Kräftig zubeißen und am Knochen nagen - das ist auch heute noch typisch männlich. Bild: www.photocase.com
Nahrung heranzuschaffen, war früher eine harte Angelegenheit. Tag für Tag gingen die Männer auf die Jagd, riskierten ihr Leben für Weib und Kind und kehrten müde mit ihrer Beute zurück - während die Frauen damit beschäftigt waren, Früchte, Nüsse und essbare Pflanzen zu sammeln. Abends wurde dann geteilt - die Männer gaben etwas von ihrem Fleisch ab und die Frauen etwas von ihren Früchten und Nüssen. Doch schon damals, bei unseren Vorfahren, war die Aufteilung klar - Mann = viel Fleisch und wenig Früchte, Frau = viel Früchte und Pflanzen und wenig Fleisch. Und heute?
Salat mit Garnelen oder lieber doch die Gemüseplatte mit Putenbrust? Trinke ich ein Mineralwasser oder soll ich mir einen trockenen Weißwein gönnen? Während Sie noch genau überlegen und die Speisekarte hin und herblättern, hoch und wieder runter lesen, ist seine Entscheidung schon längst gefallen. Schnitzel mit Pommes und Weizenbier. Sie essen langsam, pieksen sorgfältig Salatblatt für Salatblatt auf, doch sein Teller ist nach zehn Minuten leer. Ein Espresso zum Abschluss wäre nicht schlecht - doch Ihr Intensivsozialpartner will ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte und danach einen Schnaps. So, das hat geschmeckt, er ist zufrieden und satt. Ob das Essen zu fettig oder zu kalorienreich war, interessiert ihn überhaupt nicht.
Doch Sie haben die ganze Geschichte im Griff. Wissen genau wie viel Kohlehydrate, Fette und Nährstoffe Sie gerade verdrückt haben und denken ständig darüber nach, wie Sie ihm wohl den leckeren Gemüseauflauf mit Getreidebratlingen unterjubeln können, ohne dass er gleich Reißaus nimmt.
Nicole Battenfeld, Ernährungswissen-schaftlerin von der Techniker Krankenkasse hat sich mit dem Thema - mann isst anders, frau auch - beschäftigt. ,,Das kräftige Zubeißen in eine fette Haxe
Nicole Battenfeld, Ernährungswissenschaft-lerin aus Stuttgart
oder ein großer Schluck direkt aus der Bierflasche sind Verhaltensweisen, die die Männlichkeit unterstreichen. Besonders ältere Männer sehen außerdem Rüben, Karotten oder Mais immer noch als Viehfutter an", berichtet sie. Wer hart arbeitet, braucht ein ordentliches Stück Fleisch auf den Teller um bei Kräften zu bleiben. Ein Gerücht, das sich hartnäckig hält. Keine Frage - von unserem Urinstinkt leben wir immer noch auf den Bäumen und Fleisch ist männlich. Es ist wie kein anderes Nahrungsmittel herausragendes Symbol für Männlichkeit, umgeben von einer Aura in der sich Macht, Stärke und Potenz zu einer magischen Einheit verbinden. Ein richtiger Mann muss kräftig zubeißen, er braucht eine sättigende, deftige und stark gewürzte Kost. Mild und leicht ist wie lau und labberig - also etwas für Frauen, Kinder, Alte und Kranke. Fleisch ist animalische Lebenskraft. Ein Stück Fleisch bedeutete früher das Ende einer erfolgreichen Jagd, aus der der Mann als Sieger hervorgegangen ist - als Herrscher über die Natur. Zugegeben, das kann auch der schönste Salatteller nicht bieten. Und dieses phrähistorische Verhalten: Viel Fleisch für Ihn und viel Salat für Sie, scheint bis heute noch in uns drin zu sein.
Und doch ist im Laufe der Jahrtausende die ein oder andere Schwäche beim schwachen Geschlecht hinzugekommen. Oder gab es die vielleicht auch schon bei unseren Ahnen? Waren es Frauen, die auf die Idee kamen, den Bienen den Honig zu stibitzen? Denn, ,,eine weibliche Domäne ist nach wie vor das ,,Kaffeekränzchen", also der Drang nach Süßem", berichtet Nicole Battenfeld. Hier kommt eindeutig
unser Schwachpunkt zutage, der Hüften und Oberschenkel anschwellen lässt: Die Vorliebe vieler Frauen für Zuckriges und Sahniges. Auch wenn wir leidenschaftlich im Salat picken, der süßen Verführung können wir selten widerstehen.
In unserem Leben ist die Ernährung oft ein zweischneidiges Schwert. Das weibliche Essverhalten ist zwanghaft und kontrolliert. Wir sind unzufrieden mit unserem Körper und verzichten um schlank zu bleiben. Kontrolle anstatt lustvolles Essen, unterbrochen von Fressanfällen. Für Männer dagegen ist ein gutes Essen eine Quelle der Lust und Befriedigung. Vor allem junge Männer lassen für eine leckere Mahlzeit alles stehen und liegen und fühlen sich danach besonders kräftig, fit und zufrieden.
Fazit der Ernährungswissenschaftlerin: ,,Wir können voneinander lernen. Frauen sollten wieder mehr Freude am Essen gewinnen, während Männer in der Auswahl offener und gesundheits-bewusster werden sollten." Und dann sieht die Sache so aus: Er bestellt sich Schnitzel mit Salat, bemüht sich nicht schneller zu essen als Sie, und zum Nachtisch füttern Sie sich gegenseitig genüsslich mit Eis und heißen Himbeeren. Und nur Mineralwasser statt Weizenbier und Wein? Man muss ja nicht gleich mit dem gesunden Essen und Trinken übertreiben!
Nur jeder fünfte Vegetarier in Deutschland ist ein Mann. 65 Prozent der deutschen Männer sind übergewichtig gegenüber 55 Prozent der Frauen. Verschiedene Untersuchungen belegen, dass Frauen meist über mehr Ernährungswissen verfügen und eine gesunde Ernährung insgesamt positiver bewerten. Der Grund ist nicht gesünder zu sein, sondern das Streben nach Attraktivität. Frauen benutzen ihr Gesundheits-bewusstsein dazu, ihren Körper nach dem gängigen Schlankheitsideal zu formen. Ihr Essverhalten verkehrt sich dann nicht selten in sein Gegenteil, nämlich restriktiven, überkontrollierten Ernährungs-stil bis hin zu Essstörungen, wie Bulimie oder Magersucht. Doch der Druck auf die Männer, ihren Körper im Sinne gängiger Jugend- und Schönheitsideale zu manipulieren, wächst und zunehmend junge Männer leiden an Essstörungen. (Quelle, teilweise Deutsche Gesellschaft für Ernährung). ck
Barbara Dickmann
