Auch ein bisschen Klostermedizin: Auf den Spuren der heimischen Heilpflanzen mit Betty Sobiech und sechzig "typisch frau"- Leserinnen und Lesern
Anno 480, in der Nähe von Spoleto im umbrischen Norcia, kommt Benedikt von Nursia als Spross einer wohlhabenden Patrizierfamilie auf die Welt. Als junger Mann zieht es ihn nach Rom, um dort zu studieren. Doch Benedikt fühlt sich dort nicht wohl. Das Leben ist ihm zu freizügig. Er wird zum Asketen, reduziert seine Bedürfnisse, zieht sich in eine Höhle zurück und lebt als Eremit. Jahre später sucht er wieder die Gemeinschaft Gleichgesinnter. Mit einer kleinen Anhängerschaft gründet er nach langer Wanderschaft auf dem zwischen Rom und Neapel gelegenen Montecassino sein Kloster. Und damit beginnt, irgendwann anno 529 das westliche Mönchtum und zugleich die Klostermedizin.
Benedikts Charisma und die Lebensweise der kleinen Mönchsgemeinde spricht die Menschen an. Die Bruderschaft wächst rasch und der benediktinische Stammorden erreicht eine Größe, die unüberschaubar zu werden droht. Um sie zu koordinieren und zusammenzuhalten, entwirft Benedikt eine eigene Hausordnung, die ihn unvergessen macht: die Regula Benedicti. Am 21. März 547 stirbt Benedikt, der Legende nach mit zum Himmel erhobenen Armen. Am 24. Oktober 1964 wird er aufgrund eines päpstlichen Edikts zum Schutzpatron Europas und als Botschafter des Friedens und Lehrmeister der Zivilisation erklärt.
Die Regula ist weit mehr als eine klösterliche Hausordnung. Die Sorge für die Seele und für den Körper sind Dreh- und Angelpunkte klösterlichen Denkens und Lebens. Doch die Sorge für die Kranken und Schwachen steht über allem. Klösterliche Heilkunde, Klostermedizin, medizinische und soziale Vorsorge sind zentrale Inhalte. Zur Spitalanlage eines Klosters gehören bald Apotheke, Ärztehaus, Haus für Aderlass, Einlauf und andere ambulante Behandlungen. Ebenso ein Badehaus, ein Schlafraum für Schwerstkranke - eine Art Intensiv- oder Wachstation, eigene Wohnungen für den Spitalvorsteher und leitenden Arzt, die Marienkapelle (Kirche für die Kranken) und ein großzügiger Heilkräutergarten. In 16 Beeten werden genau vorgeschriebene Heilkräuter angebaut, daneben ein Gemüse- und Obstgarten, der auch heilenden Zwecken dient. Ein freistehendes Bade- und Küchenhaus vervollständigt die Spitalanlage.
Die Sorge für Not leidende Menschen vereint nach dem Willen Benedikts viele verschiedene Aspekte. Sie sind Zufluchtsstätten für psychisch, physisch wie sozial Hinfällige, für Kranke, Aussätzige, Krüppel und Blinde ebenso wie für Waisen und Witwen, Arme und Hungrige. Das ist absolutes Neuland. Derartige Institutionen hat es bis dahin nicht gegeben. Benedikt ist für die geistliche Motivation klösterliche Heilkunde zuständig. Für ihn sind Nächstenliebe und Pflege der Kranken der Mittelpunkt. Den wissenschaftlichen Impuls geben der römische Politiker und Schriftsteller Cassiodor (um 490 bis 583) und Isidor, Bischof von Sevilla (um 570 bis 636).
Sie sind die Praktiker und setzen auf das Studium der Medizin. Beides zusammen wird die perfekte Symbiose.
Karl der Große macht die Klöster endgültig zu Zentren medizinischer Bildung und die Klostermedizin wird eigenständig. Und doch hat die Klostermedizin einen schweren Stand. Stehen sie doch in Konkurrenz mit Aberglauben, Amuletten und Zaubermitteln und können auch gegen die ersten Pestepidemien nichts ausrichten.
Im frühen 12. Jahrhundert wird den Ordensangehörigen die Ausübung jeglicher ärztlicher Tätigkeit untersagt, trotzdem existiert die Klostermedizin in der Praxis weiter. Bis zum Jahr 1803, in dem die Säkularisation, die Übernahme kirchlicher Besitz- und Herrschaftsrechte durch den Staat dem medizinischen Wirken in den Klöstern endgültig ein Ende setzt.
