Wenn das Chaos im Kopf unserer Kinder beginnt, wenn sich ihr Körper verändert und unser süßes Mädchen aufmüpfig wird und Papa nicht mehr heiraten will, beginnt ein Lebensabschnitt der Pubertät heißt und für uns bedeutet, dass aus Kindern Erwachsene werden. Was in unseren Kindern vorgeht und wie wir diese Zeit des Loslösens überstehen, war Thema eines Vortrags von Beate Berg-Haller, Sozialarbeiterin und Leiterin der Pro Familia in Villingen und Dipl.-Pädagogin Corina Stollbert, die ebenfalls bei Pro Familia arbeitet. Was bei den Mädchen passiert, berichteten wir in ,typisch frau ` vom 29. März und jetzt sind unsere jungen Männer an der Reihe, die auch ihre geregelten Probleme haben. Bei den Jungen beginnt die Pubertät erst ca. 2 Jahre später als beim Mädchen, also etwa im 12./13. Lebensjahr. Das größte Längenwachstum findet etwa mit 14 Jahren statt und dauert gut 2 Jahre. Dabei wachsen sie nicht gleichmäßig und fühlen sich oft schlaksig und unsicher. Auch Jungen beobachten genau, was mit ihrem Körper passiert und ganz besonders achten sie natürlich auf die Entwicklung ihrer Geschlechtsorgane. Beim gemeinsamen Duschen nach dem Sportunterricht wird dann verglichen, ob ihr Penis nicht zu klein ist, wer wohl beim Wettpinkeln am weitesten kann und selbst gemeinsames Onanieren ist völlig normal. Oft machen sich Ängste und Leistungsdruck breit, hinzukommen hübsche Schauspieler mit denen sie einfach nicht mithalten können. Hier hilft nur ein Wort von Mann zu Mann. Jungs sprechen ihre Sorgen oft nicht von sich aus an, deshalb ist der Vater oder eine andere männliche Bezugsperson gefordert auf den Jungen zuzugehen. Vielleicht kann er ihm einfach erzählen, wie es bei ihm früher war, was er für Sorgen und Nöte hatte. Die ersten Samenergüsse treten bei Jungen mit ca. 14 Jahren ein, häufig nachts, während eines so genannten feuchten Traums. Der Junge kann jetzt schon Vater werden, deshalb sollte er über Empfängnisverhütung bescheid wissen und sich auch dafür verantwortlich fühlen. Und natürlich darf das Thema Aids nicht fehlen. Jungen freuen sich über ihre Erektion, doch nicht, wenn sie ungelegen kommt, was in der Pubertät häufig ist. Dann sind Erektionen peinlich und sie schämen sich. Auch hier muss wieder Vater ran oder ein anderer männlicher Erwachsener, um mit ihm zu sprechen. Kommt der Stimmbruch ist die Penisentwicklung fast abgeschlossen, Scham- und Achselbehaarung wird voller und die Barthaare beginnen zu sprießen. Sollte sich auch die Brust vergrößern, ist das kein Grund zur Sorge, sie bildet sich von alleine wieder zurück. Kommen Jungen in die Pubertät haben vor allem allein erziehende Mütter Probleme, deren Exmann keinen oder nur sehr wenig Kontakt zu seinem Sohn pflegt. Soll sie sich eine männliche Vertrauensperson suchen oder selbst so stark sein und das Thema angehen? Da gehen die Meinungen auseinander, doch müssen Frauen wirklich alles leisten? Sicher gibt es für jede Frau im sozialen
Umfeld einen Mann, der ihren Jungen kennt und mit ihm vertrauensvoll sprechen kann. Ihre Aufgabe sollte es sein, einen Mann für ihren Sohn auszusuchen und ihn aufzufordern, auf ihren Jungen zuzugehen - denn von alleine kommt er bestimmt nicht.
