Der sechste Sinn

- Warum wir immer den richtigen Riecher haben -

Manchmal ist sie klein und spitz - manchmal lang und dick. Mal ist sie wohlgeformt und mal ziert sie ein kleiner Höcker. Doch egal ob wir ein schönes Essen genießen, einen Waldspaziergang machen oder einen anderen Menschen kennen lernen - immer hat sie ein entscheidendes Wörtchen mitzureden. Und ihre Meinung zeigt sie sehr deutlich. Denn wenn ihnen das Essen nicht schmeckt, oder ihr neuer Arbeitskollege ihnen einfach nicht liegt, dann ziehen Sie nicht nur die Stirn kraus, sondern rümpfen auch noch ihre Nase. Sie können ihn einfach nicht riechen und das stimmt im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die Nase ist nicht nur ein Luxusorgan für die schönen Dinge im Leben, sie ist eines unserer stärksten Sinne mit kaum vorstellbaren Fähigkeiten für die unterschiedlichsten Lebensbereiche. Stimmt die Chemie zwischen zwei Personen nicht, läuft gar nichts - weder in der sexuellen Attraktivität noch im sozialen Miteinander. Schon unmittelbar nach der Geburt nimmt ein Säugling den Geruch der Mutter auf und die Mutter den Geruch ihres Babys und verstärkt so die emotionale Bindung, die ein Leben lang hält.
Jeder Mensch hat seinen ureigenen Körpergeruch, der uns entweder anmacht oder nicht, denn unsere Partnerwahl ist sehr stark von der Beschaffenheit der hormonellen Düfte unseres Gegenübers abhängig. Denn die Nase steht in direkter Verbindung zum limbischen System des Gehirns. Das ist das älteste Zentrum überhaupt und ist für die Entstehung von Gefühlen, Triebverhalten und die Bildung bestimmter Hormone verantwortlich. Jede Wahrnehmung von Gerüchen verursacht dort auch bestimmte Reaktionen. Je nachdem was für eine Art Duftsignal das Gehirn empfängt, kann das Widerwillen, Angst, Hunger, nostalgische Gefühle oder den Wunsch nach Sexualität auslösen. Denn wenn wir auf Wolken schweben, oder alles durch die rosarote Brille der Verliebtheit wahrnehmen, liegt das ganz stark an den hormonellen Düften unseres Gegenübers. Mit anderen Worten: Wir können gar nichts dazu, wenn es uns erwischt, denn die Nase ist unser heimlicher Verführer. Und wir Frauen haben sogar den besseren Riecher . Wir reagieren wesentlich sensibler auf Gerüche und schnuppern wesentlich intensiver an den potentiellen Vätern unserer Kinder. Erklärt wird das durch die höhere Konzentration des Hormons Östrogen, die uns die Evolution auch deshalb mitgegeben hat, damit wir nicht nur genau hinschauen, sondern auch noch gründlicher schnuppern, da wir schließlich die Hauptlast der Verantwortung für die Fortpflanzung tragen.
Es wird sogar behauptet, dass unsere Nasen so sensibel sind, dass wir sogar noch nicht ausgebrochene Krankheiten eines potentiellen Vaters unserer Kinder schon beim ersten Kontakt am Geruch feststellen können. Zumindest klappt das bei Mäuseweibchen. Sie reagierten bei