Medizin und Religion können auf eine lange gemeinsame Vergangenheit zurückblicken. Denn wer den Spuren der medizinischen Entwicklung folgt, dem begegnen zahllose Tempel und Klöster. Von so manchem, was einst in den Kesseln, Phiolen und Destillierkolben der Klostermediziner kreiert wurde, profitieren Ärzte und Patienten noch heute. Wenn auch das Vermächtnis der Klosterärzte heute etwas seltsam klingen mag, so lässt sich vieles nachvollziehen. Kam ein Kranker anno 900 mit Unterschenkelgeschwüren an den Schienbeinen, so wurde er mit folgender Rezeptur behandelt: ,,Man reibt Schimmel von trockenem Käse und etwas weicheren Schafdung zu gleichen Teilen und gibt ein klein wenig Honig hinzu. Es heilt innerhalb von 20 Tagen." Bei genauerem Hinsehen ergibt sich folgendes: Der Schimmel von Käse könnte antibiotische Wirkung haben (Penicillin wurde erstmals aus Schimmel bildenden Pinselpilzen isoliert), verstärkt durch die im Schafmist tummelnden Bakterien. Und Honig war bereits bei den alten Ägyptern als Wundheilmittel bekannt.
Sei freundlich zu deinem Leibe, es ist wichtiger Krankheiten zu verhüten, als zu heilen, ist bereits die oberste Maxime der hippokratischen Lehren und eine Anschauung, die schon damals ärztliches Handeln bestimmt. Der bewusste Umgang mit Umwelt, Essen und Trinken, Ausgewogenheit von Bewegung und Ruhe, Wachen und Schlafen, Beachtung aller Ausscheidungen des Organismus und Aufmerksamkeit gegenüber Emotionen,
Vernunft in allen Lebensbereichen zur Stärkung der Selbstheilungskräfte, ist die Botschaft der Klostermedizin. Heute so aktuell wie noch nie.
Zur Kunst der behutsamen Lebensführung haben sich auch die Heilkundigen der Klöster verpflichtet. Neben der Heilpflanzentherapie war sie die zweite Säule der Klostermedizin. Da das Seelenheil stets oberste Priorität hat, ist es selbstverständlich mit dem Körper verantwortungsvoll umzugehen. Denn "sei freundlich zu deinem Leib, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen."
Was hinter den mittelalterlichen Klostermauern gegessen wurde und was wir heute noch aus der Klostermedizin anwenden können, berichten wir in loser Folge. Wer nicht so lange warten will, hier das Buch zum Thema: Klostermedizin von Birgit Frohn ISBN 978-3-89836-600-7.
Aus dem klösterlichen Speisezettel:
Die Kost in den Klöstern war überwiegend vegetarisch. Gemüse, Salate und Kräuter dominierten. Täglich gab es Vitamine, Mineralstoffe und wertvolle Pflanzenstoffe in Hülle und Fülle. Frisches Obst gab es als Nachtisch oder zum Abendessen, neben rohen Kräutern und Salaten, angemacht mit Essig und Öl zum Brot.
Sehr beliebt war die Sauerampfersuppe. Man nehme: 2 Handvoll Sauerampfer,
1 Zwiebel, fein gehackt, 2 Esslöffel Butter, 100 g Dinkelmehl, 1 1/4l Fleischbrühe,
1 Messerspitze Muskat, Salz, Pfeffer,125g Sahne, 1 Eigelb. Die frischen Blätter des Sauerampfer klein hacken und zusammen mit der gehackten Zwiebel in Butter andünsten. Langsam das Dinkelmehl unterrühren und zu einer goldgelben Schwitze verarbeiten. Nach und nach Fleischbrühe angießen und etwa 15 Minuten bei geringer Hitze köcheln lassen.
Und wenn Sie mutig etwas Neues ausprobieren wollen - hier das Rezept für einen Kastanienauflauf. Man nehme:
250g Kastanien, 1/4l Milch, 1 Päckchen Vanillezucker, 30g Butter, 45g Zucker,
1/4 süße Sahne oder Milch, 5 Eigelb,
5 Eiweiß, zu Eischnee geschlagen, 10g Butter für die Form. Die Kastanien quer einschneiden, mit Wasser bedeckt aufsetzen, salzen, zum Kochen bringen und 10 Minuten kochen, abgießen und schälen; dabei auch das braune Häutchen abziehen. In der Milch ca. 40 Minuten weich kochen und durch ein Sieb drücken. In einen Topf Milch oder Sahne mit Vanillezucker und Butter erhitzen. Den Kastanienbrei und den Zucker hinzufügen und zu einem dicken Mus kochen. Die Masse abkühlen lassen, nach und nach die Eigelbe zugießen. Den Eischnee unter die Kastanienmasse heben und alles in eine gefettete Auflaufform füllen. Bei mittlerer Hitze etwa 30 bis 35 Minuten backen. (Quelle: Klostermedizin ISBN 978-3-89836-600-7).ck
Barbara Dickmann