Eltern von pubertierenden Jugendlichen bekamen noch in ihrer Jugend erzählt, dass Onanieren, masturbieren, zu deutsch: Selbstbefriedigung schädlich sei, zu Verblödung und Rückenmarkschwund führe. Auch die Androhung von Tod und Teufel verhinderte nichts, führte aber zu Schuldgefühlen, auf die man hätte verzichten können. Heute weiß es wirklich jeder: Kindliche, pubertäre und Masturbation im Erwachsenenalter zeugen in der Regel von körperlicher und psychosexueller Gesundheit. Am besten gehen Eltern damit um, indem sie die Intimsphäre ihrer Töchter und Söhne beachten. Anklopfen und nicht einfach ins Zimmer oder Badezimmer stürzen muss selbstverständlich sein und sollten Sie ihre Jugendlichen beim Onanieren überraschen, nicht empört reagieren. Das Beachten der Intimsphäre gilt auch für die kleineren Geschwister und einfach im Zimmer herumschnüffeln oder gar das Tagebuch zu lesen, lässt nicht gerade Vertrauen wachsen. Pubertät bedeutet auch, dass Eltern loslassen müssen und dass die Nabelschnur endgültig durchgetrennt wird. Und irgendwann ist das erste Mal. Das erste Mal, dass morgens am Frühstückstisch ein fremdes Gesicht sitzt und oder ihre Tochter/ ihr Sohn die Nacht beim Freund/der Freundin verbracht hat und Sie nicht so recht wissen, wie Sie damit umgehen sollen. Wie machen das denn die anderen Eltern? In einer Untersuchung von 1990 (Dannecker/Schmidt/Sigusch) sagen 4/5 der koituserfahrenen Mädchen und Jungen, dass sie mit ihrem festen Freund oder ihrer festen Freundin so oft sie es wollen bei einem der beiden zu Hause ungestört sexuell zusammen können - noch 1970 hätten sich Eltern der Kupplerei strafbar gemacht. Doch die liberale Haltung der Eltern hat das Verhütungsverhalten der Jugendlichen verbessert. 1970 nahmen 45 % der Jugendlichen beim 1. Geschlechtsverkehr ein sicheres Verhütungsmittel wie die Pille oder das Kondom und 1990 waren es bereits 79 %. Aus einer anderen Untersuchung (Neubauer ) von 1989, die nicht repräsentativ ist, geht hervor, dass über 10 % der 14jährigen Jungen und Mädchen Koituserfahrung haben, bei den 15jährigen Mädchen sind es 25%, bei den Jungen 20 % und mit 17 Jahren sind es bei den Mädchen 57% und bei den Jungen 75%. Sollte ihre Jugend anders ausgesehen haben, schlagen Sie jetzt nicht die Hände über dem Kopf zusammen und denken sie nicht an irgendwelche Verbote oder gar Hausarrest. Wichtig ist nur zu beachten, dass das Mädchen nicht unter Druck handelt, der von dem Jungen oder der Clique ausgeübt wird. Noch komplizierter wird die Lage, wenn der Freund wesentlich älter oder gar volljährig ist. Ähnliche Konflikte können auftreten, wenn die
14jährige Tochter die Pille wünscht oder Sie im Zimmer ein Kondom finden. ,,Und doch ist es heute nicht so, dass die Jugendlichen wahllos miteinander ins Bett hüften ,,sagt Beate Berg-Haller, die jedes Jahr gut 1.000 Jugendliche in der Schule oder in der Beratung erlebt, ,,ganz im Gegenteil: Treue, Liebe und vorläufig feste Beziehung liegen heute hoch im Kurs. Was nicht heißt, dass nicht mehrere feste Beziehungen aufeinander folgen können."
Dass Jungen in der Pubertät homoerotische Begegnungen haben, bedeutet nicht gleich, dass ihr Sohn sich zu Männern hingezogen fühlt. Nicht homosexuelle Kontakte sind entscheidend, sondern die begleitenden oder vorausgehenden Phantasien, also der Wunsch ob es ein Partner oder eine Partnerin sein soll. Machen Sie sich keine großen Sorgen, gleichgeschlechtliche Kontakte sind ganz normal. ,,Mann kann nicht zur Homosexualität verführt werden", erklärt Beate, deshalb sei eine tolerante Haltung angebracht. Das Coming Out eines Jungen, der homosexuell ist, zieht sich in der Regel über drei Jahre hin und ist oft begleitet mit heftigen Konflikten mit sich selbst und mit der Angst anders zu sein.
Wer sich vorher nicht um sein Kind gekümmert hat, wird dies in dieser Entwicklungsphase kaum nachholen können. Jugendliche spüren, wenn ihre Eltern sie nicht loslassen wollen, den Umgang mit Freunden und Freundinnen verbieten und rigide Ordnungen aufstellen. Und hier stellt sich eine große Frage: ,,Wem fällt die Trennung schwerer und spielen nicht auch die Ängste der Eltern ihre eigene Zukunft und Partnerschaft betreffend eine große Rolle? Auch Eltern, die jugendliches Verhalten kopieren und sich als Kumpel anbieten, werden oft zurückgewiesen und nicht selten ist die Beziehung von Großeltern zu Enkeln oft besser, denn hier gibt es keine direkte Erziehungsverantwortung und keine unmittelbare Abhängigkeit. Doch die zunehmende Abkehr bedeutet nicht automatisch, dass der Einfluss der Eltern zu Ende wäre. Unsere Jugendlichen wünschen sich weiterhin einen Dialog und manchmal auch die Konfrontation der eigenen Wertvorstellung mit denen der Eltern. Zu diesem Dialog ist allerdings Partnerschaftlichkeit und Offenheit notwendig, frei von Besserwisserei und Bagatellisierung. Wir Erwachsenen müssen echt sein, zu unseren Schwächen stehen und die Chance erkennen, die die Pubertät gibt: Nicht als Original geboren zu werden und als Kopie zu sterben, sondern einen eigenen Weg zu suchen, der die Wünsche und Fähigkeiten der jungen Männer und Frauen berücksichtigt.
Was Dipl.-Sozialpädagogin Corina Stollbert von ihren beiden Workshops mit Mädchen in der Pubertät als Botschaft an die Mütter weitergeben soll, ist mit einem Satz gesagt: Lass mich einfach in Ruhe, wenn ich mal schlecht drauf bin, denn ich hab keinen Bock auf Fragen.
Barbara Dickmann
