Menschen werden still . Manchmal fließen sogar Tränen – Tränen, weil Schuldgefühle genommen werden, weil das Gefühl des Verstehens im Raum schwebt und Tränen der Hoffnung. Denn Siegfried Schreiber ist einer der es geschafft hat, der ganz unten war, sieben lange Jahre und der jetzt oben ist – oben auf der Skala der Lebensfreude. Sieben Jahre Depression, wochenlange Aufenthalte in der Psychiatrie vom Schrecklichsten, Selbstmordversuche, völlige innere Leere, keine Trauer und keine Freude. Er will lieber tot sein, denn so zu leben ist unerträglich. Dann die Wende – ein Medikament und einen Arzt der zuhören kann – und viel, viel Eigenarbeit. Die guten Jahre halten an und Siegfried genießt jeden Tag. Vielen Menschen hat er schon geholfen, nicht nur durch seine Vorträge, sondern auch durch seine kostenlosen Beratungsstunden, die immer ausgebucht sind. Sein dritter Vortrag , den er für ´typisch frau` hält, ist genauso brisant, wie die beiden ersten. Doch Siegfried Schreiber hat ihn diesmal auf zwei Abende verteilt, da das Thema einfach zu umfangreich und auch nicht so einfach zu vermitteln ist.
,,Kann Psychotherapie bei Depressionen helfen?“ lautet der Titel und was Sie am ersten Abend erwartet, ist folgendes:
,,Psychotherapie“, Psychotherapeut“ – bei diesen beiden Begriffen gehen die Gedanken oft in völlig konträre Richtungen: Ist das eine erfolgreiche Heilmethode bei seelischen Leiden oder ist es Scharlatanerie oder erfolgloser Hokuspokus? Und ist das andere ein Diener oder Pfleger der Seele (so lautet die wörtliche übersetzung aus dem Griechischen) oder so etwas ähnliches wie ein selbst ernannter Guru? Jedenfalls will kaum einer wahrhaben, wenn er ihn in Anspruch nimmt, denn 26 Millionen Deutschen wäre es ausgesprochen peinlich, wenn Bekannte und Nachbarn erfahren würden, dass sie in psychotherapeutischer Behandlung sind. Aber immerhin geben 6,6 Millionen zu, dass sie wegen seelischer Störungen schon in therapeutischer Behandlung waren. Zwei Drittel von ihnen sind der Meinung, dass ihnen die Psychotherapie auch geholfen hat ihre Probleme zu lösen oder besser damit zurecht zu kommen. Das jedenfalls waren einige Ergebnisse einer
repräsentativen Umfrage, durchgeführt von der GfK-Marktforschung.
Die zum Teil widersprüchlichen Resultate der Repräsentativumfrage zeigen aber, dass seelische Erkrankungen und ihre Behandlung immer noch mit einem Tabu behaftet sind. Warum wohl? Die Antwort auf diese Frage ist nicht einfach und dafür müssen wir zurück in die Vergangenheit. Denn die Wurzeln der Psychotherapie reichen bis ins Altertum und in die Anfänge der Philosophie, doch ihre Geschichte als durchdachte Wissenschaft ist dagegen relativ kurz. Doch der Streit um die unterschiedlichsten Methoden und die Kritik an den Therapeuten ist genauso lang und bestimmt nicht dazu angetan, ein positives Bild von der Psychotherapie und den Psychotherapeuten zu vermitteln, sondern verunsichert seelisch Gesunde wie seelisch Leidende. Klaus Grawe, einer der renommiertesten Psychotherapieforscher , äußert sich im Vorwort seines oft genannten Buches ,,Psychotherapie im Wandel“ recht kritisch: ,, Wer die Psychologie liebt, hat oft Anlass, sich der Psychotherapie zu schämen“. Und Tana Dineen, kanadische Psychologin und Therapiekritikerin meinte 1998:
,,Der Glaube, dass die therapeutischen Dienstleistungen in irgendeiner Art nützlich sind, dürfte auf einer Täuschung beruhen“. Die Professorin Brigitte Woggon, eine bekannte Psychiaterin und Psychotherapeutin aus der Schweiz sagt sogar: ,,Es scheint, als würden manche Psychotherapeuten auf dem Rücken von Leidenden einen therapeutischen Purismus ausleben, der mehr der narzisstischen Bestätigung des Helfers dient als der echten Hilfestellung der Kranken“. Doch natürlich gibt es auch positive Meinungen. Ein Artikel im Psychologiemagazin ,,Psychologie Heute“, tendiert in diese Richtung: ,,Die Kombinationstherapie, Medikamente und Psychotherapie, ist bei depressiven Erkrankungen allen anderen Therapien überlegen“, so das Ergebnis einer neuen und umfangreichen Studie. Doch Psychotherapie ist besser als keine Psychotherapie – also immer noch besser als gar nichts, ist oft die Betrachtensweise vieler Therapiebefürworter und sicher angreifbarer als die Feststellung, dass eine
schlechte Therapie mehr Schaden anrichtet als keine Therapie!
Die Aussage von Wolfgang Siegel, Klinischer Psychologe und Verhaltenstherapeut, in seinem Buch ,,Tut mein Therapeut mir gut?“ dürfte der Wahrheit wohl ziemlich nahe kommen. Der Autor meint nämlich: ,, Sie finden den richtigen Therapeuten nicht dadurch, dass Sie die beste Psychotherapiemethode suchen, denn die Person, die sie anwendet, ist viel entscheidender“.
Seit dem 1. Januar 1999 gibt es das ,,Psychotherapeutengesetz“. Nach jahrzehntelangem Gerangel zwischen Politik, Kassenärztlicher Vereinigungen und Psychotherapieverbänden ist der Beruf ,,Psychotherapeut“ nun endlich geschützt und als wichtige Säule des Gesundheitsweisens akzeptiert. Doch die erhoffte Ruhe an der Psychotherapiefront ist mit dem Inkrafttreten des Gesetzes nicht eingekehrt. Wie Sie schon an diesen wenigen Sätzen erkennen, stellt sich Siegfried Schreiber zum Abschluss seiner dreiteiligen Themenreihe ,, Depression“ für ,, typisch frau“ einem sehr schwierigen Unterfangen. Denn die Frage : Hilft Psychotherapie bei Depression? Wird so manchem nicht gefallen. Doch wie immer, orientieren sich die Vortragsinhalte von Siegfried Schreiber an wissenschaftlichen Fakten, gründlichem Recherchieren und den Ergebnissen aus vielen persönlichen Gesprächen mit Betroffenen und ihren Angehörigen . Auch was er selbst erlebt hat, berichtet er in aller Offenheit. Auch wenn Siegfried Schreiber diesen umfangreichen Komplex auf zwei Abende verteilt hat – es werden schwierige Referate werden, denn das Thema ist nicht einfach zu vermitteln. Gedacht sind diese beiden Abende (siehe Info-Kasten) für depressiv Erkrankte, ihren Angehörigen sowie für interessierte Laien, die Einblick in das Thema gewinnen möchten. Freuen Sie sich auf zwei informative Abende, die trotz des nicht gerade witzigen Themas Siegfried Schreibers ureigenen Humor immer wieder durchbrechen lassen werden.
Barbara Dickmann