einem entsprechenden Test mit Desinteresse und Widerwillen auf infizierte Mäusemännchen, obwohl sich noch keinerlei Symptome zeigten.
Liebe geht also nicht nur durch den Magen, sondern auch durch die Nase. Instinktiv lassen wir uns verführen vom ganz persönlichen Duft, von besonderen Sexuallockstoffen, sogenannte Pheromone, die der Körper bei Erregung in rauen Mengen ausschüttet und Mensch wie Tier völlig kirre machen. So lockt die Schmetterlingsdame paarungswillige Männchen noch aus dem Umkreis von Kilometern an, bezirzt der Eber die Sau und lässt den Rüden wunde Pfoten laufen um zu seiner auserwählten vierbeinigen sexuell bereiten Schönheit zu kommen.
Übrigens, Pheromone, diese herrlichen Duftstoffe, wirken sich positiv auf unseren Hormonhaushalt aus, bescheren eine leichtere Periode und schönere, schwächere Wechseljahre. Sollten Sie ihren Mann gestern nicht beschnuppert haben, tun Sie es heute - unbedingt. Und sollte ein leichter Schweißgeruch Sie stören - einfach ignorieren! Der Gesundheit zuliebe und mit dem Bewusstsein, dass das noch gar nichts ist, denn die feurigen Griechen zum Beispiel bringen bei ihren Volkstänzen ihre Partnerinnen in Ekstase indem sie ihnen Schweiß getränkte Taschentücher unter die Nase halten!
Andere Länder - andere Sitten! Doch Düfte prägen auch und lassen Erinnerungen wach werden. Selbst ältere Menschen mit Gedächtnis- Störungen können durch ein bestimmtes Parfüm an eine Freundin erinnert werden, oder an die Weihnachtszeit, wenn sie den Duft von Plätzchen riechen.
Der Geruchssinn wird von einem sehr primitiven und alten Teil unseres Gehirns kontrolliert und ist visuellen Erinnerungen deutlich überlegen. Denn während diese nach drei Monaten um 50 % an Intensität nachlassen, haben Erinnerungen, die mit Gerüchen in Verbindung stehen, aber noch nach einem Jahr nur um 20 % ihrer Intensität nachgelassen. Die Nase kann auch helfen, Krankheiten zu erkennen, denn manche Ärzte haben sogar den richtigen Riecher und besitzen die Fähigkeit, Krankheiten ihrer Patienten bereits am Geruch zu erkennen. So ist der typische Geruch von Diabetes eher süßlich, Masern erinnern an frisch gerupfte Federn und eine Störung der Nieren riecht ammoniakähnlich. Aromen und ätherischen Ölen werden entspannende, ja sogar heilende Wirkung nachgesagt, die mittlerweile auch - zumindest teilweise - unter Laborbedingungen getestet und bestätigt wurden. Selbst Skeptiker geben heute zu, dass Lavendel eine beruhigende Wirkung hat. Eine alte Volksweisheit empfiehlt, unruhigen Geistern ein mit Lavendel gefülltes Leinensäckchen unter das Kopfkissen zu legen. Im Institut für Pharmazeutische Chemie in Wien verkrochen sich selbst die Mäuse in eine Käfigecke und dösten, nachdem sie

Lavendel schnuppern mussten, während ihre Lavendel freien Kollegen munter herumliefen. Selbst eine vorher verabreichte Koffeindosis konnte die Lavendel-Mäuse nicht beeindrucken, sie wollten lieber schlafen.
Ganz anders wirkt Pfefferminzgeruch. Forscher der Universität von Cincinnati ließen Testpersonen vierzig Minuten lang am Computer schwierige Reaktions-aufgaben lösen. Einige erhielten mit Pfefferminz-Duftstoffen angereicherte Luft und waren durchweg um zwanzig Prozent leistungsfähiger als die übrigen Testpersonen, die nur reine Luft atmen konnten. Apfel und Seegras sollen die ungewöhnliche Fähigkeit besitzen, bei manchen Menschen Angstzustände zu blockieren und zusätzlich eine Blutdruck senkende Wirkung haben. Also greifen Sie ruhig zu, suchen Sie sich ihr Duftwässerchen aus und geben ein paar Tropfen in ihr Aromalämpchen. Wenn es gut riecht, wenn Sie sich damit wohl fühlen, können Sie überhaupt nichts verkehrt machen, denn ihre Nase lügt nie und erkennt mit untrüglichem Instinkt, was ihnen gut tut oder nicht - egal ob es ein Duft ist oder ein Mann(zumindest in dem Augenblick).

- Wenn der Riecher nicht mehr funktioniert, schmeckt alles fad -

In dem Nasendach sitzen die Riechzellen, die ganz spezifisch auf etwa 350 verschiedene Gerüche reagieren. Kein Vergleich zu unseren vierbeinigen Freunden, die mit ihren Nasen ungefähr 1000 Düfte unterscheiden können. Doch ohne Nase schmeckt das auch Essen fad. Richtiges Schmecken und Riechen sind auch von dem Fühlnerv in Nase und Mund abhängig, denn sonst würde das Aroma des Essens sich lediglich auf die vier Geschmacksrichtungen süß, salzig, sauer und bitter beschränken. Schokolade schmeckt dann nur noch süß, das typische Aroma fehlt und all die feinen Nuancen, die das Essen erst ausmachen. Menschen mit Riechstörungen leiden häufig unter Depressionen, weil einfach nichts mehr schmeckt. Ab dem 60. Lebensjahr lässt das Riechvermögen etwas nach und auch das Rauchen ist nicht gerade förderlich. Bei einem teilweisen Riechverlust werden Gerüche, die früher als angenehm empfunden wurden, plötzlich als unangenehm wahrgenommen. Feuchte Nasen sind nicht nur bei Hunden gesund, auch unsere Nasen lieben feuchte Luft und gut gelüftete Räume. Trockene Schleimhäute (zum Beispiel durch Heizungsluft) erhöhen die Anfälligkeit gegenüber Krankheitserregern. Feuchte Schleimhäute helfen, dass Geruchssinn und Immunabwehr intakt bleiben, der Frühlingsflirt zum Erfolg wird, das Essen so richtig schmeckt und ein wichtiges Alarmsystem im Körper anzeigen kann, wenn irgend etwas stinkt und uns nicht gut tut.


Barbara Dickmann