollen kann sie nicht einfach vorbehaltlos übernommen werden, denn sie stammt aus einer Epoche, in der andere Denkweisen gültig waren. Auf der anderen Seite können wir heute keinen Alleinanspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben, denn vielleicht wird das, was wir heute als gesicherte Tatsachen annehmen, schon von der nächsten Generation als Irrtum erkannt werden.
Barbara Dickmann
