Michael Peuser mit einer Zuhörerin bei seinem Vortrag in Triberg.
Der große Saal im Kurhaus von Triberg ist halbvoll, wenn man es positiv sehen will. Völlig unverständlich für den Veranstalter, eine Firma, die Aloe Vera-Produkte vertreibt, denn der Referent des Abends ist eine Kapazität auf seinen Gebiet. Er heißt Michael Peuser, arbeitet seit über vierzig Jahren in Brasilien, ist Erfinder mit Patenten in über 30 Ländern, Staatspreisträger in Brasilien und Träger des Bundesverdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland. Sein Thema: „Aloe Vera, Kaiserin der Heilpflanzen und Quelle für Vitalität und Gesundheit.“ Denn für Michael Peuser ist diese Pflanze, mit den dicken, fleischigen Blättern, das beste Heilmittel der Natur. Nicht nur seit Menschheitsgedenken für Heilzwecke im Einsatz, sondern auch mit über 4.000 wissenschaftlichen und medizinischen Forschungsarbeiten unglaublich erforscht. Und jetzt wird es kompliziert, denn es gibt Aloe gleich zweimal. Michael Peuser spricht von der „Aloe Vera Barbadensis Miller“, dessen Blätter ein saftiges, farbloses Gel enthalten, das möglichst naturbelassen als Basis für ein Vitalgetränk der besonderen Art dient. Wichtig: Dieses Gel enthält kein Aloin.
Und dann gibt es „Aloe“-Produkte, die aus einem gelbbraunen, schwach aloinhaltigen Saft bestehen, der nicht in den Blättern ist, sondern aus ihnen tropft.
Er wird gesammelt, erhitzt, gekocht, eingedickt ... und am Ende kommt ein braunschwarzes Kristall heraus, das bis heute als Medikament eingestuft wird und dessen Wirkung ziemlich umstritten ist. Warum? Wegen der Droge „Aloin“. Michael Peusers Schlussfolgerung: „Die historisch verwendeten Produkte aus erhitzter und denaturierter „Aloe (Aloe-Kristalle) haben zahlreiche Nebenwirkungen, sind völlig überholt und sollten daher gemieden werden.“ Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studentin des Instituts für Pharmazie und Lebensmittelchemie der Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg in ihrer 46-Seiten langen Seminararbeit aus den Jahren 2004/2005 .
Zurück zum Aloe-Gel ohne Aloin , gewonnen lediglich aus dem Blattinneren und möglichst naturbelassen! Hier gibt es nach Michael Peuser nur gute Erfahrungen. Laut Stiftung Warentest, die sich in 2003 speziell mit Pflegeprodukten aus Aloe Vera befasste, gab es bereits in den 50er Jahren erste wissenschaftliche Studien, die eine mögliche Feuchtigkeitsanreicherung der Haut durch Aloe Vera bestätigen. Doch ob und wie viel hänge ganz von der Konzentration und Qualität dieser Pflanzenzusätze ab. In Cremes und Körperlotion können Aloe-Vera-Bestandteile mehr ausrichten, weil sie in die Haut einziehen. Wobei für alle ausspülbaren Kosmetika wie Duschgel oder Shampoo keine zusätzliche Wirkung zu erwarten sei. Das Gel unmittelbar aus dem Blatt direkt angewendet (siehe nebenstehenden Bericht) eignet sich als Hausmittel für erste Hilfe bei Insektenstichen, Sonnenbrand oder kleineren Hautverletzungen. Auch bei chronischen Hauterkrankungen wie Neurodermitis kann sie als Bestandteil einer Creme die Haut pflegen.
Doch: Aloe Vera ist kein Wunderheilmittel und kann auf keinen Fall die Schulmedizin ersetzen. Zu diesem Schluss kommt der ARD in seiner Sendung vom 14. November dieses Jahres und auch Michael Peuser betont das ausdrücklich. „Als Nahrungsergänzungsmittel ist Aloe Vera bloße Geldschneiderei“, sagt Frank Herfurth vom Verband Freier Heilpraktiker und Naturärzte in Köln, um mal eine andere Meinung zu hören. Doch Michael Peuser schwört auf Vitalgetränke mit Aloe Vera. „Sie können es fertig kaufen. Wichtig ist dabei, eine gute und vertrauenswürdige Marke zu finden, am besten mit dem Qualitätssiegel des IASC (International Aloe Science Council).“ Es sollte reines Aloegel sein, das lediglich mit den international üblichen und zugelassenen Konservierungsstoffen stabilisiert wurde. Gels oder Säfte aus erhitzter Produktion oder aus in Wasser aufgelöstem, gefrier getrocknetem Aloepulverkonzentrat sollte man vermeiden. Der Hauptwirkstoff des Aloe-Saftes ist Acemannan (neben 160 anderen). Im kosmetischen Bereich gibt es von der Zahnpasta bis zur Handcreme eine Aloe-Rundumversorgung und das sogar zu erschwinglichen Preisen.
Fazit des Abends: Neugierde auf ein ziemlich stacheliges Gemüse (denn dazu zählt es), das ich bisher überhaupt nicht beachtet habe, für ziemlich überflüssig hielt, doch jetzt als Pflanze bei mir eingezogen ist. Wie immer im Leben, gibt es die unterschiedlichsten Studien, die alles oder gar nichts belegen. Und daneben gibt es zwei Zitate, die vielleicht beide zutreffen: Der Glaube versetzt Berge und – wer heilt hat Recht.
Barbara Dickmann
